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Sudetendeutscher Widerstand (Leopold Grünwald)

Beim Einmarsch der deutschen Truppen in der Tschechoslowakei 1938 konnten die Nazis, wenn nicht auf die aktive, so doch auf die passive Unterstützung des größeren Teils der deutschen Bevölkerung bauen. Neben diesen gab es aber auch unter den Sudetendeutschen einen durchaus relevanten Widerstand, der anteilsmäßig sogar größer war als in Österreich.

Leopold Grünwald, Kommunist jüdischer Herkunft im Sudetenland, während des Krieges verantwortlich für den "sudetendeutschen Freiheitssender" in Moskau, 1945 bis 1969 Mitglied der KPÖ, berichtet in dem von ihm herausgegebenen Buch "Sudetendeutsche – Opfer und Täter", dass nach der endgültigen Kapitulation der tschechischen Regierung zehntausende deutsche AntifaschistInnen ins Landesinnere Böhmens und Mährens geflohen seien, um von dort aus den Kampf fortzusetzen. Die meisten von ihnen seien aber von den tschechischen Behörden zurückgeschickt und damit dem NS-Terror ausgeliefert worden. Trotzdem gelang rund 7.000 sudetendeutschen AntifaschistInnen die Flucht und ca. 30.000 sudetendeutsche Juden und Jüdinnen die Emigration, wodurch das sudetendeutsche Exil – laut Grünwald – gemessen an der Bevölkerungszahl das stärkste in Europa war. Die Aufnahmeländer der Flüchtlinge waren vor allem Großbritannien, Kanada, Skandinavien und die Sowjetunion.

Bereits 1939/40 entstand ein sozialdemokratischer Untergrund, der auf die noch bestehenden Organisationen der DSAP (Deutsche Sozialistische Arbeiterpartei) aufbaute, während der kommunistische Widerstand aus den noch nicht vernichteten Orts- und Betriebszellen in Nord- und Nordwestböhmen bestand, die vom illegalen Zentralkomitee in Prag betreut wurden.

Grünwald berichtete von etwa 185 dokumentierten Widerstandsgruppen, die in den sudetendeutschen Ballungszentren teilweise über ein dichtes Netz von Ortsgruppen verfügten. So arbeitete im Bezirk Karlsbad die Gruppe "Meerwald" mit 15 bis 20 Ortszellen; im Bezirk Tetschen-Bodenbach verfügte eine weit verzweigte Widerstandsgruppe über Stützpunkte in 23 Großbetrieben; im Bezirk Teplitz-Schönau arbeiteten illegale Gruppen der KPs unter verschiedenen Tarnungen. Die größte und erfolgreichste sudetendeutsche Widerstandsgruppe, die Gruppe "Waltro", operierte jedoch in Nordböhmen und versorgte viele geflüchtete russische Kriegsgefangene und führte zahlreiche Sabotageaktionen in Rüstungsbetrieben und auf Bahnlinien durch. Ende 1944 nahm der deutsche Widerstand sogar so zu, dass die deutsche Wehrmacht gezwungen war, eine Sondereinheit zur Partisanenbekämpfung nach Nordböhmen (Isargebirge) zu senden. Von Anfang 1944 bis Mai 1945 erreichte der Kampf der sudetendeutschen AntifaschistInnen auch seinen Höhepunkt. In zahlreichen Sabotageakten in Kohlebergwerken, Anschlägen auf Eisenbahnzüge, der Vernichtung von Benzinvorräten etc., aber auch im bewaffneten Kampf waren sudetendeutsche AntifaschistInnen, zum Teil gemeinsam mit Russen, tätig.

Auch in der deutschen Minderheit in der Slowakei (den sogenannten Karpatendeutschen) gab es einen erheblichen Widerstand, in den ersten Kriegsmonaten insbesondere in Bratislava/Pressburg, einer Stadt mit einer starken deutschen Arbeiterschaft. Vor allem im traditionell antifaschistischen Deutsch-Proben wurde ein Netz von Widerstandsgruppen aufgebaut. Im März 1939 kam es anlässlich der Ausrufung der klerikal-faschistischen "Slowakischen Republik" von Hitlers Gnaden zu einem Überfall der sogenannten Hlinka-Garden (eine Art slowakische SS) auf deutsche AntifaschistInnen, der zu bewaffneten Auseinandersetzungen führte und mit der Verschleppung von über 100 Karpatendeutschen in KZs endete. Im Zuge des Volksaufstandes im August wurden auch von der deutschen Minderheit in Deutsch-Proben und Krickerhau Partisanengruppen aufgestellt. Die Hauptstadt des Aufstandes war Banska Bystrica/Neusohl, ein Gebiet, in dem die Deutschen auch viele Bergarbeiter stellten. Auch nach der Niederlage gab es bei den PartisanInnen in den Bergen bei Banska Bystrica 308 Deutsche, hauptsächlich Arbeiter.

Im sudetendeutschen Exil war die "Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten" unter Führung des ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiter Partei Wenzel Jaksch mit mehr als tausend Mitgliedern die stärkste Gruppe. Als politisches Ziel ihres Widerstandes bestimmte sie, dass die Sudetendeutschen entweder innerhalb der alten Grenzen der CSR eine gleichberechtigte staatstragende Nationalität oder eine autonome Volksgruppe im Rahmen einer mitteleuropäischen Föderation erhalten sollten. Beneš wollte 1941 auch 6 ehemalige deutsche Sozialdemokraten in den zu bestellenden Staatsrat einladen. Er musste dieses Angebot aber aufgrund von Druck seitens der tschechoslowakischen Widerstandsgruppe zurücknehmen. Vergeblich versuchte Jaksch 1940 – 1942 einen Kompromiss in der Frage ethnisch geschlossener Siedlungsgebiete mit Beneš zu erzielen. Nach Kriegsausbruch spaltete sich eine Gruppe von etwa 350 Leuten um Josef Zinner, den ehemaligen Vorsitzenden der Bergarbeitergewerkschaft, von der "Treuegemeinschaft" ab, die die Autonomieforderung Jakschs ablehnte und Kurs auf eine Eingliederung der Sudetendeutschen in einen zukünftigen Nationalstaat der Tschechen und Slowaken nahm. Gemeinsam mit dem kommunistischen Exil in Großbritannien, der sogenannten "Beuergruppe", unterstützte sie dann bei Kriegsende die Aussiedlung der Deutschen.

Quelle: www.agmarxismus.net/aktartikel/benes.html, 15.04.2013

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