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Zwentendorf

Atomkraftwerk Zwentendorf
Demonstration gegen die Inbetriebnahme am 12. Juni 1977
© Votava, Wien

Das Atomkraftwerk in Zwentendorf steht heute gleichsam als Denkmal für eine Zäsur in der österreichischen Demokratiegeschichte. Ende der 1970er Jahre entwickelte sich eine Bürgerinitiativ- und Ökologiebewegung, die die bisher unumstrittenen Symbole einer modernen Gesellschaft wie Autobahnen und Großbauprojekte in Frage stellte und Lebensqualität neu definierte. In der Auseinandersetzung um das Großbauprojekt "Atomkraft" bündelte sich erstmals die Kritik am technokratischen Fortschrittsbegriff.

Der bundesweite Zusammenschluss der AtomkraftgegnerInnen in der IÖAG (Initiative österreichischer AtomkraftwerksgegnerInnen) wurde zu einem bedeutenden Experimentierfeld für basisdemokratische Formen politischer Partizipation. Bundeskanzler Bruno Kreisky setzte sich mit dem ganzen Gewicht seines Amtes für die Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes ein. Eine Position, die er erst nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 revidierte. Angesichts der breiten Protestbewegung, die auf dem Höhepunkt ihrer Aktivitäten Schätzungen zufolge rund 500.000 Personen umfasste, nahm er jedoch den Vorschlag der AKW-GegnerInnen nach einer Volksabstimmung auf und setzte ihn in der Regierung durch.

Am 5. November 1978 entschied sich eine knappe Mehrheit der ÖsterreicherInnen (50,47 Prozent) gegen die Atomenergie. Ein Erfolg, der neuen sozialen Bewegungen in Österreich Auftrieb gab und in den 1980er Jahren zur Gründung grün-alternativer Parteien führte. Die Atomenergiedebatte ab Mitte der 1970er Jahre kann als Indikator dafür gelten, dass die etablierten Parteien als Interessensvertretungen und Trägerinnen politischer Planung und Entscheidung zumindest in einigen gesellschaftlichen Segmenten fragwürdig wurden.

Quelle:
Herbert Gottweis, Zwentendorf und die Folgen, in: Wendepunkte und Kontinuitäten, 1998, S.165-166

 

Letztes Update: 09/2014

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