Verschwörungserzählungen stellen eine der größten Herausforderungen für moderne demokratische Gesellschaften dar. Sie erschüttern das Fundament demokratischer Diskurse und tragen zu gesellschaftlicher Polarisierung bei (Hansen 2025; Von Ramin 2023). Besonders beunruhigend ist ihre Tendenz zur Entmenschlichung. Wenn Verschwörungserzählungen komplexe gesellschaftliche Probleme auf das vermeintlich böswillige Handeln bestimmter Gruppen reduzieren, fördern sie dabei „Freund-Feind-Schemata“. Diese Unterscheidung legitimiert oft die Diskriminierung von bestimmten Bevölkerungsgruppen. Solche Narrative gefährden nicht nur das Vertrauen in demokratische Institutionen, sondern begünstigen auch die Radikalisierung von Bürger*innen und können sogar Gewalt legitimieren (Hansen 2025; Von Ramin 2023). Ein Narrativ bezeichnet eine zusammenhängende Erzählung oder Deutung. Diese bringt Ereignisse, Fakten oder Erfahrungen in einen bestimmten Sinnzusammenhang. So nimmt sie Einfluss darauf, wie Menschen die Welt und ihr eigenes Handeln wahrnehmen.
Die wissenschaftliche Definition von Verschwörungserzählungen erweist sich jedoch als komplexes Unterfangen. Wie Butter und Knight (2020) betonen, ist der „Begriff ‚Verschwörungstheorie‘ alles andere als neutral im alltäglichen Diskurs“ (S. 3). Oft wird er „in einem abwertenden Sinne“ verwendet, um Diskussionen zu beenden (ebd.). Zudem macht die Tatsache, dass „Verschwörungen tatsächlich geschehen“, eine klare Abgrenzung zwischen berechtigten Verdächtigungen und verschwörungstheoretischen Weltanschauungen schwierig (ebd.: 4). Michael Butter (2021) definiert Verschwörungstheorien als Behauptungen, dass „mächtige Akteure hinter den Kulissen einen perfiden Plan verfolgen“. Nach Barkun (2003) geschieht in Verschwörungserzählungen nichts durch Zufall, nichts ist wie es scheint, und alles ist miteinander verbunden.
Gerade weil sich Verschwörungserzählungen kontinuierlich wandeln und je nach gesellschaftlichem und historischem Kontext anpassen (Römer 2021; Spiegel et al. 2020), ist es wichtig, die Grundnarrative zu verstehen, auf denen sie basieren. Diese Erzählmuster bleiben trotz oberflächlicher Veränderungen konstant und helfen uns, Verschwörungserzählungen zu erkennen.
Was ist „die Verschwörung“?
So wie der Name schon sagt, steht im Zentrum einer Verschwörungserzählung die Angst vor einer Verschwörung. Es wird angenommen, dass jegliche Geschehnisse in einer Gesellschaft, wie zum Beispiel Finanzkrisen, Kriege, Gesundheitskrisen, Armut, bestimmte Wetterereignisse oder öffentliche Debatten, von einer mächtigen Gruppe von Menschen geplant wurden (Popper 1959: 276–285). Alle Verschwörungserzählungen handeln von dieser mächtigen Gruppe, die den Rest der Menschheit heimlich kontrolliert und ausbeutet, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen (Cubitt 1989: 13). Wichtig ist, dass diese kleine, mächtige Gruppe laut der Verschwörungserzählung immer im Geheimen agiert.
Verschwörungsgläubige gehen davon aus, dass diese Gruppe durch ihren Einfluss auf Politik, Wissenschaft und Medien ihre bösen Machenschaften durchsetzen und vertuschen kann (Brooks 2023: 3281). Zentral ist auch, dass die Welt der Verschwörungserzählungen klar in Gut und Böse eingeteilt ist (Cubitt 1989: 13–16). Auf der dunklen Seite der Macht stehen die mächtigen Eliten und das, was sie kontrollieren, also Medien, Politik und Wissenschaft. Sie verfolgen in Verschwörungserzählungen meist einen großen Masterplan, um die Weltherrschaft zu erringen oder die westliche Welt zu zerstören. Die breite Masse der Menschen sind die „unwissenden Schafe“, wie sie oft im Verschwörungsjargon genannt werden. Sie denken, sie wären selbstbestimmt, ihre Entscheidungsmöglichkeiten werden ihnen aber von der bösen Elite vorgegeben. Zu guter Letzt gibt es diejenigen, die meinen, den bösen Plot der Eliten erkannt zu haben. Sie kämpfen gegen das angebliche Böse und für das Gute, indem sie an der weiteren Aufdeckung der angeblichen Verschwörung arbeiten und die „Schafe“ aufklären. In einigen Fällen setzen sie als selbsterklärte Freiheitskämpfende sogar physische Gewalt gegen die angeblichen Verschwörenden und deren Kompliz*innen ein. Dabei ist grundlegend, dass Verschwörungserzählungen auch immer ein „Wir gegen Die“-Narrativ spinnen (Koper 2023: 17–20).
In diesem Themenmodul tauchen wir tiefer in die wichtigsten Narrative von Verschwörungserzählungen ein. Denn über die Idee der Verschwörung hinaus ziehen sich auch andere Themen konstant durch die verschiedenen Verschwörungserzählungen. Es geht immer wieder um große Bedrohungen. Diese sollen oft aus dem Osten kommen oder von nicht-weißen Menschen ausgehen. Es geht um die angebliche Auslöschung der westlichen Welt. Oft steht die Angst im Mittelpunkt, dass die traditionelle Familieneinheit in Gefahr ist. Auch widerständiges Heldentum und eine natürliche „Rassenordnung“ spielen eine Rolle. Böse Kommunist*innen, Sozialist*innen, Juden*Jüdinnen, Feminist*innen und manchmal gar Echsenmenschen werden als Feindbilder dargestellt. Außerdem stellt sich immer wieder die Frage, was eigentlich Wahrheit ist. Was diese Themen mit unterschwelligem bis explizitem Hass gegen Juden*Jüdinnen, People of Colour, Frauen, queere Menschen und Linke zu tun haben, wollen wir hier einmal unter die Lupe nehmen.
[Die gegenderte Schreibweise von „Jude“ ist aus historischen Gründen umstritten (Latkes*Berlin 2020). Wir verwenden die Schreibweise „Juden*Jüdinnen“.]
Begriffserläuterung: People of Colour bezeichnet Menschen, die nicht als weiß gelten. LGBTQIA*+ umfasst Menschen mit verschiedenen Genderidentitäten und sexuellen Orientierungen: Lesbisch, Schwul (das G steht für das englische Gay), Trans*, Queer, Intersex, Asexuell und Agender. Mit dem Begriff Gender werden die sozialen Geschlechterrollen und -ausdrücke gemeint, nicht das biologische Geschlecht. Das Pluszeichen signalisiert, dass auch andere Genderidentitäten und sexuelle Orientierungen außerhalb der vorherrschenden Gender- und Sexualitätsnormen mit inbegriffen sind. In diesem Text beschreiben wir Menschen der LGBTQIA*+ Gemeinschaft auch als queer.