Feindbilder: Antifeminismus

Digitale Selbstlernformate zu Verschwörungserzählungen | Themenmodul 01

Verschwörungserzählungen über Sexualität und „Gender-Ideologie“

Wie wir schon klargestellt haben, überlappen sich verschiedene Grundnarrative wie Antisemitismus, Rassismus oder anti-linke Einstellung in Verschwörungserzählungen oft. So zieht sich auch Antifeminismus durch Verschwörungserzählungen und motiviert diese in einigen Fällen (Astapova et al. 2020: 33–52; Bauer 2024: 202–223). Bei Antifeminismus handelt es sich um Misstrauen bis Hetze gegenüber allem, was als feministisch gelesen wird – also alles mit Bezug auf die gesellschaftliche und rechtliche Gleichstellung der Geschlechter. Dabei muss es sich gar nicht um tatsächlichen Feminismus handeln. Oft wird in antifeministischen Verschwörungserzählungen den Feminist*innen, dem Feminismus oder der sogenannten „Gender-Lobby“ die Schuld gegeben, ohne dass es tatsächliche Bezüge zu realen feministischen Praktiken, Zielen oder politischen Bewegungen gibt.

Wie auch in anderen Verschwörungserzählungen werden Feminist*innen und queere Menschen als hinterlistige Fremdgruppe dargestellt (Blum/Rahner 2020). Weiße Frauen, die keine Feministinnen sind, werden als Opfer der angeblichen „Gender-Lobby“, von gefährlichen Impfungen und der aggressiven männlichen Migranten aus nicht-westlichen Ländern dargestellt (Bauer 2024). Männer sind im antifeministischen Szenario die Helden. Antifeministische Männer gehen (unterschwellig) von einem Besitzanspruch auf Frauen aus und fühlen sich verantwortlich, diese vor Gefahren zu beschützen (Ginsburg 2021; Bauer 2024: 204). Damit sprechen sie Frauen ihre Selbstwirksamkeit ab. Gleichzeitig wird eine Eigengruppe von alarmierten Eltern konstruiert, die ihre Kinder vor gefährlichen Impfungen und der Frühsexualisierung durch queere Menschen schützen wollen (Bauer 2024).

 

Frauen als Opfer und Mütter – nicht als selbstwirksame Menschen

Während (weiße cis-) Frauen in ihre Rolle als Mutter als schützenswert dargestellt werden, wird ihre Unterdrückung im Patriachat unter Verschwörungsgläubigen jedoch meist lächerlich gemacht (Bauer 2024: 209). Eine cis-Frau ist eine Person, die bei der Geburt im Krankenhaus als weiblich kategorisiert wurde und auch in der Genderrolle der Frau lebt (Eine trans*-Frau hingehen wurde nicht bei der Geburt als Mädchen kategorisiert, identifiziert sich aber als Frau und lebt auch so. Eine trans* Person ist also eine Person, die sich mit dem Gender, d.h. der Geschlechterrolle, die ihr bei der Geburt zugewiesen wurde, nicht identifizieren kann und folglich in einer anderen Genderidentität lebt. Wir fügen ein Sternchen an, um zu kennzeichnen, dass „trans“ ganz viele verschiedene Identitäten und Lebensrealitäten beinhalten kann, so wie die Strahlen des Sternchens in viele verschiedene Richtungen zeigen). Mit Patriarchat ist das oft unterschwellige rechtliche und zwischenmenschliche Rahmenwerk unsere Gesellschaft gemeint, durch das Frauen und queeren Menschen weniger Rechte und Freiheiten garantiert werden als Männern.

Oft wird in Verschwörungserzählungen die körperliche Selbstbestimmung von Frauen hochgehalten, wenn böse Eliten diese durch z.B. einen Impfzwang angeblich einschränken. Wenn es aber um Abtreibungen geht, wird ihnen die körperliche Selbstbestimmung abgesprochen. Das antifeministische Verständnis ist davon geprägt, dass nicht die Frau selbst entscheiden darf, was mit ihrem Körper passiert, sondern im Sinne des Nationalstaates oder der weißen „Rasse“ für sie entschieden wird und sie sich unterzuordnen hat. Klar wird hier auch die Überschneidung von Antifeminismus, Rechtsextremismus und Nationalismus: Oft lassen sich antifeministische Verschwörungserzählungen auf die Angst vor der Auslöschung der weißen „Rasse“ zurückführen, da Frauen hauptsächlich in ihrer Rolle als Mütter der zukünftigen Generationen gesehen werden, die das Fortbestehen der westlichen Zivilisation sichern sollen.

 

Bedrohung der „traditionellen Familie“

Sehr zentral in antifeministischen Verschwörungserzählungen ist die Angst vor dem Zerfall der traditionellen Familie. Die Konstellation aus Vater, Mutter und Kind wird als von der Natur gegebene, einzig wahre Familienkonstellation angesehen. Die Idee von Familien, in denen es gleichgeschlechtliche oder transgender Eltern gibt oder sich mehr als zwei Erwachsene um die Kinder kümmern, wird als bedrohlich und nicht schützenswert wahrgenommen. Dabei gibt es sowohl anthropologische, soziologische als auch archäologische Forschung, die zeigt, dass es in der Geschichte der Menschheit schon lange auch alternative Familienkonstellationen gegeben hat (Shenk et al. 2019; Walker et al. 2011; Conley et al. 2018).

In antifeministischen Verschwörungserzählungen wird davor gewarnt, dass Feminist*innen und „Gender-Ideologen“ angeblich die Existenz der traditionellen Familie durch ihren Einfluss auf die Gesellschaft gefährden (Blum/Rahner 2020: 5–7). Dabei wird hauptsächlich auf die angebliche Bedrohung durch gendergerechte Sprache, genderinklusive Bildung und queere Repräsentation in den Medien Bezug genommen (Laumann/Debus 2018: 275). Während in den 1990er Jahren noch von einer „schwulen Agenda“ gesprochen wurde, wird heute von der „Gender-Ideologie“ gesprochen (Squirrel/Davey 2023: 15). Dabei wird queeren Menschen unterstellt, ihre Existenz wäre eine Ideologie, in der es darum ginge, anderen ihre Rechte wegzunehmen, um die eigenen LGBTQIA*+ Interessen zu verwirklichen. Teil dieser angeblichen „Gender-Ideologie“ sollen das Recht auf Abtreibung, sexuelle Orientierungen außerhalb der Heterosexualität, diverse Genderidentitäten, alternative Familienkonstellationen, Bildung zu Gender und Sexualität, HIV-Prävention und Sexarbeit sein (Squirrell/Davey 2023: 14).

In der QAnon-Verschwörungserzählung wird beispielsweise argumentiert, dass Kinder vor der angeblichen Frühsexualisierung durch Umgang mit LGBTQIA*+ Menschen geschützt werden müssen (Squirrell/Davey 2023: 12–15). QAnon und diverse davon abgeleitete Verschwörungserzählungen behaupten, dass etwa Drag-Künstler*innen und andere queere Menschen geheime Pläne verfolgen, um Kinder nicht nur negativ zu beeinflussen, sondern auch zu früh zu sexualisieren, für die queere Bewegung zu rekrutieren oder sich sogar pädophil an ihnen zu vergehen. Jordan Peterson, der immer wieder in verschwörungsgläubigen (und spezifisch QAnon-) Kreisen zitiert wird, verbreitet zudem die Desinformation, dass Trans*Sein ansteckend sei und vergleicht queere Gemeinschaften mit satanistischen Kults (Massie 2022). Für ihn sind trans* Menschen die Vorboten des Kollapses der westlichen Zivilisation.

Auch Drag und insbesondere Dragqueens werden unter Verschwörungsgläubigen mit Satanismus in Verbindung gebracht (Squirrell/Davey 2023: 15). Solche Narrative rechtfertigen unter vielen Verschwörungsgläubigen Gewalt und Diskriminierung gegen queere Menschen und legitimieren Allianzen zwischen der extremen Rechten, Antifeminist*innen und (fundamentalistischen) religiösen Gruppen (Squirrell/Davey 2023: 9). In diesem Rahmen wird anti-LGBTQIA*+ Aktivismus als moralische Verpflichtung dargestellt, um die Kinder zu retten und traditionelle Geschlechterrollen aufrechtzuerhalten. Mehr über die QAnon-Verschwörungserzählung gibt es in diesem Lexikoneintrag.

 

Überschneidung mit medizinischen Verschwörungserzählungen

Antifeminismus ist auch ein wesentlicher Bestandteil von einigen Corona-Verschwörungserzählungen. Besonders unter verschwörungsgläubigen Impfgegnerinnen wird oft verbreitet, dass die Corona-Verschwörung wohl mit der „Abtreibungsindustrie“ unter einer Decke stecke oder die Impfungen zu Unfruchtbarkeit bei Frauen führen würden (Bauer 2024: 209). Hier wird angenommen, dass mächtige Juden*Jüdinnen wie etwa Bill Gates angeblich die nicht-jüdische Weltbevölkerung reduzieren wollen, indem sie einerseits das COVID-19-Virus in Umlauf gebracht haben, um dann ihre unfruchtbar machenden Impfstoffe zu verkaufen, und andererseits das Recht auf Abtreibung institutionell und finanziell unterstützen (Bauer 2024: 209).

Oft wird auch angeblich aufgezwungene Bildung über Sexualität und Gender in einem Atemzug mit der Injektion von Mikrochips durch Impfungen oder dem Maskenzwang während der COVID-19-Pandemie erwähnt und einer übergreifenden Verschwörung zugeordnet. So wurde beispielsweise während einer Kundgebung auf einer Querdenken-Demo in Wien im September 2020 eine Regenbogenflagge mit der Aussage zerrissen, dass diese Flagge Pädophile repräsentiere und Homosexuelle nicht in Österreich willkommen seien (Blum/Rahner 2020: 6–7).

 

Täter-Opfer-Umkehr im Antifeminismus

Gerade bei Verschwörungserzählungen, die Juden*Jüdinnen, People of Colour (PoC), Muslim*innen, queere Menschen oder Feminist*innen als Feindbilder haben, kommt es zu einer Täter-Opfer-Umkehr. Das bedeutet, dass Menschen, die eigentlich Opfer von struktureller Diskriminierung und Gewalt durch Sexismus, Rassismus, Islamophobie, Queer-Feindlichkeit oder Antisemitismus sind, in Verschwörungserzählungen als Täter*innen dargestellt werden. Das fördert diskriminierendes und gewaltvolles Verhalten gegenüber diesen Menschen und verschleiert gesellschaftliche Missstände wie Sexismus, Rassismus, Islamophobie, Antisemitismus und Queer-Feindlichkeit. Wir illustrieren diese Dynamik am Beispiel antifeministischer Verschwörungserzählungen. Ähnliche Dynamiken finden sich in rassistischen, islamophoben oder antisemitischen Verschwörungserzählungen.

Gesellschaftliche Entwicklungen hin zu mehr Diversität in der Familienführung oder der Art, wie Gender ausgedrückt und gelebt wird, stellen keine tatsächliche Bedrohung für die Menschen dar, die das traditionelle Familienkonstrukt bevorzugen. Sie eröffnen aber die Möglichkeit, über Alternativen zu sprechen und nachzudenken. Das heißt, statt Menschen etwas zu verbieten oder wegzunehmen, bietet diese gesellschaftliche Debatte zusätzliche Möglichkeiten für jene an, die sich nicht vorstellen können, eine traditionelle Familie zu gründen. Antifeministische Verschwörungserzählungen spinnen ein Narrativ, in dem es darum geht, dass Feminismus und die queere Bewegung den Menschen etwas wegnehmen, obwohl es eigentlich um das Gegenteil geht: Mehr Optionen für alle zu schaffen.

Die Gleichstellung aller Geschlechts- und Genderidentitäten und aller Sexualitäten wird so als etwas Gefährliches dargestellt, was dann wiederum Diskriminierung und Gewalt gegen queere und feministische Menschen rechtfertigen soll. Obwohl keine wahre Bedrohung von Feminist*innen und queeren Menschen ausgeht, werden diese als Täter*innen dargestellt, während das diskriminierende und gewaltvolle Verhalten von Antifeminist*innen, Rechtsextremen und Verschwörungsgläubigen nicht als Angriff, sondern als Verteidigung interpretiert wird. Es besteht also eine Täter-Opfer-Umkehr. Bei einer Studie der Europäischen Agentur für Menschenrechte (FRA) über die Lebensrealität von queeren Menschen im Jahr 2020 antworteten 42 % der Befragten, dass sie in den letzten zwölf Monaten aufgrund ihrer Identität öffentlich belästigt wurden. 11 % von ihnen waren in den letzten fünf Jahren aufgrund ihrer Identität Opfer von physischer Gewalt geworden (FRA 2020). 2024 starben 27 Frauen in Österreich durch Mord, was eine der höchsten Raten Europas ist (AÖF 2025). Während Männer in Österreich hauptsächlich in kriminellen Umständen ermordet werden, werden Frauen überwiegend von (Ex-)Partnern umgebracht. Diese Morde hängen also meist mit sexistischer häuslicher Gewalt zusammen. Zudem ist jede dritte Frau in Österreich ab dem Alter von 15 Jahren von Gewalt betroffen (Wegschneider-Pichler 2024).