Gut gegen Böse

Digitale Selbstlernformate zu Verschwörungserzählungen | Themenmodul 01

Während die antisemitischen Grundnarrative von Verschwörungserzählungen bis ins Mittelalter zurückreichen, kann die populäre Verbreitung (antisemitischer) Verschwörungsnarrative auf das Erstarken von faschistischer Ideologie seit dem späten 19. Jahrhundert zurückgeführt werden. Die faschistische Einfärbung der gängigen Verschwörungserzählungen zeigt sich vor allem durch das Weltbild, die Mythologie und die Feindbilder, die in ihnen vermittelt werden.

Es geht immer wieder um die Gefahr der Auslöschung der zivilisierten, westlichen Welt durch Migration, Feminismus und Liberalismus, angezettelt von jüdischen Eliten (Bhatt 2021; Braune 2019). Im Mittelpunkt steht ein kosmischer Krieg zwischen Gut und Böse, in dem die vorgebliche natürliche Ordnung, also die Überlegenheit der westlichen Zivilisation und die Reinheit der westlichen Seele, vor der Zerstörung durch den „Orient“ gerettet werden muss. Es ist daher auch kaum verwunderlich, dass es eine starke Überlappung von Verschwörungsgläubigen und Rechtsextremen gibt.

 

Endzeitvorstellungen und Untergangsängste

Und so kommen wir zum nächsten Grundnarrativ von Verschwörungserzählungen: die ständig drohende, unmittelbar bevorstehende Zerstörung der westlichen Zivilisation durch böse nicht-westliche Kräfte. Sowohl der historische Faschismus als auch der Neo-Faschismus basieren auf einer fundamentalen Angst vor einer biologischen und kulturellen Ausrottung der weißen „Rasse“ (Bhatt 2021). Diese Angst meint vor allem die Sorge, dass weniger Kinder geboren werden, dass die westliche Kultur verloren geht und dass Menschen aus anderen Ländern nach Europa kommen und die weißen Europäer*innen allmählich verdrängen. Außerdem gibt es die Vorstellung, dass eine jüdische Elite dahinter einen bösen Plan verfolgt. Die zentrale Verschwörungserzählung, mit der viele andere Verschwörungserzählungen verbunden sind, ist die Erzählung des sogenannten „Großen Austauschs“ oder, wie sie auf Englisch genannt wird, „The Great Replacement“.

Es handelt sich um eine rechtsextreme Verschwörungserzählung, in der von einem jüdischen Plot ausgegangen wird, nach dem die westliche (also weiße) Zivilisation, die Bevölkerung und ihre Kulturen ausgelöscht werden sollen (Tell Mama 2024: 18; Holzberg 2024). Teil dieses Plans soll die gezielte Senkung westlicher Geburtenraten sein, die beispielsweise durch die Verbreitung von feministischen Debatten in den angeblich jüdisch gesteuerten Medien und Wissenschaften und die institutionelle und finanzielle Unterstützung von feministischer Politik durch jüdische Eliten in die Wege geleitet wurde. Das Recht auf Abtreibung, das Recht auf Selbstverwirklichung in Bezug auf die eigene Genderidentität und Sexualität und alternative, queere Familienkonstellationen werden als Taktiken zur Senkung der Geburtenrate verstanden. Jüdische Eliten werden außerdem beschuldigt, die Migration von Menschen aus muslimischen Ländern zu befördern, um deren angebliche arabische Aggressivität als Waffe gegen die westlich-christliche Bevölkerung zu nutzen. Auch hier werden Menschenrechte wie das Recht auf Asyl als Bedrohung wahrgenommen, da muslimische Menschen durch eine rassistische und islamophobe Linse gesehen werden. Mehr über den „Großen Austausch“ gibt es in dem dazugehörigen Lexikoneintrag.

Diese Weltuntergangsstimmung schafft einen permanenten Krisenzustand, der angefacht wird durch Antisemitismus, Rassismus und Hass gegen Frauen, Feminist*innen und queere Menschen. Gesellschaftliche Veränderungen, kulturelle Vielfalt und Gleichberechtigung werden als große Bedrohungen dargestellt, gegen die man sich sofort wehren müsse. So werden aus normalen politischen Meinungsverschiedenheiten große Kämpfe zwischen „Zivilisation“ und „Barbarei“. Extreme Maßnahmen werden mit ihrer Notwendigkeit gerechtfertigt, um den Zusammenbruch der „Zivilisation“ zu verhindern. Das führt dazu, dass rechtsextreme Ansichten, die früher nur am Rand der Gesellschaft zu finden waren, plötzlich mitten in der Politik normal werden, weil sie als nötig erscheinen. Diese Weltuntergangserzählungen sind deshalb eine große Gefahr für die Demokratie. Sie bedrohen unsere Fähigkeit, fair zu streiten und Kompromisse zu finden.

 

„Wir“ und „die Anderen“ – Freund-Feind-Denken

Verschwörungsgläubige nehmen sich selten nur als Opfer der bösen Eliten war, sondern oft als Kämpfer*innen gegen das Böse. Diese Entwicklung hin zum selbsterklärten Widerstandskampf entsteht oftmals dadurch, dass Verschwörungserzählungen ganz gezielt auf bestehende Vorurteile und Unmut anspielen, diese künstlich verstärken und auf bestimmte Sündenböcke verschieben oder auch neue Feindseligkeiten erschaffen (Koper 2023: 17–20). Verschwörungserzählungen konstruieren und verstärken so die Trennung zwischen Eigengruppen und Fremdgruppen.

Die Eigengruppe ist die Gruppe, mit der sich ein Mensch identifiziert; die Fremdgruppe bezeichnet alle, mit denen sich ein Mensch nicht identifiziert (Metzger 1976: 49–53). Bei Verschwörungserzählungen verhärten sich nicht nur die Grenzen zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe, die Fremdgruppe wird vielmehr als Feind dargestellt und dämonisiert (Donskis 1998: 354). Die meisten Verschwörungserzählungen decken erst eine vermeintliche Ungerechtigkeit gegen die Eigengruppe auf und geben dann einer bestimmten Fremdgruppe die Schuld dafür. Dann zeigen sie einen Weg zur Wiedergutmachung oder sogar Rache auf.

 

Das Böse: Dämonen und Ungläubige

Die Konstruktion der Fremdgruppe in Verschwörungserzählungen ist besonders davon gekennzeichnet, dass die Fremdgruppe stark dämonisiert wird. Dabei werden die Mitglieder der Fremdgruppe in einigen Verschwörungserzählungen teilweise sogar als tatsächliche Verkörperungen des Bösen, also z.B. von Dämonen besessen, gesehen. Dies ist ein alter Teil der westlich-christlichen Tradition und wird einerseits auch heutzutage noch von einigen Christ*innen so praktiziert. Andererseits beeinflusst er auch unterschwellig das heutige westliche Selbstverständnis. Denen, die nicht in die vorherrschende traditionelle, spirituelle Ordnung passen, werden teuflische Mächte und verschwörerische Pläne zugesprochen (Donskis 1998: 354).

Früher waren das beispielsweise Hexen, Ungläubige oder Juden*Jüdinnen. Heute sind es z.B. Trans*Menschen, Muslim*innen oder eben immer noch Juden*Jüdinnen. Diese Tradition, die in der christlichen Dämonologie verwurzelt ist, stellt die Mitglieder der Fremdgruppen als böse Geister dar und verstärkt Ausgrenzung und Verschwörungsverdächtigungen durch eine Sprache des Dämonischen. Dadurch entsteht eine kollektive Feindseligkeit gegen die Fremdgruppe und die teilweise gewaltvollen Bemühungen zur „Austreibung“ der imaginären Bedrohung werden legitimiert (Walter 1985: 57).

 

Das Gute: Opfer und Held*innen

Das verschwörungserzählerische Selbstbild dreht sich in den meisten Fällen um den eigenen Opferstatus, um das Gefühl, von der Fremdgruppe eine Ungerechtigkeit zugefügt bekommen zu haben. Verschwörungsgläubige verstehen sich gegenüber den mächtigen Eliten als machtlos. Die feindselige Abwertung der Fremdgruppe ermöglicht es ihnen aber, ihre Machtlosigkeit als moralische Tugend zu verstehen (Koper 2023: 17). Dieses Selbstbild betont das Leid der Eigengruppe, identifiziert die Verursacher*innen des Leids und formuliert ein Verlangen nach Wiedergutmachung. Das macht die Erfahrung von Ungerechtigkeit und Misstrauen gegenüber den Mächtigen zu einer kollektiven Identität und gibt Verschwörungsgläubigen ein gemeinsames Ziel (Koper 2023: 17).

Das kollektive Opfergefühl vereint Verschwörungsgläubige also nicht nur, sondern bereitet auch den Weg für ihre Transformation von Opfern zu Held*innen, die sich und andere in gerechtem Kampf und heroischer Mission befreien. So kultivieren Verschwörungserzählungen einen Helden*innenkomplex in der Eigengruppe. Nach diesem Selbstbild sind Verschwörungsgläubige Verteidiger*innen einer vermeintlichen Wahrheit und der heiligen Ordnung gegen korrupte, illoyale Eliten. Das Narrativ der moralisch überlegenen Eigengruppe, die sich im gewaltvollen Kampf gegen das Böse reinigt, lässt sich auf (neo-)faschistische Einschläge in Verschwörungserzählungen zurückführen (Bhatt 2021: 32; Finchelstein 2020: 39). Ein wichtiger Teil des faschistischen Selbstbilds ist es, sich selbst als heldenhaft und bereit zu opfern zu sehen. (Neo-)Faschist*innen glauben, dass sie im Kampf gegen das Böse eine heilige Erneuerung bewirken. Sie stellen sich selbst als echte und mythische Kämpfer*innen dar, die für das moralische Schicksal in einem großen Kampf zwischen Gut und Böse eintreten (Bhatt 2021: 46). Durch diese Erzählung über ihre eigene Identität als Widerstandskämpfer*innen und Erlöser*innen legitimieren Verschwörungsgläubige die Sicht ihrer eigenen Tugendhaftigkeit im Kontrast zur gewaltvollen, diskriminierenden Ausgrenzung und Dämonisierung der Fremdgruppe.