Feindbilder: Antisemitismus, Rassismus und Islamfeindlichkeit

Digitale Selbstlernformate zu Verschwörungserzählungen | Themenmodul 01

Antisemitismus

Antisemitismus ist wahrscheinlich die beständigste und älteste Weltanschauung unter Verschwörungserzählungen. Antisemitismus beschreibt die Ablehnung und Feindschaft gegenüber Juden*Jüdinnen als gesamte Gruppe, die häufig als besonders einflussreich und gefährlich wahrgenommen werden (Benz 2010). Adorno und Kolleg*innen (1950: 607) sehen darin ein Weltbild. In diesem werden Juden*Jüdinnen kollektiv mit negativen Eigenschaften belegt und als moralisch fragwürdig und grundsätzlich anders als Nicht-Juden*Jüdinnen dargestellt. Sowohl in der Vergangenheit als auch der Gegenwart konnten antisemitische Narrative sehr flexibel an neue gesellschaftliche Entwicklungen und Umstände angepasst werden (Butter 2021). Daher gilt Antisemitismus als Quintessenz der historischen Verschwörungsfantasie, in der Juden*Jüdinnen als Sündenböcke für gesellschaftliche Prozesse, Krisen und Transformationen angeboten werden (Braune 2019).

Ursprünglich kommen antisemitische Narrative von jahrhundertealten christlich-theologischen Weltanschauungen, in denen Juden*Jüdinnen als sowohl spirituelle als auch politische Gefahr für die christliche Zivilisation wahrgenommen wurden (König 2006). So entstehen im Mittelalter die Ritualmord- und Brunnenvergiftungslegende. Die Brunnenvergiftungslegende bezichtigte jüdische Menschen der absichtlichen Vergiftung von Brunnen, um unter anderem die Ausbreitung von Epidemien wie der Pest zu erklären (Hoyer 2025). Die Ritualmordlegende beschuldigt Juden*Jüdinnen, christliche Kinder für religiöse Rituale zu töten und deren Blut zu verwenden (Hoyer 2025). Die verschwörungsgläubigen Behauptungen, jüdische Menschen würden gezielt Krankheiten säen und Kinder misshandeln, werden bis heute genutzt, um antisemitische Gewalt zu rechtfertigen, beispielweise in Impfverschwörungsnarrativen und der QAnon-Erzählung. Dazu später im Text und in den dazugehörigen Lexikoneinträgen mehr.

In der Aufklärung entstand ein weltlicher Antisemitismus (Butter 2014: 11). Antisemitische Verschwörungserzählungen wurden über die nächsten Jahrhunderte europaweit immer populärer und massentauglicher. Anfang des 20. Jahrhunderts verbreiteten sich die „Protokolle der Weisen von Zion“ – eine antisemitische Fälschung, die bis heute die Grundlage vieler Verschwörungserzählungen bildet (Egenberger 2015). Laut der „Protokolle von Zion“ soll es angeblich eine kleine Elite von Juden*Jüdinnen geben, die planen, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Die Nationalsozialisten nutzten solche Narrative zur Legitimierung ihrer Verfolgung und Vernichtung von Juden*Jüdinnen. Die enge Verstrickung zwischen Verschwörungserzählungen und nationalsozialistischer Propaganda beeinflusst bis heute maßgeblich, wie Verschwörungserzählungen aufgebaut sind (Pipes 1997: 154–170).

 

Globale Finanzeliten

Seit dem 19. Jahrhundert tauchen immer wieder Verschwörungserzählungen auf, in denen Juden*Jüdinnen die globalen Finanzsysteme kontrollieren und so die westliche Zivilisation gefährden. Aktuelle antisemitische Verschwörungserzählungen, die auf den Finanzbereich abzielen, können auf sehr alte antisemitische Stereotypen zurückgeführt werden (Trivellato 2019; Judaken 2021). Jüdische Menschen wurden ab dem 12. Jahrhundert von den meisten Tätigkeiten gesetzlich ausgeschlossen, was dazu führte, dass viele in den Geldhandel gegen Zins einstiegen, da dieser im christlichen Glauben nicht ausgeübt werden durfte (König 2006). Davon geprägte jahrhundertealte antisemitische Stereotype wirken bis heute fort und zeigen sich deutlich in aktuellen Verschwörungserzählungen.

Besonders während Wirtschaftskrisen werden Verschwörungserzählungen über mächtige jüdische Kapitalist*innen beliebter (Lockwood 2021). Angebliche jüdische Eliten, denen Menschen wie etwa Bill Gates angehören sollen, wurden so verdächtigt, mit Hilfe von Impfprogrammen die Kontrolle der Bevölkerung zu verwirklichen. Einige Verschwörungsnarrative rund um Covid-19 behaupten fälschlicherweise, dass Impfungen Mikrochips oder unfruchtbar machende Substanzen beinhalten würden, um die Bevölkerung zu überwachen und zu reduzieren (Gruzd/Ghenai/Mai 2020: 2465). Der impfgegnerische Diskurs bezieht sich außerdem häufig auf die antisemitische Verschwörungserzählung der „neuen Weltordnung“, nach der jüdische Finanzeliten angeblich Einfluss auf die politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nahmen und so ihre bevorzugte neue politische Ordnung einführen wollten (Media Diversity Institute 2021).

 

Judeo-Bolschewismus und kultureller Marxismus

Paradoxerweise werden Juden*Jüdinnen in Verschwörungserzählungen nicht nur als kapitalistische Finanzeliten, sondern auch als verschwörerische Kommunist*innen, Sozialist*innen und Linke dargestellt. Die Verschwörungserzählung des „Judeo-Bolschewismus“ etablierte sich in Folge der russischen Revolution 1917. Sie unterstellt, dass Juden*Jüdinnen für den Kommunismus und sozialistische Aufstände verantwortlich seien, was antisemitische Stereotype mit politischen Feindbildern verknüpft (Hanebrink 2018: 11–45).

Jüdische Menschen werden auch in der Verschwörungserzählung des „kulturellen Marxismus“ (Braune 2019) mit einer linksradikalen politischen Identität in Verbindung gebracht. Damit ist die Behauptung gemeint, jüdische Intellektuelle hätten gemeinsam eine marxistisch geprägte Agenda entwickelt, um mit kulturellen Veränderungen die westliche Gesellschaft zu schwächen (Braune 2019: 10). Die Erzählung des „kulturellen Marxismus“ entstand Mitte des 20. Jahrhunderts, motiviert aber bis heute verschwörungsgläubige Gewalt, wie den Anschlag auf eine Synagoge in Poway (USA) im Jahr 2019 (Jewish Currents 2022).

Verschwörungserzählungen wie „Judeo-Bolschewismus“ oder „kultureller Marxismus“ sind besonders beständig, da sie sich flexibel auf jegliche gesellschaftliche Veränderung beziehen lassen, die von linker oder liberaler Seite zu kommen scheint, wie beispielsweise (Queer-)Feminismus, Anti-Rassismus oder Anti-Ableismus. Diese Bewegungen setzen sich für die Gleichberechtigung von queeren Menschen, Frauen, People of Colour und Menschen mit Behinderung ein und treten gegen Diskriminierung auf.

 

Antisemitismus, Orientalismus und Islamfeindlichkeit

Islamophobie bedeutet, dass der Islam und muslimische Menschen oft als fremd, gefährlich und minderwertig dargestellt werden, Stimmen und Perspektiven von muslimischen Menschen abgelehnt werden und Diskriminierung entsteht, die nicht nur Einzelne betrifft, sondern zu gesellschaftlicher Ausgrenzung führt (Trust 1997). Die Überschneidung von Antisemitismus und Islamophobie lässt sich gut mit Edward Saids (2003: 31–92) Orientalismus-Begriff und dessen Erweiterung durch die Antisemitismusforschung erklären. Said beschreibt Orientalismus als eine tief in der westlichen Kultur angesiedelte Abwertung des „Orients“, aber auch als Angst vor einer „orientalischen“ Bedrohung, die seit Jahrhunderten den Umgang mit Menschen aus dem nicht-europäischen Osten negativ beeinflusst.

Historische und sprachliche Analysen von Forscher*innen wie Said (2003) und später Kalmar (2009), Kalmar und Penslar (2020), Akbari (2020) und Rohde (2005) arbeiten heraus, dass die westlichen Darstellungen von Juden*Jüdinnen und Muslim*innen seit dem Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert stark gegenseitig voneinander geprägt waren. Mit dem Einbruch des strukturellen Orientalismus im späten 18. Jahrhundert und der europäischen Kolonisierung arabischer Völker etabliert sich ein neues Verständnis des Arabischen: Nach diesem Verständnis wurden nun auch Juden*Jüdinnen als Teil der arabischen Völker kategorisiert. So führte der Historiker Ludwig Schlözer im späten 18. Jahrhundert den Begriff „semitisch“ ein, um die arabische und die hebräische Sprache als zugehörig zu der gleichen Sprachfamilie zu kategorisieren und gemeinsam als primitiv abzuwerten (Schlözer 1781 zitiert nach Kalmar 2009). Der Begriff des Antisemitismus wurde sogar von den Nationalsozialisten abgelehnt, da er damals auch Hass gegen „Araber“, nicht nur Juden*Jüdinnen meinte (Zimmermann 1987). Das passte nicht in die nationalsozialistische Kriegspolitik, die zum Ziel hatte, Allianzen mit arabischen Staaten zu schließen (ebd.).

Laut der Forschung des Historikern Achim Rohde (2005) werden sowohl jüdische als auch muslimische Menschen in der westlich-christlichen Geschichte als „orientalische“ Fremde wahrgenommen. Allerdings macht Rhode deutlich, dass sie dabei in der westlichen Vorstellung verschiedene Arten der angeblichen Fremdartigkeit verkörpern. Laut Rhode repräsentieren Muslim*innen den „äußeren Orient“, also den, der als außerhalb der europäischen Gesellschaft, im „fernen Orient“, verortet wird. Juden*Jüdinnen hingegen sollen den „inneren Orient“ verkörpern, also das „orientalische Fremde“ inmitten der europäischen Gesellschaft. Damit erklärt Rohde, dass Antisemitismus und Islamophobie zwar einige Ähnlichkeiten haben, aber eben nicht das Gleiche sind: Sie äußern sich unterschiedlich und sind auch nicht gleich entstanden, auch wenn es historische Überschneidungen und gegenseitige Beeinflussungen zwischen Islamophobie und Antisemitismus gab.

Kalmar (2009: 143) argumentiert, dass Juden*Jüdinnen und Muslim*innen in Verschwörungserzählungen als religiöse Fanatiker*innen mit verschwörerischen Tendenzen charakterisiert werden. Damit werden sie als Bedrohung für die westliche Zivilisation dargestellt. So handeln einige Verschwörungserzählungen, wie „Der große Austausch“, davon, dass jüdische Eliten die Migration von Menschen aus islamischen Ländern befördern und die angebliche Aggressivität von muslimischen Menschen als Waffe gegen die westlich-christliche Zivilisation nutzen würden.