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Großdemonstrationen in Österreich

1963
Im Kontext der internationalen Ostermarschbewegungen wird auch in Wien, vor allem durch Robert Jungk, Günther Anders und Günter Wolf, ein Ostermarsch-Verein gegen atomare Aufrüstung gegründet. Unterstützt vor allem durch Quäker (Ernst Schwarcz), LinkskatholikInnen (Hildegard Goss-Mayr), die Sozialistische Jugend (Albrecht Konecny) und die KPÖ (Georg Brenner) nehmen 1965 bis 1967 zirka 2.000 Personen an den Ostermärschen teil.

1965
Anti-Borodajkewycz-Demonstration: Bei einer Demonstration gegen den Hochschulprofessor Taras Borodajkewycz wird der KZ-Überlebende Ernst Kirchweger von einem neonazistischen Studenten niedergeschlagen. Borodajkewycz hatte in seinen Vorlesungen und Schriften mehrfach den Nationalsozialismus verherrlicht und war durch antisemitische Äußerungen aufgefallen. Ernst Kirchweger stirbt drei Tage später.

1966
Erste Vietnam-Demonstration der sozialistischen MittelschülerInnen und StudentInnen.

1968
Uni-Aktion "Kunst und Revolution": Das vom SÖS am 7. Juni 1968 im Hörsaal 1 der Universität Wien veranstaltete Teach-In zum Thema "Kunst und Revolution" wird vor allem auf Grund der Medienberichte zum Skandalereignis des Jahres 1968. Zunächst halten Otto Mühl, Peter Weibel, Oswald Wiener und Franz Kaltenbäck simultan Vorträge, Valie Export schaltet dabei das Mikrofon ständig ein und aus, sodass die Vorträge nur bruchstückhaft bzw. überhaupt nicht zu verstehen sind. Gleichzeitig beginnt Günther Brus mit einer "Körperaktion": Er fügt sich mit einer Rasierklinge Schnitte zu, beschmiert sich mit Kot, onaniert und singt dazu die Bundeshymne. Währenddessen peitscht Mühl einen Masochisten aus. Die Reaktion der Öffentlichkeit ist vehement, auch von studentischer Seite und vom SÖS selbst kommt scharfe Kritik. Einige TeilnehmerInnen werden verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt, der SÖS löst sich wenig später auf.

1972
Das Aktionskomitee zur Abschaffung des Paragraphen 144 wird gegründet. Dieser Paragraph des Strafgesetzes stammt aus Zeiten Maria Theresias und belegt Abtreibung mit einer Haftstrafe. 1971 setzte die SPÖ-Regierung unter Bruno Kreisky die Straffreiheit von Abtreibung bis zur 12. Schwangerschaftswoche um (Fristenlösung). Eine Initiative von Regierung und Frauengruppen, die in der katholisch-konservativen "Aktion Leben" einen heftigen Gegner findet. An einem Einkaufssamstag im Dezember demonstrieren unzählige Frauen für die ersatzlose Streichung des Paragraphen 144. Die Aktionskünstlerin Erika Mis lässt sich als Sträfling in einem "Schandkarren" von einem "Priester", einem "Arzt" und einem "Anwalt" durch die Mariahilferstraße ziehen. Ihre Aktion – sie zerschlägt mit einer Axt das Holzgerüst – findet große Aufmerksamkeit.

1976
Im Sommer wird der ehemalige Auslandsschlachthof St. Marx, die "Arena", besetzt. Trotzdem sich 100.000 ÖsterreicherInnen mit der Besetzungsaktion solidarisieren, gelingt es der Gemeinde Wien, die "Arena" zu schleifen. Sie überläßt den BesetzerInnen nur einen Teil des Geländes. Die Arena ist bis heute ein wichtiger kultureller Knotenpunkt, KünstlerInnen aus aller Welt sind hier zu Gast.

1983
Das Kulturzentrum Gassergasse (GAGA), das die Gemeinde Wien 1980/81 nach einem kurzen Aufflackern von Jugendunruhen alternativen Gruppen zur Verfügung stellt, wird polizeilich geräumt. Dennoch überlebt die GAGA ihr physisches Ende um mehr als ein Jahrzehnt: Noch Mitte der 1990er Jahre werden Opernball-DemonstantInnen in den Medien als Angehörige der "Gassergassen-Szene" bezeichnet. Gruppen wie Global 2000 oder Greenpeace Österreich haben ihre Ursprünge in der GAGA.

1993
Das Lichtermeer: 250.000 Menschen folgten dem Aufruf von SOS-Mitmensch und demonstrierten mit Kerzen in den Händen gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Die Demonstration richtet sich gegen das von Jörg Haider eingeleitete "Volksbegehren" für die Erschwerung der Aufnahme von Flüchtlingen und AusländerInnen in Österreich: "Österreich zuerst". Der Erfolg der Demonstration besteht darin, dass das von Haider angegebene Ziel von mindestens 500.000 Unterschriften nicht erreicht wird.

2000
Der Bildung der ÖVP/FPÖ-Koalition folgen mehrfache Großdemonstrationen und "Wiener Wandertage" gegen die schwarz-blaue Regierung. Viele StudentInnen demonstrieren gegen die Einführung von Studiengebühren.

2001
Die Europride 2001 für die Gleichberechtigung homosexueller Beziehungen findet in Wien statt. Höhepunkt der Veranstaltungsserie ist die Regenbogenparade vom 30. Juni mit der Abschlusskundgebung auf dem Heldenplatz.

2003
Bei der Angelobung der zweiten ÖVP-FPÖ-Koalition Ende Februar stehen sich GegnerInnen und SympathisantInnen am Ballhausplatz/Heldenplatz gegenüber. Die Zahl der DemonstrantInnen ist jedoch mit der von 2000 nicht vergleichbar.

Ende Mai / Anfang Juni kommt es zu Großdemonstration der Gewerkschaft gegen die von der ÖVP-FPÖ-Koalition geplante Pensionsreform. In Wien stehen die öffentlichen Verkehrsmittel still; auch an den Schulen wird gestreikt.

2004
Im Streit um die Teilprivatisierung von Post- und Bahnbus streiken die BusfahrerInnen.

2009
Bei der auf Facebook orgnisierten "Lichterkette für Vielfalt und Zivilcourage" beteiligen sich rund 3500 DemonstrantInnen. Im Rahmen von Protesten der Studierenden kommt es in ganz Österreich zu Demonstrationen. Erhoben wird v.a. die Forderung nach mehr Geld für die Bildung. Der "Audi Max", der größte Hörsaal der Universität Wien, wird über mehrere Wochen besetzt. Auch in anderen Universitäten Österreichs werden Hörsäle besetzt.

Quellen:
Hanisch, Ernst: Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert. Verlag Ueberreuter, Wien 1994
Sieder, Reinhard / Steinert, Heinz / Tálos, Emmerich (Hg.): Österreich 1945-1995. Gesellschaft – Politik – Kultur. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1995
Danneberg, Bärbel / Keller, Fritz / Machalicky, Aly / Mende, Julius (Hg.): Die 68er – Eine Generation und ihr Erbe. Döcker-Verlag, Wien 1998
Der Standard, 30. Juni 2001, Der Standard, 15.3.2010
Kurier, 14.5.2003, Kurier, 4.6.2003

Letzes Update: 04/2015

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