Siedlerbewegung

Vorläufer und Gegenmodell der sozialdemokratischen Planung von Gemeindebauten war die radikal unabhängige Siedlerbewegung in Wien, die weniger auf den Gartenstadtgedanken als auf die Kleingartenbewegung (Schrebergärten) zurückging und einen Lösungsvorschlag für die unmittelbar nach dem Krieg in Wien herrschende extreme Nahrungsmittelknappheit darstellte. Da ca. ab 1915 immer deutlicher wurde, dass weder die kaiserliche Bürokratie noch die Stadtverwaltung in der Lage waren, die zwei Millionen Einwohner der Stadt mit genügend Wohnungen und Lebensmitteln zu versorgen, bauten sich immer mehr Bürger auf stadteigenem Gelände selbst Hütten und Häuschen („wilde Siedlungen“), wo sie auch selbst Gemüse zogen. Diese spontanen Selbsthilfeinitiativen und ungeordnete Besiedlung öffentlicher Grundstücke mündeten rasch in eine gut organisierte kooperative Siedlungsbewegung, als deren Dachverband 1922 der „Zentralverband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter Österreichs“ (seit 1946 „Ö. Verband der Siedler, Einfamilienhausbesitzer und Kleintierzüchter“) gegründet wurde. Getragen und geprägt wurde die Siedlerbewegung von Architekten und Intellektuellen wie Adolf Loos, Josef Frank, Margarete Schütte-Lihotzky, Gustav Scheu, Max Ermers, Otto Neurath. Die Gartensiedlungen unterschieden sich radikal von ihren Vorgängern im Zentraleuropa der Zwischenkriegszeit. Sie waren von bürgerlichen Strukturen unabhängig, genossenschaftlich organisiert und verwaltet, urban, frei und auf Selbstverwaltung ausgerichtet. Die Gemeinde Wien unterstützte zunächst die Siedlerbewegung, ging aber ab 1923 zum Konzept des mehrgeschossigen Groß-Wohnhofs als dominierender Form des Gemeindewohnbaus über. Vom Bund hingegen wurde über den Bundeswohn- und Siedlungsfonds (BWSF) die Errichtung von Siedlungswohnungen länger unterstützt. Ab den frühen 30er Jahren wurde durch Randsiedlungen gezielt versucht, Arbeitslosen zumindest eine minimale Selbstversorgung zu sichern.