zur normalen Ansicht

Wissen > Wissensstationen > Metropolis 

Metropolis

Carpenter, Co J.E., Lincoln Building, New York 1929
Titelbild der Ausstellung "Wolkenkratzer. Amerikanische Hochhausarchitektur von 1850 bis 1940 in originalen Ansichtskarten" im Rahmen der Veranstaltungsreihe Architektur im Ringturm der Wiener Städtischen Allgemeinen Versicherung AG
© Luc Van Malderen, Brüssel

Bereits seit der Herausbildung urbaner Metropolen im 19. Jahrhundert gilt die Großstadt als Laboratorium moderner Welterfahrung. Die Großstädte wurden zu jenen "Experimentierfeldern der Moderne", in denen die Transformation der Gesellschaft durch den Industrialisierungsprozess sichtbar wurde: Die Expansion der Industriezonen, das rasante Bevölkerungswachstum, die Verdichtung der Verkehrs- und Kommunikationsnetze waren Indikatoren für die Teilhabe einer Stadt an der Dynamik des Modernisierungsprozesses. Aber nicht nur in den neuen Industrievierteln, sondern auch in den alten Stadtzentren wurden diese Veränderungen wahrnehmbar: Neue Straßenzüge, die Errichtung von historistischen Monumentalbauten (konzentriert in der Wiener Ringstraße), nach der Jahrhundertwende aber auch die kontroversiell diskutierten Zeichensetzungen der architektonischen Moderne – in Wien der Skandal um das um 1910 erbaute Loos-Haus am Michaelerplatz – wurden ebenso zu Indikatoren für die Modernität einer Stadt wie die Zunahme des Verkehrs und die Einrichtung eines Netzes von öffentlichen Verkehrsmitteln.

Die Metropolen sind aber nicht nur "große Städte", materielle Ausdrucksformen für die "städtebildende Kraft der Industrialisierung" (Clemens Zimmermann), sondern Orte von immer neuen Erfahrungen angesichts einer irritierenden Pluralität und Heterogenität von Lebensstilen. In den Imaginationen des "Mythos Großstadt" begegnen die positiven und negativen Visionen der Moderne: als Faszinosum und Ort der Freiheit ebenso wie als "dunkler Kontinent" des Lasters und des Zerfalls der traditionellen Werte. Diese Kategorie der Erfahrung konzentriert sich auf den öffentlichen Raum. Vor dem Hintergrund der Verdichtung von Kommunikation und visuellen Eindrücken wird die neue urbane Topographie zur Bühne für die Inszenierung des "Großstadtmenschen". Insbesondere die Warenhäuser wurden zu Orten innovativer Verhaltensformen, an denen die Entgrenzung bisheriger ständischer, klassen- und geschlechtsspezifischer Schranken stattfand und in denen sich die Teilhabe am öffentlichen Leben durch Konsum herauszubilden begann. Die ersten Wiener Flaggschiffe dieser neuen Warenwelt, Herzmansky (1897) und Gerngroß (1904) vermittelten einen modernen, dynamischen Lebensstil, eine "Welt der Seh-Lust" (Mattl, Siegfried: Aus der Urgeschichtete der shopping-malls, in: Wien im 20. Jahrhundert, Wien 2000, S. 175). Wien lag gegenüber anderen Weltstädten allerdings weit zurück, die Tendenzen einer "Moralisierung des Konsums", ein an Bedarf und Sparsamkeit orientiertes Konsumverhalten dominierte. Nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie wurde "Luxus" weitgehend "aus dem urbanen Vokabular Wiens gestrichen" (Mattl, S. 179). Wien wurde erst mit der Etablierung eines urbanen Lifestyle-Klimas in den 1980er Jahren wieder zu einer von Konsum und Luxus geprägten Stadt.

Die Inszenierung von Urbanität hat im 20. Jahrhundert im Wolkenkratzer eine neue visuelle Ikone gefunden. Die Orientierung einer Stadt im Spannungsfeld von Tradition und Moderne lässt sich vor allem an den programmatischen Symbolen architektonischer und technischer Innovationsbereitschaft ablesen. Das Fehlen markanter Symbole der Moderne in Wien ist dabei kein Zufall: Das Selbstverständnis der Stadt war seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert vom Gefühl eines Modernisierungsrückstandes geprägt – vor allem nach dem Aufstieg Berlins, der "Konkurrenzmetropole" im deutschsprachigen Raum, zur dynamischen "Weltstadt" mit mondänem Flair. Demgegenüber konzentrierte sich die "Imagepolitik" Wiens auf das Verständnis einer traditionsreichen Kultur- und Musikstadt.

Mit dem Klischee von Wien als einer "Welthauptstadt der Kultur" korrelierte ein kulturpolitisches Klima, das den Zeichensetzungen der Moderne wenig abgewinnen konnte. Erst in den 1980er Jahren verdichten sich die Tendenzen einer "neuen Urbanität" auch in Wien – eine "Eventkultur", die Etablierung einer jungen, künstlerisch-intellektuellen "Szene", Stadtzeitungen etc. sind Indikatoren für eine neue Bewertung urbaner Lebensformen. In den letzten Jahren haben dieses großstädtische Lebensgefühl und die Impulse einer neuen Gründerzeit seit dem Fall des Eisernen Vorhangs das Bild der Stadt entscheidend verändert. Die ersten "echten" Hochhäuser wie der Andromeda-Tower, der Mischek-Wohnturm und der Millennium-Tower markieren mit ihrer neuen Skyline die Intention Wiens, sich innerhalb der Konkurrenz der global cities neu zu definieren. Spektakuläre Bauprojekte der letzten Jahre – die Revitalisierung der "Gasometer" durch namhafte Architekten, vor allem aber die "Donau-City" – signalisieren die Orientierung an zeitgemäßen Standards der Stadtplanung und -entwicklung.


(Last update: 09/2014)

Front des Museumsquartiers.
Quelle: www.mqw.at © Rupert Steiner

Der traditionelle Kern der Stadt hat sich den architektonischen Interventionen der Moderne allerdings weitgehend verweigert: Der Versuch, das neue Museumsquartier (2001), das kaum wahrnehmbar hinter der Barockfassade der Hofstallungen platziert ist, durch einen 67 Meter hohen "Leseturm" im öffentlichen Raum visuell zu markieren, konnte wegen einer Medienkampagne gegen die "Turminvasion" in Wien nicht realisiert werden. Urbanität misst sich aber nicht nur an der Skyline, sondern an der Vielfalt und Widersprüchlichkeit von Erfahrungen und visuellen Eindrücken im öffentlichen Raum. Die "Buntheit" einer Stadt, ihre generationsspezifischen, kulturellen, ethnisch differenzierten "Szenen", ihre Weltoffenheit und Toleranz, die Raum für die Entfaltung unterschiedlicher Lebensformen eröffnen, sind wesentliche Indikatoren einer zunehmend in globalen Netzwerken und Kommunikationsstrukturen definierten "metropolitanen" Urbanität.

Heidemarie Uhl (2006)


Letztes Update: 04/2013

© Demokratiezentrum Wien

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org