Medien- und Wissenschaftsfeindlichkeit
Sowohl (neo-)faschistische Ideologien als auch Verschwörungserzählungen bevorzugen emotional aufgeladene, mythische Erzählungen gegenüber Beweisen und rationalen Debatten und betrachten Fakten, die ihre Weltanschauung in Frage stellen, oft als absichtliche Täuschungen durch Feinde oder Eliten. Diese Dynamik schafft den Nährboden für die wichtigste Voraussetzung für Verschwörungsglauben: Die Überzeugung, dass es eine Medien- und Wissenschaftsverschwörung gäbe. Ein Kernelement von Verschwörungsnarrativen ist die Darstellung der Mainstream-Medien und wissenschaftlichen Institutionen als absichtliche Manipulator*innen. Verschwörungsgläubige gehen davon aus, dass sie unter der Kontrolle versteckter Eliten stehen, die daran arbeiten, die Öffentlichkeit zu täuschen und abweichende Stimmen zu unterdrücken (Butter/Knight 2020; TEACH-Konsortium 2021). In Österreich und anderswo spiegelt sich dies sowohl in einem weit verbreiteten allgemeinen Misstrauen gegenüber traditionellen Medien als auch in konkreten Verschwörungsbehauptungen während Ereignissen wie der COVID-19-Pandemie wider. So wurde Medienunternehmen vorgeworfen, Risiken von Impfstoffen zu verschweigen oder alternative Ansichten zu ignorieren, die wissenschaftliche Fakten ablehnten oder als Elemente eines orchestrierten Betrugs umdeuteten (Bundesstelle für Sektenfragen 2021; Larsson 2020; Rao/Andrade 2011).
Entscheidend ist, dass antisemitische Stereotypen mit dieser Skepsis verschmelzen. Juden*Jüdinnen werden als geheimnisvolle Strippenzieher*innen dargestellt. Diese sollen angeblich sowohl die Medien als auch die wissenschaftlichen Einrichtungen dominieren. Dadurch wird der alte Topos aus den „Protokollen der Weisen von Zion“ fortgeführt (siehe Feindbilder: Antisemitismus, Rassismus und Islamfeindlichkeit). Dieser spiegelt sich auch in zeitgenössischen Verschwörungserzählungen wider (United States Holocaust Memorial Museum 2024). In diesen wird institutionelles Misstrauen als Waffe eingesetzt, um gezielt Sündenböcke zu finden, insbesondere wenn Medienmanipulation und angeblicher wissenschaftlicher Betrug als Beweise für eine umfassendere Verschwörung jüdischer Eliten dargestellt werden, um nichtjüdische Bevölkerungsgruppen zu täuschen und zu kontrollieren. Solche Verschwörungsstereotype verstärken die Gefahren von Desinformation, indem sie allgemeine Skepsis mit spezifischen, historischen Mustern des Hasses verbinden (Gerster et al. 2021). Mehr zum Zusammenhang zwischen Verschwörungserzählungen und Desinformation gibt es in dem dazugehörigen Lexikoneintrag.
Wahrheit, Lüge und das Spiel mit dem „Fake“
Wie zuvor erwähnt wurden die Grundnarrative von Verschwörungserzählung maßgeblich durch den Faschismus des 20. Jahrhunderts geprägt. So wurde auch die verschwörungserzählerische Idee von Wahrheit beeinflusst. Auch im heutigen Neofaschismus spielt das eine zentrale Rolle. Unter Neofaschismus versteht man moderne Formen des Faschismus, die sich in vielen Aspekten vom historischen Faschismus unterscheiden (Weiß 2017). „Neo“ bedeutet so viel wie „neu“. Neofaschistische Ideologien und Strategien sind also an den heutigen Kontext angepasst. Ein wichtiger Baustein von faschistischen und neofaschistischen Denkweisen ist, dass Geschichten und Mythen wichtiger sind als Fakten und Beweise (Finchelstein 2020: 11–19, 33–39).
Diese Geschichten drehen sich vor allem um den Mythos der westlichen Nationen. Sie sollen die Wirklichkeit so beeinflussen, wie es Faschisten wollen. Dabei dürfen echte Fakten und die Realität nicht im Weg stehen, wenn es um die angebliche „Wahrheit“ des Faschismus geht. Eine ähnliche Dynamik findet sich auch in Verschwörungserzählungen, wo Fakten umgedeutet werden, um die Idee der Existenz einer böswilligen Verschwörung zu unterstützen, sie aber selten erfolgreich zur Widerlegung der Verschwörungserzählung genutzt werden können. Verschwörungsgläubige erlangen oft unglaubliches Detailwissen über die Fakten, die zu einer Verschwörungserzählung passen. Die Fakten, die jedoch nicht passen oder die Verschwörungserzählung widerlegen, werden ignoriert. Oft nehmen Verschwörungsgläubige auch an, dass widersprüchliche Fakten gezielt von verschwörerischen Eliten gesät werden, um die Menschen auf die falsche Fährte zu locken. In ihrer tiefen Skepsis dem System gegenüber wird besonders das, was als allgemeingültige Rationalität gilt und von Medien, Wissenschaft und/oder Politik unterstützt wird, als irreführend wahrgenommen. Stattdessen vertrauen Verschwörungsgläubige auf ihre eigenen Recherchen, die stark von ihren Ängsten und ihrem Verschwörungsglauben beeinflusst sind. Auch im (Neo-)Faschismus werden die eigenen Ängste und die faschistische Ideologie über die „allgemeine Vernunft“ gestellt, sodass nur das als wahr anerkannt wird, was die nationalistische Idee des Wohls der „rasseneinheitlichen“ Nation weiterbringt (Bhatt 2021: 40–41; Finchelstein 2020: 44–45).
Im (Neo-)Faschismus wird die eigene Wahrheit als heilig angesehen und als Gegensatz zu den Lügen der Feinde dargestellt (Finchelstein 2020: 25). Diese Feinde sind zum Beispiel Liberale, Linke, Juden*Jüdinnen und besonders die Demokratie. Demokratie und Gleichheit werden als Lügen dargestellt. Stattdessen wird eine natürliche „Rassenordnung“ als Wahrheit präsentiert. Auch die Herrschaft eines starken Führers wird gerechtfertigt, da er als Teil des Schicksals der Nation gesehen wird. Nicht alle Verschwörungserzählungen glauben an eine Rangordnung von „Rassen“ oder wollen Diktaturen. Dennoch finden wir in fast allen Verschwörungserzählungen die Unterstellung, dass Liberale, Linke oder Juden*Jüdinnen gefährliche Lügen über den Anspruch jedes Menschen auf die gleichen Rechte verbreiten würden, um ihre Pläne zur Zerstörung der westlichen Welt voranzutreiben.