Title: Was ist die Scharia?
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Was ist die Scharia?

Die Scharia ist kein kodifiziertes Gesetzeswerk. Es gibt kein Buch, auf dem „Scharia“ steht und in dem in einzelnen Paragraphen Recht festgeschrieben ist. Bei der Scharia (wörtlich etwa „gebahnter Weg“ oder auch „Weg zur Tränke/Quelle“) handelt es sich vielmehr um ein Konglomerat von Rechtsvorschriften, die aus der islamischen Überlieferung von Koran und Sunna (arab. für Brauch, Sitte) abgeleitet werden. Das Recht basiert also auf der Auslegung einer als göttlich betrachteten Offenbarung. Die Sunna gilt nach dem Koran als zweite Quelle des islamischen Rechts. Sie besteht aus zehntausenden von Mitteilungen (Hadithen), die nach Auffassung islamischer Rechtsgelehrter in einer ununterbrochenen Überlieferungskette direkt auf Mohammed zurückgehen. Gesammelt und kanonisiert wurden sie allerdings erst ab der Mitte des 9. Jahrhunderts. Seither liegen verschiedene Sammlungen vor, die sich sowohl in ihrer Anordnung, als auch durch die Auswahl der als „gesichert“ geltenden Hadithe unterscheiden. Die beiden berühmtesten sunnitischen Sammlungen sind jene Ibrahim al-Bukharis (gest. 870) und Muslim ibn al-Haddschādsch (gest. 872). Daneben existieren noch vier weitere maßgebliche sunnitische und vier schiitische Sammlungen von Hadithen. Ohne hier näher auf die Authentizität der Hadithen eingehen zu wollen (vgl. Weidner 2008: 142; Selim 2006: 111-115, 127; Nagel 1994: 81-86),  sei angemerkt, dass selbst unter Gläubigen bei vielen Überlieferungen Uneinigkeit darüber herrscht, ob diese tatsächlich auf den Propheten zurückgehen oder erst später hinzugefügt wurden.

In den ersten Jahrhunderten islamischer Theologie bildeten sich, meist geographisch deutlich voneinander getrennt, mehrere Rechtsschulen heraus, die in unterschiedlicher Auslegung der Überlieferung eine umfangreiche Rechtsliteratur schufen. Diese Aufspaltung hatte zur Folge, dass jede Rechtsschule über eine eigene Scharia verfügt, mit weitgehenden Überschneidungen, aber auch mit zum Teil gravierenden Unterschieden. Diese Unterschiede zeigen sich zunächst in der Art der Rechtsfindung. So wenden etwa die Malikiten und die Hanafiten nicht die sonst übliche strenge Analogie an, sondern legen Wert auf das aktuelle Verständnis von Gerechtigkeit und den Einsatz der Vernunft, während die Hanbaliten jede menschliche Überlegung oder Vernunft aus der Rechtsprechung verbannt haben und kategorisch nach dem Wortlaut der Überlieferung zu urteilen trachten. Durch die unterschiedliche Art der Rechtsfindung gelangen die einzelnen Schulen zu durchaus abweichenden Ergebnissen. Das betrifft etwa den Ritus. Die Rechtsschulen differieren unter anderem bei der Vorgabe der einzuhaltenden Abstände der Füße beim Gebet im Stehen, oder der Art des Gebets. Auch herrscht Uneinigkeit darüber, ob es Frauen erlaubt sei, die Pilgerfahrt ohne die Begleitung eines Mahram (ein männlicher, nicht zu heiratender Verwandter der Frau) anzutreten. Aber auch im erweiterten „Strafrecht“ bestehen variierende Auslegungen, wenn etwa die Zahl der Peitschenhiebe für Alkoholkonsum unterschiedlich hoch angesetzt wird. Hanafiten vertreten die Ansicht, eine weibliche Apostatin, eine vom islamischen Glauben abgefallene Frau, solle nicht getötet, sondern eingesperrt und täglich gepeitscht werden bis sie sich wieder zum Islam bekenne, während die anderen drei großen sunnitischen Rechtsschulen für ihren Tod plädieren.

Die Scharia gibt in ihren Grundzügen die juristische Meinung der klassischen Rechtsgelehrten des 8. und 9. Jahrhunderts wieder. Sie folgt den politischen und sozialen Interessen dieser Zeit. Der pakistanisch-britische Reformer Ziauddin Sardar sieht eben darin den Grund dafür, dass muslimische Gesellschaften, in denen die Scharia ohne Beachtung des historischen Kontextes ihrer Formulierung angewandt wird, wie etwa in Saudi Arabien, dem Iran, dem Sudan oder dem Afghanistan der Taliban, einen mittelalterlichen Anstrich bekommen (zit. n. Manji 2003: 64).

Recht im weitesten Sinne des Wortes

Wie bereits angedeutet, umfasst die Scharia nicht nur Öffentliches Recht, Privatrecht und Strafrecht, also das, was in demokratischen Staaten allgemein unter Rechtsordnung verstanden wird, sondern gilt als von Gott gegebener verbindlicher Wegweiser, der den Menschen in allen Belangen leiten soll. Die Scharia verkörpert somit die weitest mögliche Auslegung von Recht überhaupt. Die religiösen Regeln des Lebens, wie sie sich im Koran und der Sunna finden, werden nicht nur als Ethik, sondern als Gesetz verstanden. Die Scharia umspannt dabei alle Aspekte der religiösen, moralischen, sozialen und rechtlichen Normen und hat den Anspruch, das gesamte Leben der Gläubigen, in sämtlichen Bereichen, öffentlich und privat, bis hin zu den alltäglichsten Verrichtungen zu regeln (vgl. Rohe 2009: 9). 

Die „fünf Säulen“ des Islam – Glaubensbekenntnis, rituelle Gebete, Fasten, Almosensteuer und Wallfahrt – sind ebenso Teil der Scharia, wie der Abschluss eines Ehevertrags. Die Scharia schreibt die täglichen fünf (im Schiitismus drei) Gebetszeiten vor, die Gebetsrichtung nach Mekka, die rituellen Waschungen vor dem Gebet, den Ablauf, die Worte und die Sprache des Gebets. Sie regelt den Umgang der Menschen untereinander, auch im privaten Bereich bis hin zur Sexualität. Die Geschlechtertrennung kann sich, genau wie das Erbrecht, das Zinsverbot oder das Gebot zur Verschleierung der Frau, auf die jeweilige Scharia berufen. Speiseverbote, Reinigungsgebote und Kleidervorschriften werden genauso geregelt wie Strafdelikte und alle Arten von Vertragsabschlüssen. Das Verbot für Frauen, Andersgläubige zu heiraten, findet sich, wie alle anderen unterschiedlichen Rechte für Frauen und Männer, ebenso in der Scharia geregelt, wie die unterschiedlichen Rechte für Gläubige und „Ungläubige“.

Auch die absolute Überlegenheit des Islam und der islamischen Gemeinschaft (Umma) gegenüber allen anderen Religionen ist in der Scharia festgeschrieben und wurde von der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) in die Kairoer Erklärung der Menschenrechte von 1990 übernommen, in der es heißt, der Umma komme es zu, die ganze „verwirrte Menschheit“ im Einklang mit der Scharia zu führen. Die grundlegenden Rechte und Freiheiten des Menschen seien verbindliche Gebote Gottes. Alle Rechte stehen in dieser Menschenrechtserklärung unter Scharia-Vorbehalt.

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verwendete Literatur:

Manji, Irsahad (2003): Der Aufbruch. Plädoyer für einen aufgeklärten Islam. Frankfurt a.M.
Nagel, Tilman (1994): Geschichte der islamischen Theologie. Von Mohammed bis zur Gegenwart. München.
Selim, Nahed (2006): Nehmt den Männern den Koran! Für eine weibliche Interpretation des Islam. München/Zürich.
Rohe, Mathias (2009): Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart. München.
Weidner, Stefan (2008): Manual für den Kampf der Kulturen. Warum der Islam eine Herausforderung ist. Frankfurt a.M./Leipzig.


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