International besteht wissenschaftlicher Konsens darüber, dass Klimawandel existiert, menschengemacht ist und ein immenses Risiko für den Fortbestand der Menschheit sowie zahlreicher anderer Lebewesen darstellt (vgl. Uscinski et al. 2017: 2). Dennoch geht die Offenlegung von wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Klimawandel mit Polarisierungen und einem Anstieg in verschwörungserzählerischem Denken einher (vgl. Douglas/Sutton 2015: 102). Dieses basiert auf einer allgemeinen Ablehnung von wissenschaftlichen Methoden, Wissenschaftler*innen und der gesellschaftlichen Rolle von Wissenschaft (vgl. Uscinski et al. 2017: 1). Der Frage, wie innerhalb unserer Gesellschaft Wissen generiert wird und welche auch berechtigte Kritik es an wissenschaftlichen Institutionen gibt, ist die Wissensstation 6 „Was ist Wissen(-schaft)?“ gewidmet
Der Begriff der Great Global Warming Conspiracy beschreibt eine Vielzahl von Verschwörungserzählungen, die die gemeinsame Annahme teilen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel übertrieben oder manipuliert seien – meist von Personen oder Gruppen, die daraus einen persönlichen oder politischen Nutzen ziehen wollen. Die Verbreitung dieser Erzählungen hängt also auch eng mit einem mangelnden Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen zusammen. Dieses Feld ist durch eine große Bandbreite an Motiven und beteiligten Akteur*innen gekennzeichnet (vgl. Douglas/Sutton 2015: 100).
Hier wird auch deutlich, dass die Wahrnehmung von Wissenschaft und Klimawandel stark vom kulturellen, politischen und sozialen Kontext abhängt. Internationale Vergleiche zeigen deutliche Unterschiede im Vertrauen gegenüber wissenschaftlichen Institutionen sowie in der Akzeptanz klimabezogener Fakten. Eine Studie, die von SAP (Systeme, Anwendungen und Produkte in der Datenverarbeitung) und Qualtrics durchgeführt wurde, zeigt etwa auf, dass die Skepsis gegenüber Aussagen von Klimawissenschaftler*innen in Ländern wie Russland, Japan, der Ukraine oder den USA am höchsten ist (Whiting 2020). Auch in Deutschland, Polen und Frankreich zeigt sich rund die Hälfte der Befragten skeptisch.
In derselben Studie wurden Befragte gebeten, eine von drei Aussagen zu wählen, die ihrer Haltungen zur Erderwärmung am nächsten kommt. Global gesehen stimmen mehr als zwei Drittel der Menschen der Aussage zu, dass die Erderwärmung hauptsächlich von Menschen verursacht ist, vor allem Befragte aus Lateinamerika und der Karibik sowie aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara. In den USA liegt der Anteil an Menschen, die dieser Aussage zugestimmt haben bei 59 %, in Ostasien und der Pazifikregion bei 54 %. Etwas weniger als ein Drittel der Weltbevölkerung stimmt der Aussage zu, dass die Erderwärmung zwar existiere, dies jedoch auf „natürliche“ Faktoren zurückzuführen sei. Ungefähr 6 % der weltweit Befragten leugnen die Erderwärmung komplett. In den USA liegt die Zustimmung zu dieser Haltung bei 9 % (ebd.). Diese Studienergebnisse illustrieren die Diskrepanz zwischen dem breiten wissenschaftlichen Konsens und dessen gesellschaftlich stark variierender Akzeptanz, was einen Nährboden für klimabezogene Verschwörungserzählungen bietet.
In Bezug auf die Glaubwürdigkeit von Klimaforschung lassen sich mehrere konkrete Problemfelder ausmachen. Einerseits ist die Klimawissenschaft ein hochkomplexes Forschungsgebiet, das in einem hohen Maß auf Datenverarbeitung aus unterschiedlichsten Feldern setzt. Wissenschaftler*innen arbeiten mit verschiedenen Methoden und Theorien. Das ist grundsätzlich wünschenswert, denn je mehr verschiedene Sichtweisen es gibt, desto besser kann man sich einer gemeinsamen Vorstellung von Wirklichkeit nähern. Auch wenn es einen wissenschaftlichen Konsens über die Existenz des menschengemachten Klimawandels und dessen katastrophale Auswirkungen gibt, sind sich Forschende in genauen Prognosen oft uneinig. Übereinstimmung herrscht aber darüber, dass politisches Handeln eindeutige Aussagen voraussetzt, um klare Entscheidungen treffen zu können. Deshalb wird von Wissenschaftler*innen oft verlangt, klare Prognosen abzugeben, auch wenn sie selbst noch unsicher sind. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld: Die Wissenschaft ist sich uneins, aber die Politik verlangt einfache und eindeutige Ergebnisse (Leuschner 2012: 195).
Ein weiteres Problem ist, dass bestimmte Gruppen, wie zum Beispiel aus der Industrie oder aus der Politik, diese Unsicherheiten ausnutzen. Sie verbreiten gezielt den Eindruck, dass es in der Klimaforschung grundlegende Meinungsunterschiede gebe, etwa was die Existenz des menschengemachten Klimawandels betrifft. Auch Behauptungen, dass die Erderwärmung gar nicht so schlimm sei oder sogar Vorteile bringen könne, wurden mit einem breiten wissenschaftlichen Konsens widerlegt. Dennoch konzentriert sich die öffentliche Berichterstattung häufig auf bestehende Unsicherheiten, anstatt gesicherte Erkenntnisse hervorzuheben. Dadurch entsteht der Eindruck, politische Maßnahmen seien verfrüht oder noch nicht notwendig. Diese Wahrnehmung ist problematisch, da sie gezielt gefördert werden kann, um dringend erforderliche Veränderungen zu verzögern (ebd.: 196).
Hinzu kommt, dass in der Klimaforschung Menschen aus vielen verschiedenen Ländern zusammenarbeiten. Alle haben unterschiedliche Erfahrungen, Interessen und kulturelle Hintergründe. Das macht es schwer, aus der Vielzahl an Studien und Daten eine gemeinsame Empfehlung zu formulieren. Ein gutes Beispiel dafür ist der Weltklimarat (IPCC). Er versucht, viele Tausend wissenschaftliche Publikationen auszuwerten und daraus politische Empfehlungen abzuleiten. Aber selbst der Konsens, der am Ende dabei herauskommt, bleibt oft vage und vorsichtig, weil er viele Perspektiven und Unsicherheiten berücksichtigen muss. Deshalb ist es in manchen Fällen fraglich, ob es überhaupt möglich ist, die wissenschaftliche Debatte irgendwann ganz abzuschließen. Zu Vieles ist unklar: etwa wie Wolken oder Meeresströmungen genau wirken oder wie gut man riesige Datenmengen überhaupt in Modelle fassen kann (ebd.: 196f.). Diese anhaltende Offenheit wird von Skeptiker*innen oft als Beweis gegen den Konsens missverstanden.
Wissenschaftler*innen sind sich allerdings auch hier weitgehend einig, dass die bereits bestehende Forschung ausreichend ist, um daraus politische Handlungen abzuleiten. Nicht zu handeln hat gerade hinsichtlich der Erderwärmung fatale Folgen. Um also gegen den Klimawandel vorzugehen, bedarf es gemeinsamer politischer Entscheidungen. Diese setzen eine sich weitgehend deckende Wahrnehmung der Realität voraus. Weichen Verschwörungserzählungen diese gemeinsame Wahrnehmung auf, so verhindert das auf Dauer demokratische Entscheidungsfindungen (vgl. z.B. Austrian Panel on Climate Change 2025).