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Digitale Zivilcourage

Seit der rasanten Verbreitung des Internets bieten sich deren NutzerInnen neue Formen der Kommunikation, die sich zunehmend von der privat-individuellen Ebene auf die öffentlich-gesellschaftliche Ebene verlagern. Das übergeordnete Schlagwort hierfür ist „Web 2.0“, das für das neue Nutzungsverhalten im Internet hin zum/zur öffentlich-gestaltenden UserIn steht. Weitere Charakteristika und Stichwörter für das Web 2.0 sind „user-generated content“ (von privaten NutzerInnen erstellte Online-Inhalte), „social collaboration“ (die Zusammenarbeit von mehreren Personen mit Hilfe des Internets) und „ProsumentInnen“ (die Verlagerung der Rolle von reinen KonsumentInnen zu gleichzeitigen ProduzentInnen).

Quelle: result gmbh

Nun klingen all diese Entwicklungen, die die neuen Technologien angestoßen haben, prinzipiell fortschrittlich und positiv. Immerhin bergen die neuen Nutzungsmöglichkeiten des Web 2.0 das Potential, private UserInnen niederschwellig miteinander zu vernetzen und an unterschiedlichsten gesellschaftlichen Prozessen teilhaben zu lassen – von Internet-Start-Ups, eLearning-Plattformen, geteilten Fotogalerien, selbst erstellten Videochannels und lexikonartigen Wikis, Meinungsbildungsprozessen via Chat oder Foren bis hin zu Bürgerbeteiligung im Sinne der partizipativen und deliberativen e-Demokratie. All das ist grundsätzlich ohne Einschränkungen durch institutionelle Barrieren wie Zeitungsredaktionen, Rundfunkanstalten oder Verlage möglich, wiewohl auch diese inzwischen stark am Web 2.0 beteiligt sind (z. B. in Sozialen Netzwerken oder in Form von multimedialen Online-Zeitungsportalen mit Chat-, Foto-, Videoblog- oder Forenfunktionen für UserInnen).

Dass NutzerInnen ihre Web-Inhalte nun auch an den genannten Institutionen vorbei veröffentlichen und unter einem großen Publikum verbreiten können, birgt allerdings auch erhebliche Gefahren und Risiken für die Gesellschaft, einschließlich der NutzerInnen und der genannten (Social Media-) Plattformen, die allzu oft für hetzerische Botschaften missbraucht werden (siehe auch den Abschnitt zu Fake News). Das Phänomen Cyber Hate entpuppt sich gewissermaßen als Kehrseite des Web 2.0: Hass-Nachrichten, Beleidigungen, Verleumdungen, Rassismus, Extremismus, Diskriminierung und Mobbing – für all das wirkt das Web 2.0 wie ein Brandbeschleuniger.

Mittlerweile wurde das Phänomen Cyber Hate glücklicherweise auch von öffentlicher und gesetzgeberischer Seite als gesellschaftliches Problem ausgemacht, sodass nun neben den bereits seit Längerem aktiven zivilgesellschaftlichen Vereinen (z. B. ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit) auch die Politik dagegen vorgeht – oder besser gesagt: beginnt dagegen vorzugehen, denn aufgrund der Komplexität der Materie konnten bisher nur erste Schritte gesetzt werden (offen ist zum Beispiel die Frage, ob und wie Social Media-Seiten wie Facebook unter medienregulatorische Auflagen gestellt werden sollen; immerhin diskutierte der ehemalige Medienminister Thomas Drozda mit dem deutschen Justizminister Heiko Maas Maßnahmen, wie Facebook hier stärker in die Pflicht genommen werden kann). Mit 1. Jänner 2016 wurde ein neuer Paragraph gegen Cybermobbing in das Strafgesetzbuch aufgenommen (§ 107c, StGB) sowie der bestehende Paragraph gegen Verhetzung (§ 283, StGB) verschärft, sodass darin nun auch pauschale Hetze gegen negativ definierte Gruppen wie „Ausländer“ oder „Ungläubige“ in einer Öffentlichkeit ab ca. 30 Personen (bisher 150 Personen) erfasst ist.

Im November 2016 fand zudem auf Initiative des ehemaligen Bundesratspräsidenten Mario Lindner eine parlamentarische Enquete zum Thema Digitale Courage statt, als deren Ergebnis ein Grünbuch herausgegeben wurde (vgl. Parlamentsdirektion 2016). Bereits zuvor haben die Grünen einige Klagen gegen Facebook eingebracht und im Fall der Hasspostings und Falschmeldungen über Eva Glawischnig auch gewonnen (in weiterer Folge muss Facebook Hasspostings nun landesweit löschen, anstatt sie nur zu sperren, und darüber hinaus gilt österreichisches Recht für Klagen gegen Facebook), während die Klage wegen Cybermobbing (hier ging es um ein mehrere Tage lang online belassenes Prügelvideo auf Facebook) abgewiesen wurde. Zuletzt wurde mit 15. September 2017 eine Beratungsstelle gegen Hass im Netz eingerichtet, die von juristisch und psychosozial geschulten MitarbeiterInnen der gemeinnützigen Organisation ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit betrieben wird. Diese beraten Opfer und ZeugInnen von Hasspostings, Cybermobbing sowie anderen Formen von verbaler und psychischer Gewalt, die im Internet ausgeübt werden, kostenlos – mit dem Ziel „alle in der Gesellschaft zu stärken und jenen Rückendeckung zu geben, die Opfer von Hass im Netz sind“ (vgl. help.gv.at, #GegenHassimNetz).

Ziel der vorliegenden Unterrichtssequenzen ist es, SchülerInnen im Hinblick auf die Problematik des Phänomens Cyber Hate zu sensibilisieren, seine Mechanismen zu durchschauen sowie Möglichkeiten im Umgang damit an die Hand zu geben, sodass sie Gegenstrategien im Sinne einer Digitalen Zivilcourage entwickeln können.

 

Unterrichtsablauf

Das Modul setzt sich aus fünf Unterrichtssequenzen zusammen:

Zum Einstieg werden die SchülerInnen mit einem Hassposting konfrontiert, auf das sie mit Offline-Postings in Form von Post-Its reagieren sollen, woran eine Reflexion der Problematik und Hintergründe rassistischen und diskriminierenden Sprachgebrauchs im Internet anschließt.

In der zweiten Unterrichtssequenz werden das Ausgangsposting sowie die Post-Its der SchülerInnen einer eingehenden sprachlichen und argumentativen Analyse unterzogen. Ziel ist, dass SchülerInnen rassistischen und diskriminierenden Sprachgebrauch im Internet nicht nur treffsicherer erkennen, sondern auch sprachliche und argumentative Instrumentarien für die Gegenrede bekommen.

Die dritte Unterrichtssequenz beschäftigt sich mit den rechtlichen Rahmenbedingungen von Cyber Hate und Cyber Mobbing. Die SchülerInnen sollen anhand einer Richtig-/Falsch-Liste einschätzen, welche Behauptungen bezüglich der Strafbarkeit von Handlungen im Internet der Wahrheit entsprechen und welche nicht. Daran schließt in einer vierten Unterrichtssequenz ein Arbeitsauftrag zum Verfassen eines Kommentars an, in dem die SchülerInnen für oder gegen die Einführung von staatlichen Auflagen gegen Facebook und Co. argumentieren sollen.

Die letzte Unterrichtssequenz greift die Postings aus der ersten und zweiten Unterrichtssequenz wieder auf, um aus ihnen Strategien für ein Engagement im Sinn der Digitalen Zivilcourage abzuleiten (z. B. in Form eines Leitfadens gegen Stammtischparolen).

 

Verfasser:

Niku Dorostkar

 

Weiter zu:
Einführung: Offline posten mit Post-Its
Postings analysieren
Gesetzliche Rahmenbedingungen kennen und einschätzen lernen
Für und gegen staatliche Auflagen für Facebook & Co argumentieren
Abschluss

Zum Beginn des LernmodulsSoziale Medien und Stärkung digitaler Zivilcourage

 

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