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Waldheim-Debatte

Waldheim-Affäre
Protestveranstaltung gegen die Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten, Wien 1986
© Rudolf Semotan

Der Wald als Metapher in "hölzernen" Zeiten.
fortschreitende holzwege.
ich bin stolz aus Holz zu sein
ich bin stolz aus Holz
ein Bolz zu sein
ich bin stolz ein Holzbolzer zu sein
ich bin ein stolzer Holzbolzer.

(Gino Chiellino, aus: "Sich die Fremde nehmen.", 1992)

Hölzerne Zeiten markieren einen Wendepunkt in der Zweiten Republik. 1986 kandidierte der ehemalige UN-Generalsekretär Kurt Waldheim für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten. Die Kriegsvergangenheit des ehemaligen Angehörigen des SA-Reiterkorps und des NS-Studentenbundes wurde zu einem zentralen Thema der politischen Auseinandersetzung in Österreich wie im Ausland. So berichtete u.a. die US-amerikanische Tageszeitung "New York Times" auf Grundlage von Material, das ihr der World Jewish Congress übergeben hatte. Diese Dokumente, die von einem österreichischen Journalisten stammten, standen im Widerspruch zur offiziellen Biografie Kurt Waldheims. Er verschwieg darin, bereits im März 1942 nach Saloniki zur Heeresgruppe E der Deutschen Wehrmacht versetzt worden zu sein. Diese Einheit war an der grausamen Deportation der jüdischen Bevölkerung beteiligt gewesen.

"Ich war nicht bereit, Kurt Waldheim als Nazi oder Kriegsverbrecher zu attackieren, weil er nach Einsichtnahme in alle mir zur Verfügung stehenden Unterlagen weder das eine noch das andere war", erklärte Simon Wiesenthal in einem Artikel für die "Presse", in dem er die aus seiner Sicht undifferenzierten Vorwürfe gegen Waldheim rückblickend analysierte. Wie aber könne Waldheim erklären, als einer der bestinformierten Offiziere beim Stab der Heeresgruppe E nichts von der Deportation der jüdischen Bevölkerung Salonikis, die immerhin ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Stadt ausgemacht hatte, bemerkt zu haben? "Ich kann Ihnen das nicht glauben", brachte Wiesenthal in einem persönlichen Telefonat mit dem Bundespräsidenten das zum Ausdruck, was so viele dachten. (Simon Wiesenthal, Das Amt und die Pflicht, in: Die Presse, Sonderausgabe "2000", Dezember 1999, S. 57f)

Seine mangelnde Sensibilität im Umgang mit seiner militärischen Tätigkeit am Balkan brachte Kurt Waldheim in einem Interview für die ORF-Pressestunde am 9. März 1986 zum Ausdruck: Er sei Soldat bei der Deutschen Wehrmacht gewesen "wie hunderttausende Österreicher auch", die ihre "Pflicht erfüllt" hätten. Damit traf er das Lebensgefühl Tausender ehemaliger Wehrmachtssoldaten in Österreich, was nicht unwesentlich zu seinem Wahlsieg im Juni 1986 beigetragen hat. Im Wahlkampf wurden auch antisemitische Töne laut.

Im April 1987 setzte das US-amerikanische Justizministerium Kurt Waldheim auf die "Watchlist". Dadurch wurde ihm als Privatperson die Einreise in die USA verweigert, bis seine Unschuld im Zusammenhang mit den gegen ihn vorgebrachten Vorwürfen bewiesen waren. Auf die Bitte Waldheims setzte die Bundesregierung eine internationale Historikerkommission zur Überprüfung der Vorwürfe ein. Ihr Ergebnis, das im Februar 1988 vorlag, lautete: Waldheim habe gewusst, was er zu wissen bestritt. Er habe sich in einer "konsultativen Nähe" zu Kriegsverbrechen befunden. Persönlich sei er in solche jedoch nicht involviert gewesen.

"Ich dachte, Waldheim würde diesen Moment nützen, um ohne Gesichtsverlust und zum Wohle Österreichs, dem er als Bundespräsident zu dienen gehabt hätte, zurückzutreten. Denn wer der Unglaubwürdigkeit überführt ist, kann diesen Dienst an Österreich sicher nicht leisten. Waldheim war offensichtlich anderer Meinung, sodass ich am 9. Februar im österreichischen Fernsehen seinen Rücktritt forderte – nicht weil er ein Nazi oder Kriegsverbrecher war, sondern wegen seines Konfliktes mit der Wahrheit, durch den er sich seines Amtes und seiner Verantwortung als unwürdig erwiesen hatte." (Simon Wiesenthal, Das Amt und die Pflicht, in: Die Presse, Sonderausgabe "2000", Dezember 1999, S. 57f)

Auch wenn ihm eine Beteiligung oder Mittäterschaft nicht nachgewiesen werden konnte, seine "Gedächtnislücken" und die selektive Präsentation seiner Wehrmachtsvergangenheit führten zu einer weltweiten Berichterstattung. Waldheim der "Lügenpräsident" – ein Zitat von Thomas Bernhard – wurde in der ausländischen Presse zu einer Standardbezeichnung. "Die Lüge verbinde Waldheim untrennbar mit Österreich, das voll von Waldheims sei", resümiert auch Karin Luger. (Das Bildnis war bezaubernd schön, Medienjournal Nr. 3/2000).

"Waldheim" wurde in vielen Artikeln synonym mit Österreich verwendet. International dominierte das Bild, dass sich Österreich nur mangelhaft mit der eigenen NS-Vergangenheit auseinander gesetzt habe. Innenpolitisch führte die Waldheim-Affäre nicht nur zu einer starken Polarisierung, sondern brachte auch eine öffentliche Debatte über die Mittäterschaft Österreichs in einem noch nicht da gewesenen Ausmaß in Gang. Erstmals wurde der bis dahin weit vertreitete "Opfermythos", nach dem Österreich das erste Opfer Hitler-Deutschlands gewesen sei, in einer breiten öffentlichen Debatte hinterfragt. Dadurch wurde der Weg für eine stärkere und systematische Aufarbeitung der eigenen Geschichte frei. Der Prozess der Aufarbeitung der NS-Geschichte in Österreich bzw. der Vergangenheit von österreichischen Persönlichkeiten ist bis heute nicht abgeschlossen und sorgt immer wieder für Kontroversen. Im Sommer 2013 etwa präsentierte eine Historikerkommission unter der Leitung von Prof. Dr. Oliver Rathkolb ihre Arbeit. Darin wurde die Vergangenheit von Personen hinterfragt, nach denen Straßen oder Plätze in Wien benannt sind.

Letztes Update: 09/2014

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