Title: Woher kommt die aktuelle Debatte?
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Woher kommt die aktuelle Debatte?

Islamische Vereine und Verbände

In letzter Zeit hat sich eine besondere Debatte verstärkt entlang der Frage entzündet, ob und inwieweit das Menschenrecht auf Religionsfreiheit und das Menschenrecht auf Geschlechtergerechtigkeit miteinander konkurrieren beziehungsweise kollidieren. Mit ein Grund dafür ist auch die Forderung von weltweit vernetzten islamistischen Verbänden  nach Einführung paralleler Gesetzgebung gemäß der Scharia. Diese islamischen Vereine und Verbände, die teilweise von der staatlich anerkannten islamischen Religionsgesellschaft, wie zum Beispiel der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) gefördert werden, erheben damit den Anspruch, Normen für Musliminnen und Muslime vorzugeben, die auf einer islamischen Rechtsordnung beruhen, die als von Gott gegebene Anleitung angesehen wird. Aufgrund der patriarchalisch hierarchischen Geschlechterordnung die diesem System eingeschrieben ist, kollidieren diese Normvorstellungen mit dem Gleichheitsgrundsatz (sowie der negativen Religionsfreiheit, vgl. Art 18 d. AEMR) wie vielfach von WissenschaftlerInnen, AutorInnen und JournalistInnen ausgeführt wird (vgl. „Was sagen ExpertInnen dazu?“).

Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten finanzieren salafistische Bewegungen in allen europäischen Ländern sowie auch in den USA. Der Umstand dieses Einflusses und dieser Abhängigkeit wurde auch bei der Debatte zur Entstehungsgeschichte und Verabschiedung des neuen Islamgesetzes in Österreich sichtbar.

Ednan Aslan, Leiter des Instituts für Islamische Studien an der Universität Wien, hat, gefördert durch das Bundesministerium für Europa Integration und Äußeres und kofinanziert durch die Europäische Union, eine „Islamlandkarte“ erarbeitet, die einen Überblick über die in Österreich aktiven islamischen Vereine und Dachverbände geben soll. Hier werden seit dem Sommersemester 2011 Daten online gestellt: „Die Islam-Landkarte soll Interessierten einen Einblick in die reiche Szene islamischer Vereine in Österreich bieten, indem in dieser ersten Phase die jeweilige geografische Lage sowie Kurzbeschreibungen der mitgliederstärksten Vereine abzurufen sind.“ Zwei Verbände seien exemplarisch genannt und nach den Beschreibungen der Islamlandkarte skizziert.

Einer der größten Dachverbände ist die ATIB („Türkisch-Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich“). Sie wurde 1990 gegründet und ist „die Auslandsabteilung des türkischen „Präsidiums für religiöse Angelegenheiten“ (Diyanet), die offizielle Behörde für religiöse Angelegenheiten der Türkei. Das deutsche Pendant ist der Dachverband DITIB, der 1984 gegründet wurde. Sowohl ATIB als auch DITIB unterstehen dem türkischen Präsidium für Religionsangelegenheiten „Diyanet İşleri Başkanlığı“. Von dort werden Imame bzw. Religionslehrer nach Deutschland und Österreich entsendet. Diese unterstehen somit direkt der türkischen Behörde. ATIB ist seit 2011 Mitglied der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Sie ist der türkischen Botschaft weisungsgebunden, vertritt den sunnitischen Islam der hanafitischen Rechtsschule und versorgt seine Mitgliedsmoscheen mit eigenen staatlichen Imamen und Seelsorgern aus der Türkei (vgl. Wikipedia).

Eine weitere ist die „Islamische Föderation“. Diese betreibt in Österreich etwa 60 Vereine und gilt als Österreich-Sektion der türkischen Milli-Görüs-Bewegung. Sie wurde 1987 gegründet und ist nach der ATIB die mitgliederstärkste türkisch-islamische Organisation in Österreich. Zum Teil wird sie aus dem Ausland finanziert. Sie „distanziert sich zwar von Gewalt, aber ihr sehr politisch orientiertes Theologieverständnis ist auf die Etablierung einer islamischen Rechts- und Gesellschaftsordnung ausgerichtet. In vielen Schriften werden Themen wie Integration und Dialog sehr kritisch betrachtet und Muslime vor der Gefahr der Assimilierung gewarnt (...) Die von der Milli Görüs-Bewegung propagierte ´Gerechte Ordnung´ soll ein umfassendes soziales, ökonomisches und politisches Regelungssystem beinhalten, das auf islamischer Grundlage beruht“ (Islamlandkarte).

Darüber hinaus gilt die sogenannte 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft als eine der einflussreichsten sunnitisch-islamistischen Bewegungen im Nahen Osten und wird in westlichen Ländern als radikal islamistische Organisation eingestuft. Die Föderation Islamischer Organisationen in Europa („Federation of Islamic Organisations in Europe“, FIOE) fungiert als internationaler Dachverband. Der Verfassungsschutz verschiedener deutscher Bundesländer bewertete die Muslimbrüder und ihnen nahestehende Organisationen als mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland unvereinbar (vgl. Wikipedia).

In Österreich fehlt seitens des Verfassungsschutzes eine solche Einschätzung. Doch ähnlich wie in Deutschland gegenüber der Muslimischen Jugend in Deutschland e.V. (MJD) wird gegenüber der Muslimischen Jugend in Österreich der Vorwurf einer Mitgliedschaft bzw. eines Naheverhältnisses zur Muslimbruderschaft erhoben (vgl. Heinisch/Scholz 2016).

→ weiter zu: islamistisch motivierte terroristische Anschläge in Europa

 

verwendete Literatur:

Heinisch, Heiko/Scholz Nina (2016): „Islamophobie“ und die Muslimbruderschaft in Europa. In: https://diekolumnisten.de/2015/11/12/mjoe-und-muslimbruderschaft/ (30.1.2017)


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