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Hapsburg Cities

Reale Reisezeiten in der Gegenwart,
die in Richtung "Osten" subjektiv häufig länger empfunden werden
Quelle: Statistische Mitteilungen der Stadt Wien 1/2000

Hapsburg Cities – Wien – Praha – Budapest

Mit diesem Slogan werben Reiseveranstalter vor allem bei US-TouristInnen für einen Kurzurlaub in den ehemaligen drei Zentren der Habsburgermonarchie. Über achtzig Jahre nach dem Zerfall des Österreich-Ungarischen Imperiums üben deren historische Artefakte, die längst auch die Filmindustrie überschwemmt haben, genügend Faszination aus, um der Tourismus-Industrie quotengerechte Publizität zu bringen. Alle drei Städte haben einen höchst erfolgreichen internationalen Städtetourismus zu verzeichnen.

Bereits gegen Ende des Kalten Krieges in den 1980er Jahren schien eine historische Metropolenachse – Wien-Budapest – stark genug zu sein, um trotz der ideologischen Unterschiede und der letzten Konfrontation zwischen der US-Administration Reagans und dem sowjetisch-kommunistischen Blocksystem eine gemeinsame "Weltausstellung" 1996 zu tragen. Das Ende des Kalten Krieges 1989 und die populistische Renationalisierung auch städtischer politischer Entscheidungsprozesse (Stichwort: Migration und "Ausländerfrage") ließen dieses Projekt an der Mehrheit der Wiener und Wienerinnen scheitern.

Gleichzeitig wurde aber die Achse Wien-Budapest vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Erweiterung der Europäischen Union mit unerwarteten neuen sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen und Entwicklungssträngen konfrontiert, die nicht nur Kooperation, sondern durchaus auch Konkurrenz im europäischen Metropolenwettbewerb prognostizieren lassen.

Bis 1997 haben mit Hauptfirmensitz in Wien tätige Unternehmen auch durchaus von der Ostöffnung profitiert und stark gerade in Ungarn, Budapest im Speziellen, investiert. Zum Unterschied vom Handel mit den damaligen EU-14-Staaten hat ein deutlicher Exportüberhang auch zu einem Handelsbilanzüberschuss geführt. Aufgrund der ökonomischen Probleme im Zuge der als unbedingte Voraussetzung für einen EU-Beitritt notwendigen Restrukturierungen in den osteuropäischen Transformationsökonomien hat dieser Boom in den Folgejahren in vielen Bereichen des Handels jedoch deutlich nachgelassen (Walter Langer / Ingo Schmoranz: EU-Osterweiterung aus Wiener Sicht, in: Wirtschaftspolitische Blätter1–2/1999, S. 77).

Völlig unterschiedlich verlief die Entwicklung im Bereich der Banken. Die in Wien zentrierte Bankenszene (Bank Austria Creditanstalt, Erste Bank oder Raiffeisenbank) konnte ihre Gewinnbilanzen durch die Profite im neu etablierten mittel- und osteuropäischen Filialnetz auch in diesen Jahren deutlich verbessern, und auch die österreichischen Versicherungen begaben sich auf die Suche nach ihren historischen Spuren und versuchten daran anzuschließen. Nicht zu übersehen ist hierbei die historische Kontinuität im Bankenbereich – auch in der Monarchie bis 1918 sowie in der Zwischenkriegszeit und in der NS-Zeit war Wien im Dienste der NS-Ausplünderungspolitik das Zentrum eines mittel- und südosteuropäischen Bankennetzes. Nach der EU-Erweiterung 2004 ist deutlich, dass die österreichische Wirtschaft insgesamt von der Aufnahme der Tschechischen Republik und Ungarns in die Europäische Union in den verschiedenen Bereichen (Außenhandel, Industrie, Investitionspolitik) stark profitiert hat (vgl. hierzu die Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche The New EU Member States and Austria: Economic Developments in the First Year of Accession aus dem Jahr 2005) und sich – wie Investitionen der OMV oder der Erste Bank in Rumänien zeigen – eine Verlagerung der österreichischen Direktinvestitionen in Richtung neue "Hoffnungsmärkte" in Südosteuropa (Rumänien, Bulgarien, Kroatien) abzeichnet.

Während noch nach 1918 durchaus die traditionellen "Ostverbindungen" trotz Weltwirtschaftskrise weiterexistierten, begann bereits das NS-Regime diese "Netzwerke" im wirtschaftlichen Bereich zu missbrauchen und damit zu unterminieren – besonders deutlich wird dies in der Zerschlagung von mitteleuropäischen Konzernen jüdischer EigentümerInnen mit Sitz in Wien. Nach 1945 setzten die kommunistischen Regime rasch die Politik der Renationalisierung fort und zerschnitten durch die nationalen Verstaatlichungspolitiken die ökonomischen traditionellen Verkaufs-, Vertriebs- und Dienstleistungskanäle. Im "Westen" wiederum setzten die USA spätestens ab 1948/1949 eine radikale Politik des Wirtschaftskrieges gegen den kommunistischen Block um, der Österreichs "Ostorientierung" auf Jahrzehnte hin in Richtung Ostintegration umpolte. Erst in der Entspannungspolitik der 1960er und 1970er Jahre entwickelte sich wieder eine bescheidene "Ostwirtschaft", aber erst nach 1989 sollte hier eine zumindest temporäre Umorientierung stattfinden.

Da die wirtschaftlichen und vor allem die sozialen Strukturen in den Nachbarstaaten Ungarn, Slowakei und Tschechien trotz Krisen und steigender Arbeitslosigkeit funktionieren – wenngleich unter großen Belastungen für viele Menschen – blieb die Zuwanderung aus diesen Ländern, auch bedingt durch das Übergangsarrangement für die ArbeitnehmerInnenfreizügigkeit, nach Wien gering. Hingegen erhöhte sich die Verkehrsbelastung, sodass politischer Handelsbedarf im europäischen Verbund gegeben ist.

Während die Ungarn als "sympathischste" Nachbarn auch in Wien im öffentlichen Bewusstsein verankert sind, wurden die negativen historischen Vorbilder gegen die Tschechen (und damit auch gegen die Slowaken) in den letzten Jahren wieder belebt. Ein Prozess, der auf die "Konservierung" der latenten Nationalitätenkonflikte der vorigen Jahrhundertwende – vor allem durch den Kalten Krieg – hinweist. Wie im Märchen von "Dornröschen" setzt im öffentlichen Bewusstsein eine unreflektierte Fortsetzung der Vorstellungen über den "Nachbarn" über mehrere Generationen hinweg wieder ein.

Ökonomisch gesehen ist es aber anders, denn Wien und Budapest sind deutlich stärkere Konkurrenten als Wien und Prag. Während Prag auf teilweise schrankenlose "Internationalisierung" setzt und sich vor allem in Richtung Westen orientiert, soll sich Budapest zum "gateway" nach Südosten entwickeln. Das heißt es soll für Firmen als Brückenkopf mit perfekter Infrastruktur und hoher Lebensqualität fungieren und sozusagen eine Dienstleistungs-, Wissens- und Managementdrehscheibe in Richtung Südosteuropa bilden. Wien versteht sich als "Ost-West"-Transaktionszentrum, wobei die nördliche Hälfte dieser Zielsetzung auf der europäischen Landkarte bereits deutlich von Prag, aber auch Berlin besetzt wurde.

Überhaupt wurden nicht nur mental, sondern auch in der Verkehrspolitik die Fehler der Monarchie wiederholt, und der tschechische Lebensraum rückte in weite Ferne – so gibt es eine Autobahnverbindung nur bis Brünn, nach Wien geht es über 135 Kilometer auf Bundesstraßen weiter, die direkte internationale Zugverbindung Wien-Prag über Gmünd wurde aufgegeben, mit dem Ergebnis, dass die "Hochgeschwindigkeitszüge" Wien-Prag via Brno in etwa so lange brauchen wie die schnellste Dampflokomotive um 1917, die "310"-Zugmaschine des kaiserlichen Hofzuges mit 100 km/h Reisegeschwindigkeit www.imperialtrain.com).

Insgesamt gesehen hat Wien – verglichen mit der Zeit vor 1918, aber auch vor 1945 – durch den Kalten Krieg sowohl im paneuropäischen Eisenbahnnetz als auch im Straßennetz an Bedeutung verloren – geblieben ist vor allem die West-Ost-Trasse. Hingegen hat Wien im Flugverkehr durchaus seine Positionen vergrößern können. Zunehmend wird aufgrund der Verkehrsströme auch das regionale Metropolennetz Bratislava–Brno–Krakow ein Konkurrent für die Euro-Großregion Wien-Praha-Budapest.

Die Distanz zu Prag wird sich auch noch weiter vergrößern, da mit der EU-Integration der Slowakei und der von Bratislava, nur 65 km östlich von Wien und in einer Stunde mit dem Auto erreichbar, ein kleines, aber ökonomisch interessantes Regionalzentrum auch für den Wiener Raum entstanden ist. Historisch gesehen eine Regionalstadt wie St. Pölten oder Wiener Neustadt im Wiener Umfeld, hat Bratislava nicht nur als Endpunkt und Raffineriestandort einer großen Erdölpipeline aus Russland eine wichtige wirtschaftliche Rolle eingenommen (wie Wien-Schwechat mit dem "westlichen" Raffinerie- und Pipeline-Pendant), auch verkehrstechnisch spielt es mit seinem Flughafen, der zuletzt mit den Flughafen Kosice von Wiener Flughafen erworben wurde, eine wichtige Rolle und trägt zu einer Aufwertung des Hoffnungsraumes Wien-Bratislava bei.

Der Metropolenwettbewerb wird aber letztlich durch sanfte Faktoren entschieden werden – das heißt Bildung und Ausbildung vor allem bezüglich der Medien der digitalen Revolution (hier sind auch entsprechende Infrastrukturmaßnahmen unbedingt notwendig) sowie Lebensqualität (Freizeit- und Bildungs- sowie Kulturangebot) und Anbindung an das internationale Wirtschafts-, aber auch Kulturleben. Hier hat beispielsweise Prag, eine Stadt, in der ständig bis zu 50.000 junge US-BürgerInnen leben, durchaus einen Vorteil.

Deutlich wird im nüchternen Vergleich, dass Wien nach 1989 eine sanfte 2. Gründerzeit erlebte, mit Bevölkerungswachstum durch Zuwanderung und neue Bautätigkeit sowie der Entwicklung einer neuen Freizeitachse entlang der Donau und dem Bau einer zweiten City auf der Donauplatte Richtung Norden (nach der UNO-City der späten 1970er und frühen 1980er Jahre). Prag hingegen hat große Probleme im Bevölkerungs- und Wohnungsbereich zu verzeichnen, Wien wiederum konnte lange Zeit die Integration der Zuwanderung durch qualitative Maßnahmen und offene politische Auseinandersetzung nicht verkraften. Anti-Ausländerwahlkämpfe, die eine moderne Form des Nationalitätenkonflikts der Jahrhundertwende um 1900 darstellen – wenngleich weniger radikal, aber trotzdem aus heutiger Sicht aggressiv umgesetzt –, signalisieren die gesellschaftspolitische Brisanz dieses Themas.

Trotz zahlreicher politischer Absichtserklärungen, zahlreicher Städte- und Landesabkommen und eigener Regionalbüros ist eine lebendige Interaktionen zwischen diesen drei Metropolen erst wieder im Entstehen. Während die KulturwissenschaftlerInnen und HistorikerInnen in zahllosen Publikationen über die intellektuelle und wirtschaftliche Bedeutung dieses Metropolenraumes schwärmen, beginnt erst langsam wieder die soziale Interaktion. Dieser Prozess auf Ebene des "Humankapitals" wird sicherlich noch ein bis zwei Generationen dauern, jedoch dann voll zum Tragen kommen, wobei es sicherlich nicht mehr zu so starken Migrationsschüben wie vor 1900 kommen wird.



Letztes Update: 09/2014

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