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Leben im Gemeindebau

Ikone des Roten Wien
der Karl-Marx-Hof in Wien Heiligenstadt. Zeichnung von M. Aubois, Guides Gallimard Vienne
© Editions Nouveaux Loisirs, France

1928 wurde in der konservativen englischen Wochenschrift "Spectator" über ein "Wunder" von europäischer Dimension berichtet, die Gemeindebauten der Stadt Wien (in: Erben, Tino (Red.): Traum und Wirklichkeit, Wien 1870 – 1930, Wien 1985, S. 639). Weit über Österreich hinaus wurde das Sozialexperiment des "Roten Wien", einer sozialdemokratisch regierten Großstadt, zum Faszinosum. Zu symbolischen Flaggschiffen dieses "neuen Wien" wurden die neu errichteten kommunalen Wohnbauten mit ihren Grünflächen, Schulen und Kindergärten.

Voraussetzung für die international beachtete Sozial-, Bildungs- und Wohnbaupolitik war die Veränderung der politischen Rahmenbedingungen nach dem Ersten Weltkrieg: 1919 hatten die Sozialdemokraten bei den ersten, nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht für Männer und Frauen abgehaltenen Gemeinderatswahlen mit über 60 Prozent der Stimmen eine beeindruckende Mehrheit errungen; nach der Abtrennung von Niederösterreich und der Konstituierung von Wien als Bundesland konnte die Kommune eine eigenständige Steuerpolitik in Angriff nehmen, um ihre sozialpolitischen Vorhaben zu finanzieren. Zum ersten Mal konnten die Sozialdemokraten eine Kommunalpolitik nach ihren Vorstellungen gestalten, allerdings unter den denkbar schlechtesten Bedingungen: Die städtischen Finanzen waren zerrüttet, die Wirtschaft weitgehend zusammengebrochen, die ersten Nachkriegsjahre waren von Wohnungsnot, Versorgungsmangel und der Verelendung breiter Schichten geprägt. In dieser Situation wurde Wien zum Modellfall, an dem sich der Unterschied von bürgerlicher und sozialdemokratischer Politik erweisen sollte – in den Gemeindebauten fand diese Politik ihren programmatischen Ausdruck. Die Entscheidung für den kommunalen Wohnbau fiel allerdings erst 1923, als ein Bauprogramm für 25.000 Wohnungen angekündigt wurde, noch 1919 war die Enteignung bzw. Kommunalisierung des gesamten Haus- und Grundbesitzes erwogen worden, in der ersten Nachkriegszeit wurde die Siedlerbewegung unterstützt (Peter Eigner / Herbert Matis / Andreas Resch: Sozialer Wohnbau in Wien. Eine historische Bestandsaufnahme, in: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 1999, S. 58ff.)

Die Errichtung von rund 64.000 Gemeindewohnungen bis zum Jahr 1933 wurde durch ein neues Abgabensystem ermöglicht, das die Umschichtung der Steuerlasten zugunsten der einkommensschwachen Bevölkerungsmehrheit vorsah, neben "Luxussteuern" wurde auch eine zweckgebundene Wohnbausteuer eingehoben. Die Finanzierung des kommunalen Wohnbaus machte den höchsten Anteil der städtischen Ausgaben aus, in den Hoch-Zeiten wurden bis zu 26 Prozent des Gemeindebudgets dafür aufgewendet. 1933 lebten nicht weniger als 200.000 WienerInnen in Gemeindewohnungen, die WohnungswerberInnen wurden nach Punkten (soziale, familiäre, rechtliche Position) in drei Dringlichkeitsstufen gereiht. (Vom Roten Wien zum Dritten Mann, in: Siegfried Mattl: Wien im 20. Jahrhundert (Geschichte Wiens Band IV), Wien 2000, S. 46)

Die Wohnhausanlagen der Gemeinde Wien waren funktionale Sozialeinrichtungen und zugleich ideologisch codierte "Superzeichen", in der sich die Leistungsbilanz der kommunalen Stadtverwaltung ebenso wie die Machtdemonstration der Parteiorganisation bündelten. "Stolz und Schrecken" gingen von den rasch errichteten "Volkswohnpalästen" aus – für die Gegner der Sozialdemokratie waren die Wohnstätten des "Neuen Menschen" verhasste "Trutzburgen" des Marxismus. Ungeachtet des radikalen Pathos, das sich vor allem mit dem Karl-Marx-Hof und anderen "Ikonen" des Roten Wien verband, orientierten sich die konkreten Wohn- und Lebensformen eher am traditionellen Muster der Kleinfamilie. Die Gemeinschaftseinrichtungen wie Großbadeanlagen und Waschküchen, Kinderzahnkliniken, Mütterberatungsstellen, Kindergärten, Bibliotheken sicherten die sozial-, gesundheits- und bildungspolitische Versorgung, "revolutionäre" Konzepte wie das Einküchenhaus scheiterten hingegen.

Auch in der architektonischen Gestaltung kommt das Schwanken zwischen der Fortführung der urbanen Konzepte Otto Wagners (seine SchülerInnen waren im Stadtbauamt federführend) und der ästhetischen Umsetzung einer "proletarischen" Bau- und Wohnkultur zum Tragen. Zum "Flaggschiff der sozialdemokratischen Baugestaltung" und "Architektur gewordenen politischen Manifest" wurde der von Karl Ehn in den Jahren 1927–30 errichtete Karl-Marx-Hof – nach Jan Tabor "das einzige Bauwerk des Roten Wien, bei dem es unvorstellbar ist, daß es auch unter anderen ideologischen Voraussetzungen entstanden wäre" (Jan Tabor: Das Pathos des Kampfes, das Chaos des Kompromisses, das Weh als Erinnerung, in: Helene Maimann: Die ersten 100 Jahre. Österreichische Sozialdemokratie 1888–1988, Wien 1988, S. 300).

Die Gemeindebauten wurden auch zum symbolischen Ort für das Ende des Roten Wien: Der unter Beschuss genommene Karl-Marx-Hof wurde zum visuellen Gedächtnisort für die Niederschlagung des sozialdemokratischen Februaraufstandes durch Bundesheer, Polizeieinheiten und Heimwehrverbände und für die Errichtung der autoritären Ständestaat-Diktatur. In der NS-Zeit kam der Wohnungsbau praktisch zum Erliegen – der Zusammenhang zwischen der Deckung des Wohnungsbedarfes und der Deportation der jüdischen Bevölkerung ist evident: Durch "Arisierung" kamen rund 70.000 Wohnungen zur Neuverteilung. (Vom Roten Wien zum Dritten Mann, in: Siegfried Mattl: Wien im 20. Jahrhundert (Geschichte Wiens Band IV), Wien 2000, S. 60).

Nach 1945 fand der "historische Kompromiss" zwischen den verfeindeten politischen Lagern, den Christlichsozialen und den Sozialdemokraten – bald wurden auch die ehemaligen Nationalsozialisten einbezogen – auch in der Baupolitik ihren Ausdruck. Jüdische ArchitektInnen wurden nicht zurückgeholt oder bekamen keine Aufträge, ebenso Grete Schütte-Lihotzky, die in den 1920er Jahren die Frankfurter Küche entwickelt hatte – sie war als Kommunistin im Widerstand gewesen. Personell und in der Formensprache war 1945 keine Zäsur, zum Teil wurde in den ersten Nachkriegsjahren auf NS-Planungen zurückgegriffen (Per-Albin-Hansson-Siedlung). Erst in den 1980er Jahren begann die Orientierung an neuen, programmatischen Zielen: Im Wohnpark Alt-Erlaa – sechs Wolkenkratzer mit rund 3.200 Wohnungen – wurde ein "vollwertiges Wohnen" realisiert, das die Abwanderung der städtischen Mittelschichten verhindern sollte.

Heute ist das Hundertwasser-Haus der bekannteste Wiener Gemeindebau. Auch symbolisch bildet die vom Maler Friedensreich Hundertwasser entworfene "kunterbunte Gartenburg" das Gegenstück zur "roten Festung" des Karl-Marx-Hofs: Die Baupolitik orientiert sich zunehmend an den Mittelschichten und bietet durch ihre restriktiven Zugangsbestimmungen für AusländerInnen keine adäquaten Konzepte für eine Verbesserung der Situation der ZuwandererInnen, die überproportional in Substandardwohnungen mit überteuerten Mieten wohnen. Nicht zuletzt angesichts der populistischen Anti-Ausländer-Politik der FPÖ wurde die Frage der Öffnung der Gemeindebauten für MigrantInnen in den letzten Jahren zu einem umstrittenen Thema, wobei mit der Öffnung von Notfallwohnungen für MigrantInnen 2001 ein erster Schritt in Richtung Zugang zur kommunalen Wohnversorgung getan wurde. Mit Jänner 2006 musste schließlich die EU-Richtlinie zur Gleichbehandlung von AusländerInnen, die sich länger als fünf Jahre im Land aufhalten, umgesetzt werden. Inzwischen haben neben BürgerInnen aus dem EU- bzw. EWR-Ausland auch anerkannte Flüchtlinge und MigrantInnen mit unbegrenzter Niederlassungsbewilligung Zugang zu geförderten Wohnungen in der Bundeshauptstadt.

Heidemarie Uhl

Letztes Update: 09/2014

 

Zur weiteren Entwicklung des Gemeindebaus:
Der Gemeindebau im Wandel: Strukturelle Änderungen der Gegenwart

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