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Medien – Terror – Krieg

New York, 11. September 2001
Quelle: ORF

Nichts würde mehr so sein, wie es war, lautete nach dem 11. September 2001 der meistgehörte Kommentar in allen Medien. Der Anschlag auf das World Trade Center in New York war eine neue Form des Terrorismus, die das Selbstverständnis der westlichen Welt erschütterte. Der Einsturz der Twin Towers war aber auch ein Medienereignis mit neuen Dimensionen. Unzählige FernsehzuschauerInnen erlebten die Live-Inszenierung des unglaublichen Schreckens, der auf diese Medienwirkung hin kalkuliert erschien. Bilder, die nicht zu fassen waren, wurden von den Fernsehstationen in immer neuen Schleifen vorgeführt.

Medien vermitteln Terror und Gewalt in bewegenden Bildern und Berichten. Sie bestimmen das gesellschaftliche Meinungsklima und beeinflussen damit auch politische Entscheidungen in Kriegen und Konflikten. General Eisenhower stellte schon 1940 vor einer US-Verlegerversammlung lapidar fest: "Public opinion wins war" – die öffentliche Meinung gewinnt den Krieg (Mira Beham: Der Informationskrieg um das Kosovo, in: S+F. Vierteljahresschrift für Sicherheit und Frieden, 3/2002, S. 218).

Von der Telegraphie bis zum Internet: Die Geschichte neuer Medien ist auch mit ihren technischen Grundlagen untrennbar mit der Militärgeschichte und globalen Kriegsberichten verknüpft. Heute fällt, wie der Medienhistoriker Friedrich Kittler gezeigt hat, die allgemeine Medientechnik mit der allgemeinen Kriegstechnik zusammen, da jede Spielkonsole nachspielt, was Bomberpiloten schon durchgemacht haben. Die US-Army hat schon seit längerem Eigenentwicklungen im Computerbereich eingestellt und kauft auf dem freien Markt ein (Friedrich Kittler: Das Bild des Krieges gibt es nicht mehr, in: Konrad Paul Liessmann (Hg.): Der Vater aller Dinge. Philosophicum Lech, Wien 2001).

Ob Fernsehen, Radio, Presse oder Internet: Jedes Medium verfügt über ein eigenes Repertoire an Formaten, Darstellungsformen, Erzähl- und Vermittlungstechniken, die unterschiedliche Wirkungen erzeugen und damit verschiedene Aspekte der Realität hervorheben. Daneben beeinflussen aber auch ökonomische, politische und gesellschaftliche Faktoren und Kontexte die Produktion der Bilder über Krieg und Terror. Die Bedingungen der Kriegsberichterstattung rücken aber nur in den Vordergrund, wenn ReporterInnen oder Kameraleute spektakulär in Gefahr geraten, verletzt oder getötet werden, oder wenn Medien, wie im Vietnamkrieg, selbst Kriegsgeschichte (mit-) schreiben und so zum öffentlichkeitswirksamen Faktor der Politik werden.

"Außenpolitik wird nicht von den Medien gemacht. Aber im Informationszeitalter kann sie nicht ohne sie gemacht werden", lautet das Fazit einer amerikanischen Studie (Warren P. Strobel: The Media. Influencing Foreign Policy in the Information Age. USIA Electronic Journal, Vol.5, no 1, März 2000). Vergleichende Untersuchungen haben belegt, dass in der Auslandsberichterstattung bewaffnete Konflikte, gewalttätige Unruhen und offene Kriege dominierende Themen sind. Damit weniger beachtete Länder und Regionen – die "Ränder" der globalisierten Welt – mit ihren politischen und ethnischen Konflikten überhaupt zum globalen Medienthema werden können, müssen sie, so zynisch es klingen mag, zu Schauplätzen blutiger Auseinandersetzungen werden. Diese konfliktorientierte Betrachtungsweise prägt dann auch nachhaltig den Blick auf sie und bestimmt die Dauer des Interesses. Die bewusste Spekulation mit diesen Mechanismen und ihre Instrumentalisierung durch Konfliktparteien aller Seiten ist bekannt, hat aber durch die Einschaltung von PR-Agenturen und "Spin-Doktoren" für das militärische Informationsmanagement (wie im Kosovo-Konflikt) eine neue Form der "Professionalisierung" erfahren, in der auch die Optik von "Gut" und "Böse", "Sieger" und "Verlierer", "Feind" und "Verbündeter" von der jeweils effektvolleren Beeinflussung der öffentlichen Meinung bestimmt oder wenigstens mitbestimmt erscheint (Mira Beham: Der Informationskrieg um das Kosovo, in: S+F. Vierteljahreszeitschrift für Sicherheit und Frieden, 3/2000, S. 218).

Kriege sind Medienereignisse, sie finden immer mehr auch in den Medien statt und haben ihre medialen Inszenierungen: Inszenierungen für die Medien und Inszenierungen in den Medien. KommunikationswissenschaftlerInnen verweisen in diesem Zusammenhang auf die Aktualitätsorientierung, die Anschaulichkeit und Zugänglichkeit, vielfache Personalisierungs- und Visualisierungsmöglichkeiten, effektvolle Überraschungssprünge und die dramaturgisch äußerst wirksame Reduktion von Komplexität auf die Alternative "Sieg" oder "Niederlage" als Faktoren, die das Ereignis Krieg zum herausragenden Medienereignis gemacht haben.

Der Krieg in den Medien war immer viel mehr als Reproduktion und Kolportage. Medien legitimieren oder klagen an, transportieren vorfabrizierte Bilder und Botschaften oder beleuchten sie aus kritischer Distanz. Sie verkaufen die Schrecken des Krieges und tragen durch "Öffentlichkeit" und Abschreckung auch dazu bei, sie einzudämmen. Sie analysieren das von Politik, Ökonomie und Gesellschaft bestimmte "System Krieg" von außen und sind doch zugleich ein Teil davon. Nachdem der Krieg in anhaltender Konjunktur zu einem der wichtigsten Ereignisse des Medienzeitalters avanciert war, war es dann wohl auch unvermeidlich, dass Kriegsberichterstattung immer mehr zum Bestandteil des Krieges wurde.

Die Logik des Krieges sperrt sich aber in besonderer Weise gegen das Objektivitätskriterium der modernen Journalistik, Wahrheit nach bestem Wissen und Gewissen zu vermitteln. Krieg ist immer von Propaganda begleitet, Kriegsberichterstattung wird der Zensur unterworfen und JournalistInnen sehen sich mit einem immer raffinierteren militärischen "Informationsmanagement" konfrontiert, das ihre Tätigkeit zu instrumentalisieren droht (Hans J. Kleinsteuber: Kriegsberichterstatter: Phantasien und Realitäten, in: S+F, 3/2000).

Der Anspruch des Journalismus, eine kritische "vierte Gewalt" zu sein, wird deshalb am Verhältnis zu der Wirklichkeitskonstruktion der kriegführenden Mächte zu messen sein. Auch wo es gelingt, Propaganda, Zensur und "militärische PR" journalistisch zu durchdringen, ist die Kriegsberichterstattung immer aufs neue mit Polarisierung, Stereotypen und Feindbildern konfrontiert, in denen politische, religiöse und ethnische Orientierungen ihre fundamentalen – und nicht zuletzt: fundamentalistischen – Ansprüche behaupten. Dabei können Bedrohungsbilder, politische Interessen und Kalküle in die mediale Konstruktion von Krieg und Terror einfließen und dazu beitragen, Konflikte und Kriege zu legitimieren, oder aber die Öffentlichkeit gegen sie zu mobilisieren. Den Medien wird deshalb auch eine immer wichtigere Rolle im Sinne der Präambel der UNESCO-Satzung zugemessen, wo es heißt: "Da Kriege in den Köpfen der Menschen beginnen, muss in den Köpfen von Menschen Vorsorge für den Frieden getroffen werden" (Mira Beham: Der Informationskrieg um das Kosovo, in: S+F Vierteljahreszeitschrift für Sicherheit und Frieden, 3/2000, S. 218).

Martin Bernhofer

Informationstext zu einem internationalen Symposion am 9. September 2002 im RadioKulturhaus anlässlich des ersten Jahrestages des Anschlages auf das World Trade Center in New York.
Veranstalter: Demokratiezentrum Wien, Wissenschaftsredaktion der ORF-Radios und DER STANDARD in Zusammenarbeit mit dem Verein für Geschichte und Gesellschaft

(Last Update 03/2013)

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