Title: Islamisches Recht und modernes Recht
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Islamisches Recht und modernes Recht

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Die Scharia repräsentiert ein theozentrisches Prinzip, während europäisches Recht anthropozentrisch ist. Grob gesagt regelt modernes Recht die Beziehungen der Menschen untereinander, während die Scharia daneben – oder richtiger gesagt: in erster Linie – das Verhältnis des Menschen zu Gott regelt. Modernes Recht wird in drei Kategorien gefasst: Öffentliches Recht (regelt das Verhältnis zwischen dem Staat und seinen Organe und den Bürgern und Bürgerinnen), Privatrecht (regelt die rechtlichen Beziehungen zwischen privaten Rechtssubjekten, also natürlichen und juristischen Personen) und Strafrecht (umfasst alle Normen, die bestimmte Verhaltensweisen verbieten und mit Strafe belegen). Demgegenüber enthält die Scharia zusätzlich alle Normen, die die Kultpraxis und das private Leben der Gläubigen betreffen. Auf dieser Grundlage können sich Gläubige an Rechtsgelehrte ihrer Wahl wenden und um Rat bitten. Dabei geht es oft um alltägliche Fragen und Probleme, wie etwa die Frage, ob ein Reisender die täglichen Gebete verkürzen oder zusammenlegen dürfe oder ob es verboten sei, ein Kind länger als zwei Jahre zu stillen. Die Antwort erhalten Gläubige in Form einer Fatwa, einem Rechtsgutachten. Dieser „Service“ wird von vielen religiösen islamischen Vereinen und Organisationen angeboten (Eine Sammlung von Fatwas, die ständig ergänzt wird, hat etwa das Institut für Islamfragen der evangelischen Allianz für Deutschland, Österreich und die Schweiz hier zusammengestellt).

Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Rechtssystemen besteht zudem in der Rechtssetzung. Modernes europäisches Recht wurde und wird von Menschen in einem demokratischen Prozess entwickelt. Dabei dienen die Menschenrechte als Grundlage, auf ihnen bauen moderne Rechtssystem auf. Gesetze müssen menschenrechtskonform sein und werden gegebenenfalls durch Verfassungsgerichte oder den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte daraufhin überprüft. Demgegenüber gehen viele, vor allem konservative und fundamentalistische Muslime und so gut wie alle islamischen Rechtsgelehrten davon aus, dass das Recht der Scharia von Gott gegeben sei und daher von Menschen nicht geändert werden dürfe. Wenige Ausnahmen, wie zum Beispiel der  bekannte, 2010 verstorbene Religionsgelehrte und Reformer Nasr Hamid Abu Zaid, verweisen darauf, dass bereits das Vorhandensein verschiedener Rechtsschulen und ihre je unterschiedliche Auslegung der Quellen davon Zeugnis ablege, dass das islamische Recht keineswegs göttlichen, sondern menschlichen Ursprungs sei (vgl. Zaid 2008: 173).

Der wesentliche Unterschied zwischen Scharia Recht und moderner europäischer Rechtsauffassung besteht darin, dass letztere auf der Würde des einzelnen Menschen beruht, wie sie in den Menschenrechten festgeschrieben ist. Bestrafung dient nicht der Vergeltung, auch wenn das unserer anthropologischen Disposition, die manch einen zu Rache und Vergeltung treibt, mitunter widersprechen mag. Sie dient der Buße für die Tat, dem Schutz der Gesellschaft vor Verbrechern und Verbrecherinnen, sowie der Prävention durch Abschreckung.

Demgegenüber basiert das Strafrecht der Scharia wesentlich auf zwei archaischen Vorstellungen:

1) Auf dem Recht auf Vergeltung, dem berühmten „Auge für Auge, Zahn für Zahn“, wie wir es aus der hebräischen Bibel kennen, dessen Vorläufer aber auf den ältesten uns bekannten Rechtskodex der Menschheitsgeschichte zurückgehen, den Codex Eschnunna aus dem alten Babylon (verfasst zwischen 1700 und 1900 v.Chr.): Der oder die Geschädigte ist berechtigt, dem Schädiger/der Schädigerin den gleichen Schaden zuzufügen, den er oder sie selbst erlitten hat, und zwar unabhängig davon, ob die Tat beabsichtigt war oder ob es sich um einen Unfall handelte. Exemplarisch hierfür ist das iranische Urteil gegen Majid Emovahedi. Dieser hatte einer jungen Frau Säure ins Gesicht geschüttet, was zu Entstellung und Erblindung führte. Ein Teheraner Gericht sprach der Frau im März 2009 das Recht zu, diese Tat zu vergelten, indem sie dem Täter ebenfalls mit Säure die Augen verätzt (Cáceres 2009).  

2) Auf der Erhaltung einer als göttlich gedachten Ordnung. Daher kennt die Scharia die sogenannten Grenzvergehen (Hadd-Vergehen). Nach islamischer Auffassung wird bei einem solchen Vergehen nicht unbedingt ein anderer Mensch geschädigt, sondern Gott und seine Ordnung. Deshalb wird ein solches Vergehen als eine Art Grenzüberschreitung zum „göttlichen Bereich“ betrachtet, als Verletzung der Rechte Gottes. Das betrifft unter anderem Ehebruch, Glaubensabfall (Apostasie), aber auch Diebstahl, während etwa Mord und Körperverletzung als gewöhnliche Vergehen begriffen und nach dem Vergeltungsrecht geahndet werden. Die Strafe für „Grenzvergehen“ dient von ihrer grundsätzlichen theologischen Begründung her weder der Buße noch der Belehrung oder Abschreckung, sondern allein der Wiederherstellung der „göttlichen (oder kosmischen) Ordnung“. Die Beweggründe des oder der Angeklagten für die Tat, sind dabei völlig unerheblich und nicht Gegenstand der Untersuchung, denn die göttliche Ordnung gilt, unabhängig von etwaigen Beweggründen, in jedem Fall als gestört und muss daher auch unabhängig von diesen wiederhergestellt werden. Bei einem Hadd-Vergehen muss nicht einmal die im modernen Recht wesentliche Frage nach Schuld oder Unschuld eine Rolle spielen. So kommen etwa die im restlichen Teil der Welt als verstörend und zutiefst ungerecht empfundenen Verfahren und Strafen gegen vergewaltigte Frauen zustande, wie sie immer wieder aus Katar, Dubai und anderen Ländern mit Scharia-Strafrecht berichtet werden. Die verurteilte Frau hat sich nach dieser Sicht des „außerehelichen Geschlechtsverkehrs“ schuldig gemacht, unabhängig davon, wie dieser zustande gekommen ist. Der „außereheliche Geschlechtsverkehr“ an sich stellt ein Hadd-Vergehen dar und muss in jedem Fall geahndet werden, um das von Gott gewünschte Gleichgewicht wieder herzustellen. Die Würde des einzelnen Menschen, in diesem Fall einer Frau, spielt dabei nicht die geringste Rolle.

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Verwendete Literatur:

Cáceres, Javier (2009): Auge um Auge. Süddeutsche Zeitung, 6. März 2009. In: http://www.sueddeutsche.de/panorama/saeureattacke-im-iran-auge-um-auge-1.401336 (17.1.2017)
Zaid, Nasr Hamid Abu (2008): Mohammed und die Zeichen Gottes. Der Koran und die Zukunft des Islam. Freiburg/Basel/Wien.


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