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Straße des Protests

Anti-Nixon-Demonstration
Salzburg, 1972
© Votava, Wien

Ob auf der Straße, in "teach- und sit ins", in Happenings, besetzten Häusern, alternativen Kulturprojekten, Solidaritätsveranstaltungen oder im Cyberspace – die Auseinandersetzung mit der "Politik von oben" brachte seit den 1960er Jahren eine Fülle von Protestbewegungen hervor. Viele davon, wie die Friedens-, Umwelt- oder Frauenbewegung, haben die politische Landschaft nachhaltig geprägt.

In Österreich gibt es kaum Anzeichen dafür, dass gerade 1968 ein besonderes Jahr, eine Zäsur, gewesen wäre. Die Zahl ist vielmehr eine Chiffre für ein Jahrzehnt, ein mythisches Datum. So richteten sich zwar die Wünsche und Hoffnungen vieler unabhängiger Gruppierungen in den 1960er Jahren auf eine grundsätzliche gesellschaftliche Veränderung, doch eine eigenständige außerparlamentarische österreichische Opposition entstand nicht.

"Das österreichische 'Protesteln', zusammengesetzt aus einem Schuss Berlin, ein bisschen Provo-Pullover aus Holland, vor allem aber einem kräftigen Schluck Nestroy-Geist, sah außerdem kleiner aus, weil das Ausland den Maßstab bestimmte", schreibt Gerfried Sperl über den Wirkungsgrad der 68er-Eruptionen. (Gerfried Sperl: "1968 und die Folgen", in: Die Transformation der österreichischen Gesellschaft, 1995, S. 77)

Eine kulturelle Zäsur markiert die Besetzung des Auslandsschlachthofs in St. Marx, allerdings erst acht Jahre nach 1968. Die BesetzerInnen forderten die Überlassung des stillgelegten Geländes für ihre verschiedenen sozialen und kulturellen Initiativen. Die Arena-Besetzung 1976 dauerte bis zur polizeilichen Räumung des Geländes etwa drei Monate. Die Aktion selbst, mit der sich immerhin 100.000 ÖsterreicherInnen solidarisierten, war vor allem in ihrer Breitenwirkung ohne ausländisches Vorbild und hatte für das Land weit reichende kulturelle und politische Wirkungen. (Rolf Schwendter: "Das Jahr 1968 – War es eine kulturelle Zäsur", in: Die 68er – eine Generation und ihre Erben, 2000, S. 199) So wären ohne die Erfahrungen der Arena-Besetzung nicht nur weitere alternative Initiativen (z.B. Amerlinghaus, WUK, Wiener Stadtzeitung Falter) undenkbar, auch die Zwentendorf-Volksabstimmung und die Verhinderung des Wasserkraftwerks Hainburg wären nicht möglich gewesen.

Die Erben der 68er-Generation, die Bundeskanzler Wolfgang Schüssel anlässlich der Proteste zum Regierungsantritt der ÖVP-FPÖ-Koalition im Februar 2000 zutreffend als die Internetgeneration bezeichnet hat, entwickelten neue Formen der Protestkultur. Die starke Verbreitung von neuen Medien und social media sorgten für eine dezentrale und effiziente Vernetzung von Gruppen und AkteurInnen. Die Organisierung von Protestmaßnahmen erfolgte über das World Wide Web. Nicht nur einschlägige politische Gruppen, auch Privatpersonen traten auf diese Weise an die Öffentlichkeit und brachten ihren Unmut und Widerstand online zum Ausdruck. Mit dem Aufkommen bzw. dem enormen Bedeutungszuwachs von sozialen Netzwerken (v.a. Facebook) sind auch diese zu einem wichtigen Kommunikations- und Organisierungskanal für Protestmaßnahmen geworden.

Aber auch der Protest selbst spielt sich immer mehr im Netz ab bzw. bleibt dort. Online-Gruppen, die in sozialen Netzwerken existieren, müssen sich nicht unbedingt im "realen" Leben treffen. Der Zusammenschluss bleibt ein virtueller bzw. bedarf – wenn der Schritt von der Internet-Protest-Gruppe zu "realen" Protestversammlungen getan werden soll, dann doch noch weiterer ("älterer") Maßnahmen (wie Plakate etc.). So hält auch Romy Grasberger, eine der beiden Initiatorinnen der "Lichterkette für Vielfalt und Zivilcourage" 2009 fest, dass der Beitritt zu einer Online-Gruppe schnell geht, "aber dass die Leute dann tatsächlich auch kommen, das ist etwas anderes." (Virtuelle Basispolitik, in: Der Standard, 13.3.2010)

Letztes Update: 09/2014

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