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Ungarn im 20. Jahrhundert

Vor 1918
Ungarn ist ein Teil der K-u-K-Monarchie. Durch den österreichisch-ungarischen Ausgleich 1867 bestehen zwei selbständige konstitutionelle Monarchie mit je einem eigenen Reichstag und Heer, die über Personalunion miteinander verbunden sind und eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik betreiben. Mit dem Ausgleich 1867 wird ein wichtiger Grundstein für den ungarischen Parlamentarismus und die Entwicklung des ungarischen Parteiensystems gelegt, wenn auch nur ein beschränktes Wahlrecht besteht.

1918
Nach der Niederlage der K-und-K-Monarchie im Ersten Weltkrieg verliert Ungarn weite Teil im Süden und Osten des Landes an. Ende Oktober wird die Loslösung von Österreich erklärt und in Folge der „Astern Revolution“ eine bürgerliche demokratische Koalitionsregierung unter Graf Károlyi gebildet. Er proklamiert am 16. November 1918 die ungarische Republik.

1919
Graf Károlyi wird am 11. Jänner zum Staatsoberhaupt Ungarns gewählt. Bereits im März folgt jedoch sein Rücktritt in Folge eines Ultimatiums der Entente hinsichtlich weiterer Gebietsabtretungen. Am 21. März wird die Räterepublik unter Belá Kun ausgerufen, sie findet jedoch keine internationale Anerkennung. Rumänen und Tschechen greifen Ungarn an. In der aussichtslosen militärischen Lage dankt der Regierende Rat am 1. August 1919 ab. Wenig später besetzte die königliche rumänische Armee Budapest. In Szeged hatte sich inzwischen eine gegenrevolutionäre Bewegung (getragen von Beamten, Offizieren und verarmten Kleinadeligen) gebildet, zu der auch Admiral Miklós Horthy zählt. Er zieht an der Spitze der neu entstandenen ungarischen Nationalarmee am 16. November 1919 in Budapest ein. Infolge werden die AnhängerInnen der Räterepublik verfolgt.

1920
Miklos Horthy, der auch die Unterstützung einer Gruppe ultrakonservativer Aristokraten, Landbesitzer und hoher Beamten um István Bethlen in Wien hat, wird am 1. März vom ungarischen Parlament zum Reichsverweser gewählt. Damit wird die Monarchie formell wieder hergestellt. Horthy weitet in den kommenden Jahren schrittweise seine Befugnisse gegen das Parlament, aber mit dessen Zustimmung aus. Am 4. Juni 1920 wird der Friedensvertrag von Trianon unterzeichnet, Ungarn verliert etwa zwei Drittel seines früheren Territoriums an die Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien. Es kommt zu einem Erstarken und einer Radikalisierung des ungarischen Nationalismus.

1921-1930
Die Nationalversammlung spricht am 6. November 1921 die Thronenthebung der Habsburger aus. Ministerpräsident Graf István Bethlen (1921-1931) gelingt die innenpolitische Konsolidierung des Landes, womit das halbfeudale, autoritäre und christlich-konservativ ausgerichtete Horthy-Regime gefestigt wird, die sozialen Spannungen bleiben aber. Außenpolitisch dominiert der Wunsch nach einer Revision des Vertrags von Trianon. Der Freundschaftsvertrag von 1927 mit dem faschistischen Italien bedeutet das Ende der internationalen Isolierung Ungarns.


1931-1934
Bankenkrise 1931 und in Folge zweimalige Regierungsumbildung. 1932 Bildung einer Regierung unter Gyula Gömbös. Außenpolitisch nimmt Ungarn enge Verbindungen zu Deutschland auf. Durch die Römischen Protokolle vom 17. März 1934 wird eine engere Zusammenarbeit zwischen Ungarn, Italien und Österreich vereinbart.

1938-1939
Ab 14. März setzt die Regierung unter Béla vom Imrédy den innenpolitischen Kurs von Gömbös fort und arbeitet außenpolitisch immer stärker mit Deutschland zusammen. Das Parlament beschließt im Mai 1938 ein Gesetz, das Juden aus dem wirtschaftlichen und sozialen Leben ausgrenzt. Deutschland und Italien teilen im ersten Wiener Schiedsspruch die südlichen Randgebiete der Slowakei und der Karpato-Ukraine Ungarn zu. Ungarn wird Mitglied des Antikomminternpaktes und tritt aus dem Völkerbund aus. Verabschiedung des zweiten Judengesetzes im Mai 1939, womit die Nürnberger Rassegesetze übernommen bzw. noch verschärft werden.

1940-1943
Nach dem zweiten Wiener Schiedsspruch 1940 wird Nordsiebenbürgen Ungarn angegliedert. Ungarn tritt dem Dreimächtepakt Deutschlands, Italiens und Japans bei. Am 27. Juni 1941 erklärt Ministerpräsident L. Bárdossy der Sowjetunion den Krieg. 1942 wird István Horthy, der Sohn von Reichsverweser Miklos Horthy, zu dessen Stellvertreter ernannt, womit der Versuch unternommen wird, eine Dynastie zu begründen. Ab März 1942 führt die Regierung von Graf Kállay mit den Westmächten geheime Friedensverhandlungen, die Gespräche scheitern jedoch.

1944-1945
Bei einem Treffen mit Hitler in Salzburg am 17. März 1944 muss Horthy der Besetzung Ungarns und einer Regierungsumbildung zustimmen. Am 19. März 1944 marschieren deutsche Truppen in Ungarn ein. Ungarische Juden und Jüdinnen werden deportiert, nur die Judengemeinde von Budapest bleibt vorerst durch einen Einspruch Horthys verschont. Am 27. August 1944 überschreitet die Rote Armee die Ungarische Grenze, am 11. Oktober unterzeichnet eine ungarische Delegation die Vereinbarung für einen Waffenstillstand, den Horthy durch eine entsprechende Rundfunkansprache verkündet. Hierauf wird er von der SS zum Rücktritt gezwungen und der Pfeilkreuzler Ferenc Szálasi zu seinem Nachfolger ernannt. Die Terrorherrschaft der Pfeilkreuzler dauert von 15. Oktober 1944 bis 4. April 1945. Viele der in Budapest verbliebenen Juden und Jüdinnen sterben als Zwangsarbeiter bei Schanzarbeiten oder auf Todesmärschen Richtung Österreich. Von 3. November 1944 bis 13. Februar 1945 dauert die Schlacht um Budapest. Am 21./22. Dezember 1944 tritt die Provisorische Nationalversammlung in Debrecen zusammen und wählt eine Provisorische Regierung unter General Béla Miklos-Dálnoki. Diese schließt mit Moskau einen Waffenstillstand und erklärt Deutschland den Krieg. Bei den freien Parlamentswahlen vom 4. November 1945 erzielt die Partei der Kleinlandwirte 57 Prozent der Mandate.

1946-1949
Der Führer der Kleinlandwirtepartei wird zum Ministerpräsident und am 2. Februar auch zum Staatspräsident gewählt. Ebenfalls am 2. Februar wird Ungarn zur Republik erklärt. Der Pariser Friede vom 10. Februar 1947 stellt die ungarischen Grenzen vom 1. Jänner 1948 wieder her. Eine Bodenreform, die Verstaatlichung der Großbanken und -betriebe sowie des Schulsystems dienen der sozialistischen Umgestaltung nach sowjetischem Muster. Gleichzeitig verdrängen die Kommunisten unter Mátyás Rákosi systematisch die anderen politischen Parteien aus dem öffentlichen Leben, die schlussendlich verboten bzw. im Falle der Kommunistischen und Sozialistischen Partei (am 12. Juni 1948 zur Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei, USAP) zwangsvereinigt werden. Mit der Annahme einer neuen Verfassung vom 20. August 1949 wird Ungarn zur Volksrepublik. RegimegegnerInnen werden verfolgt. Rákosi errichtet nach dem Vorbild Stalins eine Diktatur. Am 25. Jänner 1949 erfolgt die Gründung des COMECON (Council for Mutual Economic Assistance) bzw. des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) durch die UdSSR, die Tschechoslowakei, Bulgarien, Polen und Rumänien als Wirtschaftsbündnis der Sowjetunion und der neuen Volksdemokratien in Osteuropa.

1953-1955
Innenpolitische Spannungen machen nach dem Tod Stalins 1953 eine Liberalisierung notwendig. Anstelle des Stalinisten M. Rákosi wird am 3. Juli 1953 Imre Nagy als Ministerpräsident eingesetzt. Er führt wirtschaftliche und politische Reformen durch, der politische Terror lässt nach. Im April 1955 wird er jedoch unter dem Vorwurf der „Rechtsabweichung“ gestürzt. 1955 ist Ungarn gemeinsam mit Albanien, Bulgarien, der DDR, Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei und der UdSSR ein Gründungsmitglied des Warschauerpakts, dem Militärbündnis der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten.

1956
Nach dem 20. Parteitag der KPdSU und der eingeleiteten Entstalinisierung wird Mátyás Rákosi auch als erster Parteisekretär abgesetzt, sein Nachfolger E. Gerő ist jedoch ebenfalls ein dogmatischer Stalinist. In Demonstrationen, die auch als Reaktion auf die ArbeiterInnenunruhen im polnischen Posen gesehen werden müssen, werden demokratische Freiheiten und die Unabhängigkeit Ungarns gefordert. Imre Nagy bildet erneut eine Regierung, die versucht einen bürgerlichen Rechtsstaat mit einem Mehrparteiensystem zu begründen und Ungarn von der sowjetischen Unterdrückung zu befreien. Ungarn tritt am 1. November aus dem Warschauer Pakt aus und erklärt seine Neutralität. Von 4. bis 11. November schlagen sowjetische Truppen den Aufstand blutig nieder. János Kádár restauriert als neuer Staats- und Parteiführer das kommunistische Regime, das nach anfänglich blutiger Vergeltungspolitik im Laufe der Jahre jedoch gemäßigt liberale Züge annimmt.

1956
Miklós Horthy stirbt in Portugal.

1968
Mit 1. Jänner 1968 tritt eine umfassende Wirtschaftsreform in Kraft, die im Rahmen der sozialistischen Planwirtschaft eine selbständige Produktionsplanung der Betriebe sowie eine begrenzte Freigabe der Preise ermöglicht. Im Zusammenhang mit der Wirtschaftsreform wird auch die Kulturpolitik liberalisiert. Ungarische Truppen beteiligen sich an der Niederschlagung des Prager Frühlings.

1980-1982
Die Zulassung kleiner privater Wirtschaftsbetriebe wird im September 1981 beschlossen (in Kraft 1982). Eine weitere Lockerung der Reisebeschränkungen führt dazu, dass jede/r Ungar/in alljährlich in das westliche Ausland reisen kann.

1987
Nach der Wahl von Károly Grósz zum Ministerpräsidenten (Juni) werden die reformkommunistischen Bestrebungen auf die politische Ebene ausgedehnt. Das Ungarische Demokratische Forum (UDF) wird gegründet, das sich 1989 als erste bürgerlich-konservative Oppositionspartei formiert. Ein weltweit gültiger Reisepass wird eingeführt.

1988
János Kádár muss am 22. Mai als Parteivorsitzender der USAP zurücktreten. Sein Nachfolger wird der Ministerpräsident Károly Grósz. (Wieder-)Gründung von Parteien. Bildung einer Wende-Übergangsregierung unter Miklós Németh, die den politischen Systemwechsel und die wirtschaftliche Transformation einleitet (Revision der Verfassung, Einführung des Mehrparteiensystems, Einleitung der Privatisierungsprozese).

1989
Beginn des Abbaus des Eisernen Vorhangs. Öffnung der Grenzen nach Österreich. Von Mitte Juni bis Mitte September finden Gespräche zwischen der Opposition und den Machthabern zur Vorbereitung eines friedlichen Regimewechsels statt. Selbstauflösung der USAP (Anfang Oktober). Mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung durch das Parlament wird am 23. Oktober die Ungarische Republik ausgerufen.

1990
Die erste freie Parlamentswahl seit 1945 bringt der UDF 43 Prozent der Stimmen. Jószef Antall bildet eine Regierung, der er bis zu seinem Tod 1993 vorsteht. Árpád Göncz wird zum Staatspräsidenten gewählt.

1991
Abzug der letzten sowjetischen Truppen. Der COMECON wird aufgelöst.

1994
Ein Assoziierungsabkommen mit der EU tritt am 1. Februar in Kraft, Ungarn beantragt am 1. April die Aufnahme in die Staatengemeinschaft. Die zweite Parlamentswahl nach dem Systemwechsel bringt der Sozialistische Partei unter Gyula Horn (bis 1998) 54 Prozent der Stimmen.

1997
Der Warschauer Pakt wird am 1. Juli 1997 aufgelöst. Die EU-Kommission beschließt am 13. Juli dem EU-Parlament die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit Ungarn zu empfehlen.

1999
Ungarn tritt am 12. März der NATO bei. Für den NATO-Beitritt haben sich bei einer Volksabstimmung 1997 85 Prozent der UngarInnen ausgesprochen.

2002
Auf dem EU-Gipfel in Kopenhagen am 12./13. Dezember 2002 wird die Aufnahme zehn neuer Mitgliedsstaaten beschlossen, darunter befindet sich auch Ungarn.

2005
Ungarn wird am 1. Mai Mitglied der Europäischen Union.

Quelle:
Kovacs, Eva / Seewann, Ungarn. Der Kampf um das Gedächtnis, in: Flacke, Monika, Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen, Band 2, 817-845; Meyers Taschenlexikon der Geschichte in 6 Bänden, 2. aktualisierte Auflage, Mannheim 1989.

Letzes Update: 04/2015

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