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Haus Europa

Originalbildtext
Das Hauptgebäude der EU in Brüssel

Analysetext
Das europäische Integrationsprojekt wird in vielfachen Kontexten mit den Metaphern "Europäisches Haus" oder "Europa als Baustelle" bildlich dargestellt. Europa als ein offener Prozess, an dem gebaut wird, dessen Endprodukt noch offen ist, die Europäische Union als Haus, in dem die europäischen Nationen friedlich unter einem Dach zusammen leben.

Das Haus Europa ist in der täglichen Berichterstattung und Kommunikation, in den Karikaturen, in den Schulbüchern (Hiller: 103ff) eine wiederkehrende Chiffre in unterschiedlichen Kontexten, mit unterschiedlichen Ausformungen und Schwerpunktsetzungen. Weder das Fundament, noch die Größe, Ausstattung oder auch die MieterInnen des Hauses Europas sind fixe Bezugsgrößen. Hingegen ist in die Vision eines gemeinsamen Hauses die Schutzfunktion eingeschrieben, die Sicherheit, die ein gemeinsames Dach bietet sowie die Mitgestaltung und Mitbestimmungsfunktion, die das gemeinsame Bauen am Haus Europa beinhaltet.

Das Bild oben zeigt das so genannte Berlaymont-Gebäude, noch vor der Renovierung, in dem sich der Sitz der EU-Kommission in Brüssel befindet.

Die gläserne und nüchterne Fassade bietet mehrere Interpretationsflächen: Die gläserne Fassade steht für Transparenz und Einblick - moderne Symbolik für Demokratie, aber auch für Kälte und Nüchternheit. Die Fotografie ist weder genau verortet noch wird beschrieben, welche Institution oder VolksvertreterInnen darin arbeiten, es dient der Illustration der Kapitelüberschrift "Das gemeinsame Haus Europa" im Schulbuch. Lediglich die Fahnen der Mitgliedsländer vor dem Haus stehen für die gemeinsame Vertretung der Mitgliedsländer.

Die politische Metapher des Europäischen Hauses wird bereits früh im Europäischen Einigungsprozess verwendet, allerdings auf West- und Zentraleuropa beschränkt. Diese verengte Perspektive wird durch die Einigungsbemühungen gegen Ende des Kalten Krieges aufgebrochen. "Europa ist unser gemeinsames Haus". Mit diesem programmatischen Satz appellierte Michail Gorbatschow an die "europäische Familie", "ihren Frieden im gemeinsamen Europäischen Haus" zu finden (Von Plessen 2003: 346). Damit wurde die Debatte intensiviert und gesamteuropäisch unter Bezugnahme auf eine gemeinsame europäische Geschichte diskutiert, wer am Europäischen Haus mitgestaltet und mitbaut und wer letztendlich darin wohnen soll. Der damalige Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Hans Dietrich Genscher, replizierte auf Gorbatschow mit dem Satz: "Wir sind bereit, den Begriff eines gemeinsamen Europäischen Hauses zu akzeptieren und mit der Sowjetunion zusammenzuarbeiten, um es tatsächlich zu einem gemeinsamen Haus zu machen." Der Sozialdemokrat Willi Brandt hingegen reagierte zurückhaltend: "Die Sowjets wissen natürlich sehr wohl, dass damit die Frage aufgeworfen wird, inwieweit die Sowjetunion im ganzen zu einem Europäischen Haus gehört" (Pingel 1995: VII).

Litertaur:
Gottfried Gerhard Hiller: Blicke auf das Europäische Haus. Vom Umgang mit der politischen Metapher, in: Wege nach Europa, S. 103ff.
Marie Luise von Plessen (Hg.): Idee Europa, Berlin 2003
Falk Pingel: Macht Europa Schule?, Frankfurt 1995.

Quelle: Zeitbilder, Geschichte und Sozialkunde 8, Wien 2002, S. 28

Schlagworte: Europäische Integration, Europäische Union

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