zur normalen Ansicht

Wissen > Wissensstationen > Heim.at 

Heim.at

Sehnsucht Heimat
Postkarte zur Ausstellung "Sehnsucht Heimat" im Salzlager Hall/Kunsthalle Tirol, 1998
© Circus-Reklame, Innsbruck

Ist das Bedürfnis nach Verwurzelung und einer eindeutigen Identität die Antwort auf die Identitätszerissenheit in unserer überpluralistischen Welt? Oder finden in dem scheinbar harmlosen Identitätsdiskurs nur die alten Reden von "Volk, Vaterland und Heimat" ihre postmoderne Fortsetzung? Identität ist jedenfalls ein modernerer Ausdruck für Heimat. Und Heimat ist eine Metapher, die viele Sehnsüchte und Phantasien erweckt.

Heimat im ursprünglichen SInn

Heimat bedeutete im ursprünglichen Sinn, in der agrarischen, vorindustriellen Zeit, den Besitz von Haus und Hof, wo man das Recht hatte, zu bleiben. "Das Heimat" war im deutschsprachigen Raum schlicht und einfach ein juristischer Begriff, und wer kein so genanntes Heimatrecht hatte oder dieses verlor, der musste in die Fremde, in's "Elend", wie es damals hieß. Und es waren viele, die im Elend waren.

Die Begriffe "Heimat" und "Identität" verdanken ihr Profil der Modernisierung.
So vollzog sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ein Wandel im Heimatverständnis. Heimat wurde zu einem emotionalen Wert, aufgeladen mit sentimentalen Klischees und besungen in Heimatliedern wie "Am Brunnen vor dem Tore".

Heimat als Gegenentwurf zur Moderne, als Idealisierung eines Ortes, den man verlassen hatte. Im Zuge der Industrialisierung entstand eine Heimatbewegung, die vor allem von den Städtern ausging. Für den Philosophen Rudolf Burger ist Heimat deshalb auch "eine leicht weinerliche Verlustanzeige". Der Nationalsozialismus knüpfte in der Folge an den Heimatkult an. Der Heimatbegriff wurde "braun" eingefärbt. Einen Anstrich, den er bis heute nicht wirklich los wird.

Geborgenheit, Sicherheit, Wärme, unbeschwerte Kindheit, sich zugehörig fühlen, Landschaften, die genossen werden können, die eigenen vier Wände – um diese Elemente kreisen die Vorstellungen von Heimat, wie die deutsche Rassismusforscherin Nora Räthzel (Radiokolleg/ Ö1, 29.05.–01.06.1995) in einer wissenschaftlichen Umfrage erhob. Im Amerikanischen etwa gibt es den Ausdruck "mobile home". "Mobile" meint das Gegenteil von festgefahren, auf der Stelle treten, und wird sehr positiv bewertet. Dagegen bedeutet daheim, zu Hause zu sein, im Deutschen viel eher die Bindung an einen festen Ort. Und das deutsche Wort "Heimat" zeichnet sich vor allem durch die Abgrenzung gegen alles Entfernte oder Fremde aus.

Heimat als Identitätsfabrik
Vertreter der Literaturgattung "Heimatroman", wie Karl Heinrich Waggerl oder Peter Rosegger, wurden nach 1945 wegen ihrer idealisierten und klischeehaften Darstellung des ländlichen Raums kritisiert. In der österreichischen Nachkriegsliteratur entstand eine Form des Anti-Heimatromans, von Autoren wie Franz Innerhofer, Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek entwickelt, um nur einige zu nennen. Auch der Heimatfilm ist ein traditionsreiches Genre im deutschsprachigen Raum, verwiesen sei auf beliebte Kitsch-Filme wie "Der Förster vom Silberwald". Auf andere Art durchforsten deutsche Regisseure wie Edgar Reitz in seinem Filmopus "Heimat" die trauten Gefilde. Für Reitz ist Heimat nicht lediglich ein territoriales Konzept, sondern ein Ort der Erinnerung an die Herkunft. Für seinen Kollegen Wim Wenders existiert die Utopie der Heimat nicht.

Seine Helden haben keine Heimat, sie sind in sich selbst zu Hause. Für Wenders heißt Identität, dass man keine Heimat braucht. Bewusstsein, so sagt er, hat für mich etwas damit zu tun, nicht zu Hause zu sein. Eine Absage an alle Wald- und Wiesen-Erklärungen, die die Entwurzelung des modernen Menschen stets als negativ, befremdend und bedrohlich bewerten.

Heimaten
Informationsüberflutung, internationale ökonomische Verflechtungen, Massenkultur und weltweite Migrationsbewegungen – territoriale und kulturelle Grenzen sind längst brüchig geworden. Gegenbewegungen, die die Bodenständigkeit gewachsener Kultur betonen, liegen im Trend und nähren die Fiktion von einer verwurzelten Identität. Heimat – ein Schrebergarten im globalen Dorf? Der Rückzug ins Kleine ist ein Terrain, wo sich konservative und progressive Kultur- und Gesellschaftskritik kreuzen.

Die moderne Identität ist durch einen Gegensatz von Welt und Heimat geprägt, so ein Erklärungsansatz des Münchner Psychotherapeuten Wolfgang Schmidbauer (Radiokolleg/ Ö1, 29.05.–01.06.1995). Die Welt biete den Menschen unendliche Möglichkeiten, aber auch unendliches Elend. Die Heimat begrenze beides. Der im Engen Gefangene sehnt sich nach der Freiheit, der in der Welt Verlorene nach Heimat, so Schmidbauer. Und als Gegenpol zum Provinzlerdasein finden sich jene, die sich als Weltbürger verstehen, mit Kreditkarte und Reisepass im Handgepäck.

Flüchtlinge, MigrantInnen, ZuwandererInnen – sie mussten auf Grund von Kriegen oder Armut ihre Heimat verlassen und leben in der Fremde. Viele von ihnen haben Europa zu ihrem Zielort erkoren, wo ihnen das Recht auf eine neue Heimat oft in Abrede gestellt wird, nicht zuletzt auch mit der Behauptung, die kulturelle Identität Europas sei bedroht. Europa, das von den EuropärInnen im Gegensatz zu ihrer nationalen oder regionalen Verortung erst allmählich als Heimat empfunden wird, steht heute somit auch für Abschottung gegenüber Menschen aus den armen Teilen der Welt. Und so gesehen ist die Sehnsucht nach Heimat heute in Europa keine unschuldige Utopie.


Letztes Update: 09/2014

© Demokratiezentrum Wien

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org