Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Der Begriff „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (GMF) wurde von dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer (2002) in den Diskurs eingeführt. Er zielt darauf ab, feindselige Einstellungen in der Bevölkerung gegenüber Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlicher Lebensweisen zu erfassen, ohne sich dabei nur auf die organisierten Strukturen der extremen Rechten zu konzentrieren. „Der Begriff Menschenfeindlichkeit bezieht sich auf das Verhältnis zwischen Gruppen und meint kein interindividuelles Feindschaftsverhältnis“ (Groß et al. 2012: 11, Hervorherbung im Original). Erfasst wird damit unter anderem die Abwertung von Menschen aufgrund des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, der Religion, der Herkunft, einer Behinderung sowie etwa von obdachlosen oder arbeitslosen Menschen. Aber auch die Abwertung von Gruppen, die neu hinzugekommen sind (Etabliertenvorrechte) oder deren Verhalten als abweichend deklariert wird, fällt unter den Begriff (Groß et al. 2012: 11f.).

Zugrundeliegend ist die Annahme, dass sich Rassismus, (Hetero-)Sexismus, Antisemitismus, feindliche Haltungen gegenüber Roma und Sinti und andere Phänomene allesamt als Ungleichwertigkeitsideologien fassen lassen. Dafür spricht auch, dass sich empirisch zeigt, dass Personen, die eine bestimmte Gruppe abwerten, auch mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit andere Gruppen abwerten (Zick et al. 2008).

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist empirisch insbesondere auf der Ebene von Einstellungen erforscht (z.B. Decker et al. 2024). Ob und inwieweit diese Einstellungen sich in tatsächlichem diskriminierendem Verhalten widerspiegeln, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören:

„1) soziale Normen, die u.a. durch die gefühlte Mehrheitsmeinung mitbestimmt werden;
2) die (wahrgenommenen) Einstellungen wichtiger Bezugspersonen, welche die eigene [sic] Einstellungen bestärken und die Übertragung in Verhalten wahrscheinlicher machen; und
3) Gelegenheiten, ein Verhalten auszuüben (oder es eben nicht ausüben zu können)“ (Küpper 2016: 28).

Dabei spielen u.a. Medien und die durch sie gewählten Darstellungen und angebotenen Deutungen von Geschehnissen eine wichtige Rolle.

(Autor: Michael Nagel)

 

Quellen:

Decker, Oliver/Kiess, Johannes/Heller, Ayline /Brähler, Elmar (Hg.) (2024): Vereint im Ressentiment. Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Groß, Eva/Zick, Andreas/Krause, Daniela (2012): Von der Ungleichwertigkeit zur Ungleichheit: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. In: APuZ 16–17, S. 11–18.

Heitmeyer, Wilhelm (2002): Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die theoretische Konzeption und erste empirische Ergebnisse. In: Deutsche Zustände: Folge 1, hg. von Wilhelm Heitmeyer, S. 15–34. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.

Küpper, Beate (2016): Ideologien der Ungleichwertigkeit und das Syndrom „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“. In: Ideologien der Ungleichwertigkeit, Schriften zur Demokratie, Hg. Heinrich-Böll-Stiftung, S. 21–35. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung.

Zick, Andreas et al. (2008): The Syndrome of Group-Focused Enmity: The Interrelation of Prejudices Tested with Multiple Cross-Sectional and Panel Data. In: Journal of Social Issues 64, S. 363–383.