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Insel der Seligen

Bundeskanzler Josef Klaus und Bruno Kreisky
bei einer Veranstaltung in der Wachau, 1970
Quelle: Stiftung Bruno Kreisky Archiv, Wien

Als eine "Insel der Glücklichen" bezeichnete Papst Paul VI. Österreich anlässlich eines Vatikanbesuches des österreichischen Bundespräsidenten Franz Jonas im Jahr 1971. Umformuliert in "Insel der Seligen" wurde diese Charakterisierung zum prägenden sozialen Mythos der 1970er Jahre. Österreich galt im Ausland und auch im Selbstverständnis vieler ÖsterreicherInnen als idealtypischer Ort, an dem Menschen in Wohlstand, glücklich, konfliktfrei und harmonisch zusammenleben. Gestützt wurde dieser Mythos durch eine Politik, der es gelang, die Wirtschaftskrisen der 1970er Jahre besser als andere Staaten zu durchtauchen, Arbeitskonflikte durch einen breiten sozialpartnerschaftlichen Konsens zu vermeiden und ein relativ dichtes Netz an sozialer Absicherung zu etablieren.

Das Schlagwort von der "Insel der Seligen" taucht in der Politikwissenschaft meist im Zusammenhang mit dem "Wohlfahrtsstaat" oder der "Konkordanzdemokratie" auf. Mit Konkordanzdemokratie ist gemeint, sich bei Entscheidungsfindungen an institutionalisierten Kompromiss- und Proporzregelungen zu orientieren. Die entscheidenden politischen Auseinandersetzungen wurden nicht in der Öffentlichkeit, sondern hinter geschlossenen Türen ausgetragen.

Auch die Aufteilung der Bevölkerung in die beiden großen politischen Lager, Sozialdemokratie und Christlich-Konservative, trug über Jahrzehnte zum Anschein der politischen Stabilität des Landes bei. Dieses Gleichgewicht geriet in den 1970er Jahren ins Wanken. "Die klaren Bruchlinien zwischen den Lagern verloren ihre Prägekraft. Die Bindung an die Lager wurde nicht mehr mit der Selbstverständlichkeit weitergegeben, wie dies seit der Formierung des Parteiensystems am Ende des 19. Jahrhunderts der Fall gewesen war. Die Konkordanzdemokratie begann, sich in Richtung Konkurrenzdemokratie zu verändern." (Anton Pelinka: Blitzlichter, Wien 1999).

Seit dem EU-Beitritt ist der Prozess der "Entaustrifizierung" nicht mehr aufzuhalten. Das Bild von der "Insel der Seligen" verstaubt zum Andenken an "die gute alte Zeit". An der "typisch österreichischen Gemütlichkeit" halten vor allem jene fest, die das rasante Tempo der Modernisierungsschübe längst schon überrollt hat. Die Globalisierungsdynamik spaltet die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer. Zwei neue "Lager", die nun alle Parteien durchmischen und zu einer neuen "Unübersichtlichkeit" der politischen Landschaft geführt haben.


Letztes Update: 09/2014

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