Sudetendeutsche

Bezeichnung für die deutsche Volksgruppe im rund 28.000 Quadratkilometer umfassenden Randgebiet von Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien (jenem Teil Schlesiens, der 1763 nach dem Siebenjährigen Krieg zwischen Österreich und Preußen bei Österreich geblieben war). Die Bezeichnung leitet sich vom rund 330 Kilometer langen Gebirgszug der Sudeten ab, der sich im Norden Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens hinzieht. Der Name "Sudetendeutsche" wurde vereinzelt schon im 19. Jahrhundert benutzt und setzte sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, vor allem ab 1919, als Sammelbegriff für die über drei Millionen Deutschen durch (Nach der Volkszählung von 1921 waren es 3,2 Millionen.)
Die Geschichte der Deutschen in Böhmen und Mähren reicht weit zurück: Erste germanische Siedlungen gab es bereits im ersten Jahrhundert nach Christus. Im 12. und 13. Jahrhundert riefen böhmische Könige und Herzöge Deutsche, die sehr bald bereits einen Großteil des Patriziats stellten, zur Kultivierung und Besiedlung der nur dünn bevölkerten Randgebiete ins Land. In Folge der Hussitenkriege (1419-1436) wurden die großen Sprachinseln in Innerböhmen aber Großteils zerstört, da diese auch einen nationalen Konflikt zwischen dem Großteil des tschechischen Volkes und dem häufig mit der Kirche verbündeten deutschen Patriziat umfassten. 1526 kamen die böhmischen Länder und damit die Heimatgebiete der Sudetendeutschen unter die Herrschaft der Habsburger. Eine zunehmende Germanisierung dieser Gebiete und (vor allem unter Ferdinand III) eine Rekatholizierung des protestantischen Böhmen setzte ein. 1618 wurden kaiserliche Gesandte aus den Fenstern des Hradschin geworfen (Prager Fenstersturz). Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) begann, in dessen Folge Deutsch als Amtssprache im geschlagenen Böhmen eingeführt wurde. Die nationale Frage gewann vor allem im 19. Jahrhundert immer mehr an Bedeutung und führte in der Habsburger Monarchie 1867 zum Ausgleich mit Ungarn, während Böhmen und Mähren "Partner zweiter Klasse" blieben. Zu schweren Eskalationen in Böhmen und Mähren führte die Badeni’sche Sprachverordnung, nach der auch die Sprache der anerkannten acht Volksstämme als Amts- und Dienstsprache in der Habsburgermonarchie zulässig wurde. Bei den Deutschen in Böhmen und Mähren, die sich in ihrer traditionell privilegierten Position bedroht fühlten, stieß dies auf heftigen Protest, profitieren durch die neue Sprachregelung – auch durch die Möglichkeit der Bekleidung öffentlicher Ämter – doch besonders die Tschechen, die bisher schon zwei Sprachen beherrschen mussten. Ab 1914 herrschte de facto der Ausnahmezustand.
Nach der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918 forderten die Sudetendeutschen unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker den Verbleib ihrer Heimatgebiete bei dem zur Republik Deutsch-Österreich verkleinerten österreichischen Staat. Dieser bekundete seinerseits seinen Willen zum Zusammenschluss mit Deutschland. Im Vertrauen auf das von den Siegermächten proklamierte Selbstbestimmungsrecht leisteten die Sudetendeutschen nur geringen Widerstand gegen die Besetzung durch das tschechische Militär. An mehreren Orten gab es aber Kämpfe. Ferner kam es zu mehreren Operationen des tschechischen Militärs gegen Ungarn, um die Zugehörigkeit der Slowakei zur neugegründeten Tschechoslowakei zu sichern. Im Vertrag von Saint Germain (10.9.1919) erhielt die Tschechoslowakei schließlich die historischen Grenzen von Böhmen, Mähren und Schlesien (sowie die Slowakei) zugesprochen.
In den folgenden Jahren setzten die diversen deutschen Parteien – auch wenn es zuweilen zu Kooperationen kam – alles daran, um eine Stabilisierung der CSSR zu verhindern. Mit dem Machtantritt der NSDAP in Deutschland entstand eine neue Situation. Die sich an Hitler orientierenden sudetendeutschen faschistischen Parteien, die "Deutsche Nationalpartei" und die "Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei" verkündeten offen, dass es ihr Ziel sei, die sudetendeutschen Gebiete dem "Deutschen Reich" anzugliedern, worauf sie verboten wurden. Akkordiert mit Hitler wurde daraufhin die sich als überparteilich ausgebende Sammelbewegung "Sudetendeutsche Heimatfront" unter Konrad Henlein ins Leben gerufen. Bei den Wahlen 1935 wurde sie zur stärksten Partei. 1938, als die Sudetendeutsche Partei bereits ostentativ der Politik Hitlers folgte, erreichte sie 91% aller deutschen Stimmen.
Im Münchner Abkommen vom 29.9.1938 wurde zwischen dem Deutschen Reich und Italien, Frankreich und England der Anschluss der überwiegend von Deutschen (2,806.000 Deutsche und 719.000 Tschechen und Slowaken) bewohnten Randgebiete an das "Deutsche Reich" beschlossen und ab 1. Oktober durchgeführt. Gleichzeitig musste die Tschechoslowakei unter dem Diktat Münchens das Gebiet Teschen an Polen sowie einige Grenzgemeinden der Nordslowakei an Polen abgeben. Die ungarischen Gebietsforderungen wurden hingegen am 2. November durch einen deutsch-italienischen Schiedsspruch in Wien befriedigt, wodurch die Tschechoslowakei innerhalb eines Monats mehr als 41.000 Quadratkilometer ihres Territoriums verlor. Zwischen Eger und Troppau wurde der "Reichsgau Sudetenland" geschaffen, Südmähren wurde an den "Reichsgau Niederdonau" angeschlossen. Der letzte Schritt zur Liquidierung der Tschechoslowakei wurde schließlich am 15. März 1939 mit der Separation der Slowakei, der militärischen Besetzung der "Tschechei" und der Errichtung des "Reichsprotektorats Böhmen und Mähren" getan.
Bereits 1938 hatte Edvard Beneš eine Ausweisung der Deutschen aus der Tschechoslowakei überlegt. 1940 gründete er im englischen Exil eine Exilregierung und erarbeitete bis 1945 die sogenannten "Beneš-Dekrete", auf deren Basis er 1945 regierte und die auch zur Grundlage der Enteignung und Vertreibung (Staatsbürgerschaftsverlust) der Deutschen wurden. Die Zustimmung der Alliierten hatte er bereits 1942 (Großbritannien) bzw. 1943 (UdSSR und USA) erhalten.
1945, als die Tschechoslowakei wieder als selbständiger Staat entstand, wurde das Gebiet der Sudetendeutschen wieder der Tschechoslowakei angegliedert. Mehr als 3 Millionen Deutsche und Ungarn wurden enteignet und vertrieben, wobei im Rahmen der "wilden Vertreibungen" bereits bis Ende Juli 1945 rund 750.000 Sudetendeutsche außer Landes gejagt wurden. Vorbereitet wurden Enteignung, Vertreibung und Staatsbürgerschaftsverlust von Sudetendeutschen und Ungarn – wie erwähnt – in rund zehn der sogenannten "Beneš-Dekrete". Bei der faktischen Umsetzung der Aussiedlung spielte vor allem aber auch der Artikel XIII des Potsdamer Abkommens der vier Alliierten vom 2. August 1945 eine Rolle, in dem festgelegt wurde, dass "die Überführung von deutscher Bevölkerung, die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben ist, nach Deutschland durchgeführt werden muss". Ein Beschluss der tschechoslowakischen Regierung vom 3. August 1945 ordnete schließlich die restlose Abschiebung aller Deutschen an. Rund 250.000 Deutsche konnten im Land bleiben und wurden bis 1953 eingebürgert.
Erfolgen sollte diese "Rückführung" "in ordnungsgemäßer und humaner Weise." Sie hat aber zu zahlreichen Gewaltakten und Massakern geführt, von denen auch die politischen Machthaber gewusst haben. Deutsche mussten sich – ähnlich den Juden in Nazi-Deutschland – den Buchstaben "N" für "Nemci", das tschechische Wort für "Deutscher", anheften. Die Zahl derer, die bei Vergeltungsexzessen getötet wurden oder auf der Flucht umkamen, ist bis heute nicht genau bekannt. Schätzungen gehen von 15.000 bis 30.000 Todesopfern aus. Sie kamen während des Prager Aufstandes am 5. Mai 1945, während des "Todesmärsche" und des "Aussiger Massakers" vom 31. Juli 1945 um. Besonders umstritten ist in diesem Zusammenhang das Amnestiegesetz vom 8. Mai 1946, das alle im Zeitraum vom 30. September 1938 bis zum 28. Oktober 1945 als "gerechte Vergeltung für die Taten der Okkupanten und ihrer Helfershelfer" begangenen Verbrechen für straffrei erklärte. Eine Wiedergutmachung für Vertreibung und Vermögensentzug wurde bis heute nicht geleistet.
Auf politisch-moralischer Ebene ist es hingegen 1997 zu einer "Aussöhnungserklärung" zwischen Deutschland und Tschechien gekommen, in der Tschechien die Gewaltakte an den Deutschen und Ungarn bedauert hat. Zwischen Österreich und der damaligen CSSR wurde 1974 ein Vermögensvertrag geschlossen, der allerdings nur die Vermögensfragen der vor 1938 in der Tschechoslowakei lebenden österreichischen StaatsbürgerInnen betrifft. Die große Mehrheit der rund 3,2 Millionen Sudetendeutschen waren zu jener Zeit jedoch tschechoslowakische StaatsbürgerInnen und blieben ausgeklammert.

Quelle:
Hautmann, Hans: Betrifft Beneš-Dekrete. Zum historischen Verständnis von Tschechen und Deutschen. Vortrag in der Friedenswerkstatt Linz, 29. März 2001
Hautmann, Hans: Anmerkungen zu den "Beneš-Dekreten". In: guernica. Zeitung der Friedenswerkstätte Linz, Nr. 1/2001
Hruška, Emil: Beneš-Dekrete – Mythen und Realität
http://www.sudeten.de, 15.04.2013
Chronologie. In: Format, 4/2002, S. 28-32
Stellungnahme der Gemeinsamen deutsch-tschechischen Historikerkommission zu den Vertreibungsverlusten / Stanovisko Společné česko-německé komise historiků k odsunovým ztrátám, in: Soudobé dějiny, 3 (1996), č. 4, S. 600-603 (zweisprachig). Online unter:www.usd.cas.cz/casopis/soudobe-dejiny-4-1996/Suppan, Arnold: "Ergebnis des Verrates". In: Die Presse, 16.2.2002