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Opfermythos

In Nürnberg und anderswo
"Er hat mir`s doch befohlen!"
Neues Österreich, 20. Juli 1946

"Da wir also unschuldig sind, müssen wir unschuldig auch immer gewesen sein, wir waren höchstens hilflos missdeutet." (Elfriede Jelinek: Wir, Herren der Toten)

Österreich präsentierte sich nach 1945 als kollektives Opfer des nationalsozialistischen Deutschland. Gestützt wurde diese Geschichtsinterpretation durch die "Moskauer Deklaration" vom 1. November 1943, in der die Wiederherstellung eines freien und unabhängigen Österreich als Ziel der Alliierten bekundet wird. Österreich wurde darin als das "erste Opfer der typischen Angriffspolitik Hitlers" bezeichnet, aber auch für seine Mitbeteiligung am Krieg auf deutscher Seite verantwortlich gemacht.

"Aus dieser durchaus ausgewogenen Einschätzung haben die österreichischen Nachkriegsregierungen stets den Opfercharakter hervorgehoben, um auf diese Weise rascher den Staatsvertrag und damit die volle Souveränität zu erlangen, aber auch, um berechtigte Wiedergutmachungsansprüche der NS-Opfer abzuwehren." (Wolfgang Neugebauer: Opfer oder Täter. Wien 1994).

Die erfolgreiche Durchsetzung der Opfertheorie brachte Österreich 1955 den ersehnten Staatsvertrag und avancierte zum Gründungsmythos der Zweiten Republik. Die "Verantwortungs- und Mittäterklausel" wurde noch am Vorabend der Unterzeichnung aus dem Staatsvertrag gestrichen und damit der Vergessenheit überantwortet. Geführt wird ein "double speak" (Anton Pelinka): nach außen wurde der österreichische Widerstand als der in der Moskauer Deklaration geforderte Beitrag zur Befreiung betont; im rein nationalen Kontext hingegen musste der Widerstand und Antifaschismus um seine Anerkennung "kämpfen".

So verweigerte die Kriegsgeneration auch die schmerzhafte Auseinandersetzung mit dem dunklen Kapitel ihrer eigenen Geschichte, und nicht selten wurden die Kriegsschäden und -leiden der österreichischen Zivilbevölkerung und das Leiden der Juden in der Shoa auf eine Ebene gestellt.

Erst Mitte der 1980er Jahre kam es – v.a. auf Grund der Waldheim-Affäre – zu einer kritischen Auseinandersetzung und in der Folge zu einer Entmythologisierung der Opferdoktrin. Als der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky bei einem Israel-Besuch 1993 im Namen der Republik die Opfer der österreichischen Täter um Verzeihung bat, signalisierte er damit nicht nur den Abschied von den politischen Mythen der Nachkriegszeit, sondern auch die Orientierung an einem transnationalen europäischen Geschichtsbewusstsein, das das Bekenntnis zur Mitverantwortung am Holocaust als politischen Auftrag versteht, entschieden gegen Rassismus und Rechtsextremismus aufzutreten.

Für heftige Debatten sorgte deshalb das Interview mit Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, das am 9. November 2000, dem Gedenktag an die Reichspogromnacht, in der israelischen Tageszeitung "Jerusalem Post" erschienen ist. Mit den Worten "Sie nahmen Österreich mit Gewalt" rückte Schüssel noch einmal das Schicksal Österreichs als erstes Opfer Hitler-Deutschlands in den Vordergrund der Geschichtsbetrachtung. Zur moralischen Verantwortung Österreichs an den NS-Verbrechen bekannte sich Schüssel erst auf Nachfrage. Für die Historikerin Heidemarie Uhl signalisierte dies ein Wiederaufleben der Opferdoktrin und ein Abrücken von einem europäischen Geschichtsbewusstsein, das sich in den letzten Jahren zunehmend herauskristallisiert hat ("Konsens des Schweigens", Standard, 24.11.2000).

Und auch im "Jubiäumsjahr 2005" machte Uhl eine wesentliche Differenz in der offiziellen Gedenkpolitik in Österreich und Europa fest: Während das offizielle Österreich 2005 vorwiegend der Unterzeichnung des Staatsvertrages 1955 gedachte, stand im europäischen Kontext die Befreiung von der NS-Herrschaft und das Jahr 1945 im Zentrum. In Österreich wurde die Zweite Republik als "Erfolgsstory" gefeiert – eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der Verstrickung in NS-Verbrechen fand 2005 höchstens am Rande und dies v.a. im Rahmen von unabhängigen Projekten statt. (Heidemarie Uhl: Europäische Tendenzen, regionale Verwerfungen, in: Werner Koroschitz u.a.: "Heiß umfehdet, wild umstritten …". Klagenfurt/Celovec 2005).

Im Gedenkjahr 2008, das im Zeichen der Erinnerung an eine Vielzahl historischer Ereignisse stand – darunter die Ausrufung der Republik 1918, die Ausschaltung des Parlaments 1933, der "Anschluss" an das nationalsozialistische Deutschland 1938 -, war schließlich festzustellen, dass abgesehen von einer Rede Otto Habsburgs bei einer Gedenkveranstaltung der ÖVP niemand mehr ernsthaft an die Opferthese glaubte. Große geschichtspolitische Kontroversen blieben aus. Auch die Bilder der "Anschluss"-Begeisterung, die zwanzig Jahre zuvor noch zu heftigen Kontroversen führten, hatten ihren "Stachel" im Gegensatz zu 1988 verloren. Was nun Debatten evozierte war der März 1933 – die Erinnerung an die Ausschaltung des Parlaments und den Beginn der "Ständestaat"-Diktatur. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte hat sich offenbar in die Jahre vor 1938 verlegt (Heidemarie Uhl, Gedenken ohne Stachel, in: Standard, 23.4.2008, Peter Larndorfer: Gedenken in Rot und Schwarz: Zur Diskussion um das "Anschluss"-Gedenken", in: Gedenkdienst 2/2008, S. 1f.).


Letztes Update: 09/2014

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