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Zum Staatsvertrag

© Votava, Wien
Wo heute Übertragungswagen mit Satellitenantennen die nötige Infrastruktur selbst mitbringen, musste diese 1955 erst geschaffen werden. Das Nachrichtenwesen in aller Welt stützte sich auf fernmündliche Berichte, zu deren Übermittlung vor dem Schloss Belvedere mobile Telefonzellen aufgestellt wurden. Die Wahl des Schlosses Belvedere für die Vertragsunterzeichnung war auch durch die Jubelbilder beim Einmarsch Hitlers auf dem Heldenplatz 1938 bedingt. Insbesondere mit der Inszenierung der Balkonszene, bei der Außenminister Figl den jubelnden ÖsterreicherInnen den Staatsvertrag zeigte, sollten diese Negativ-Bilder überschrieben werden.

Heute kommt mir freilich vor, als hätte ich damals auch Leopold Figls "Österreich ist frei" gehört. Aber in Wirklichkeit hat er es am Balkon gar nicht gesagt, sondern nur in dem Zimmer dahinter. /…/ Aber dieses ewige Wort hat man so oft gehört, dass alle, die im Belvedere oder auch nur in der Nähe waren, nun meinen, es auch tatsächlich vernommen zu haben.
Willi Resetarits in: Kleine Zeitung Graz, 17. August 2003


So wie dem bekannten österreichischen Rocksänger und ORF-Moderator Willi Resetarits geht es vielen Österreicherinnen und Österreichern. Die berühmte Balkonszene, bei der Leopold Figl den unterzeichneten Staatsvertrag am Balkon des Belvedere in die Menge hielt, ist heute immer noch dermaßen präsent im kollektiven Gedächtnis, dass viele diese Szene auch akustisch mit dem wohl bekanntesten Ausspruch der Zweiten Republik "Österreich ist frei!" verknüpfen, obwohl dieser im Inneren des Schlosses gefallen ist.

Neben der Bedeutung des Staatsvertrages hängt dies auch wesentlich mit der Erinnerungskultur der Zweiten Republik zusammen. Das historische Ereignis war maßgeblich mit der Herausbildung der österreichischen Identität verknüpft, zudem stellt es einen positiven Bezugspunkt dar, der noch dazu ein heroisches Narrativ (der "Kampf" eines "kleinen Volkes" um seine Unabhängigkeit gegen die vier "großen" Alliierten) beinhaltet.

Die hier angebotene multimediale Wissensstation versammelt zentrale Film- und Tondokumente zum Staatsvertrag wie die Österreich-Debatte vor der UNO, die Sonderausgabe "Österreich ist frei!" der Austria Wochenschau – aus gegebenem Anlass der erste Austria Wochenschau-Film in Farbe –, Ausschnitte aus der Rede Figls am 15. Mai 1955 im Schloss Belvedere oder die Neujahrsansprache Theodor Körners, in der dieser ein erstes Resümee über das Staatsvertragsjahr zieht bis hin zu den Jubiläumssonderwochenschauen (1965, 1975) usf.

Die "Gallery" spannt den Bogen vom Einmarsch der alliierten Truppen 1945 bis zu deren Abzug, vom Staatsvertrag als Medienereignis bis zur Nachnutzung der Balkonszene – wie etwa durch den Auftritt von Erhard Busek und Alois Mock, um für ein "Ja" der ÖsterreicherInnen zum EU-Beitritt zu werben.

Auf der Textebene reflektieren zahlreiche renommierte AutorInnen und ExpertInnen kritisch sowohl das historische Ereignis wie auch diesen beinahe "mythischen" Erinnerungsort der Zweiten Republik und beleuchten die Vor- und Nachgeschichte aus heutiger Perspektive.

Letztes Update: 09/2014

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