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Alice Schwarzer

Die Positionen der deutschen Journalistin und Feministin und Herausgeberin der Zeitschrift „EMMA“ zu unserem Thema sind einer breiten Öffentlichkeit bekannt, weil sie sich immer wieder zu Wort meldet, um dafür zu kämpfen, dass die Errungenschaften des Kampfes für die Gleichberechtigung und für die Rechte auf ein selbstbestimmtes Leben für Frauen nicht nur nicht unterlaufen und wieder angetastet werden, sondern weiter gesichert bleiben und ausgebaut werden.

Schwarzer weist in ihrem Artikel „Mitten in Europa – Die Realitäten in Deutschland“ auf die Verzerrung der Wahrnehmungen hin, der das Thema des Islam als Religion in Deutschland unterworfen ist: die Mehrheit der Muslime und Musliminnen in Deutschland sind nicht streng gläubig und Gläubigkeit wird mit dem Tragen des Kopftuches in erster Linie von den islamischen Verbänden assoziiert. „So sieht also die Lebensrealität der Mädchen und Frauen muslimischer Herkunft aus, gläubig oder nicht gläubig. Gleichzeitig aber herrscht in der Öffentlichkeit der Eindruck: Wer muslimischer Herkunft ist, sei automatisch auch religiös; und wer religiös sei, müsse sich zwingend an gewisse »Gebote« des Koran halten, wie Fastenzeit und Kopftuch. Dieser Eindruck ist falsch. Denn er basiert nicht auf der Realität der in Deutschland lebenden MigrantInnen und ihrer Kinder und Enkelkinder, sondern auf der Ideologie rühriger Islamverbände.“ (Schwarzer 2010: 20)

Sie benennt die auch weiter oben genannten Islamverbände: „Diese Islamverbände – von der „staatlich türkischen Ditib bis zu der vom Verfassungsschutz schon lange beobachteten Milli Görüs – stehen jedoch nicht für die Mehrheit der MuslimInnen, sondern für eine Minderheit.“ Und: „Bedenkt man, dass diese Verbände bisher den ‚Dialog‘ mit Politik, Kirchen und Medien bestimmt haben, wird klar, wie unzureichend, ja irreführend dieser vermeintliche Dialog sein muss.“ (ebd.: 20)

In einem Interview zu ihrem Buch äußert sie sich dann zum Kopftuch: „Das ´islamistische Kopftuch´, das die Haare von Frauen vollständig verdeckt, grassiert laut Schwarzer in Europa seit Mitte der 1980er-Jahre. ‚Dieses Kopftuch war von Anfang an auch innerhalb der islamischen Länder nicht nur eine konkrete Behinderung für Frauen, sondern auch das Zeichen, die Flagge des Islamismus.‘" (Die Presse, 21.09.2010)

Aufgrund ihrer klaren Einstellung gegen islamistische Positionen wurde auch ihr Rassismus vorgeworfen. Doch die bekannteste deutsche Feministin ist selbst immer wieder damit konfrontiert, ihre Position klarstellen zu müssen, wie der Artikel sie zitiert: „Anders als Sarrazin gehe es ihr aber nicht um ´die Muslime´, sondern um jene Minderheit, die den Islam politisch missbrauche, so Schwarzer.“ (ebd.)

So hat sie in ihrem Buch „Die große Verschleierung – für Integration, gegen Islamismus“ (Schwarzer 2010) zwei weiteren Feministinnen, die sozusagen an derselben Front kämpfen, Öffentlichkeit gegeben: Saida Keller-Messahli und Necla Kelek.

Saida Keller-Messahli

Die Schweizerin ist Gründerin und Präsidentin des Vereins „Forum für einen fortschrittlichen Islam“ (FFI). In ihrem Selbstverständnis als säkulare Muslimin will sie den Text des Koran von heute aus lesen. Im Positionspapier des Vereins möchte sie Mut machen, Tabus innerhalb der islamischen Welt aufzubrechen mit dem Ziel, ein muslimisches Selbstverständnis zu fördern, das „seine Grundlagen in der Demokratie und der Achtung der Menschenrechte verankert weiß“. In diesem Sinne hält sie auch Vorträge und vertritt entschieden die Kernpunkte des Positionspapiers. Das Positionspapier thematisiert deutlich die Kernpunkte unserer Debatte, wo die Grenzen der Religionsfreiheit zu ziehen sind. Gegen Zwangsehe, gegen das Tragen des Kopftuches, wo es neutralitätsgefährdend ist, nämlich zum Beispiel in der Schule, die gleichwertige Erziehung von Mädchen und Jungen, die nicht durch Segregation infrage gestellt werden darf. Darüber hinaus fordert sie Qualitätskriterien für Imame und Moscheen, die zur Einhaltung der geltenden Rechtsordnung und Kenntnis der gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes (hier der Schweiz) führen. Außerdem fordert sie das Selbstbestimmungsrecht der Frauen erstens dahingehend ein, dass ihnen die freie Wahl ihres Ehepartners zusteht, was die Heirat mit einem nicht muslimischen Mann einschließt. Zweitens diagnostiziert sie: „Die gesellschaftliche und berufliche Entfaltung von Frauen wird ´im Namen des Islam´ verhindert.“ Und: „Die weibliche Genitalverstümmelung, FGM, erfüllt den Tatbestand der schweren Körperverletzung und ist nicht auf die islamische Religion zurückzuführen.“ Seitenangabe einfügen Darüber hinaus tritt sie gegen die Diskriminierung homosexueller Männer und Frauen in der islamisch-arabischen Welt auf.

„Das FFI orientiert sich am Artikel 16, Ziffern 1 und 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, wonach ‚(1) heiratsfähige Frauen und Männer ohne Beschränkung auf Grund der Rasse, der Staatsangehörigkeit oder der Religion das Recht haben zu heiraten und eine Familie zu gründen. Sie haben bei der Eheschließung, während der Ehe und bei der Auflösung gleiche Rechte. (2) Eine Ehe darf nur bei freier und uneingeschränkter Willenseinigung der künftigen Ehegatten geschlossen werden.‘ (…) Das FFI ist der Überzeugung, dass jeder Mensch das Recht hat, die Form des partnerschaftlichen Zusammenlebens frei zu wählen. Auch eine Ehe von MuslimInnen darf erst ab dem Mündigkeitsalter 18 zulässig sein und bedarf der Einwilligung beider Ehepartner.“ (Positionspapier FFI)

Elham Manea

Die schweizerische Politologin engagiert sich ebenfalls für einen humanistischen Islam und bezieht sich in ihren Arbeiten ebenfalls auf die Einhaltung und Verwirklichung der Menschenrechte. Ihre Arbeit ist auf ihrer Internetseite einsehbar.

Sie tritt ebenso vehement gegen Sonderregelungen für MuslimInnen auf. Ihre Mutter wurde als Kind beschnitten. Ihr Entschluss, gegen den radikalen Islam zu kämpfen, wurde durch die Erfahrungen nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York 2001 ausgelöst. Zum Artikel eines schweizerischen Sozialwissenschaftlers im Jahr 2008, der forderte, die Scharia im Sinne eines „Rechtspluralismus“ anzuerkennen, da die kulturelle Distanz zu groß sei, nahm sie vehement dagegen Stellung: „Diese Forderung bedeutet nichts anderes, als dass muslimische Frauen hier weniger Rechte haben sollen als alle andern. Und das wird dann als Ausdruck von Respekt bezeichnet. Dabei ist das nichts anderes als Legitimation für systematische Diskriminierung!“ (Die Weltwoche, 02.09.2016)

Ihre daran anschließenden Forschungen zu britischen Scharia-Räten veröffentlichte sie in dem Buch „Women and Shari’a Law“. „Die Scharia-Räte stützen sich auf den 1996 erlassenen sogenannten Arbitration Act, gemäß diesem Schiedsgerichte bei einfacheren zivilen Streitigkeiten, meist in der Familie oder einer Gemeinschaft, als Schlichtungsstelle fungieren. Das gilt allerdings nur, wenn beide Parteien damit einverstanden sind und britisches Recht eingehalten wird. Aber – wie Manea rasch herausgefunden hat – diese Einschränkungen sind in der Praxis Makulatur.“ (ebd.)

„Maneas Buch, vor allem die Publikation der Resultate in The Sunday Times Anfang dieses Jahres, hat in Grossbritannien viel Aufsehen erregt. Eine von der damaligen Innenministerin und heutigen Premierministerin Theresa May initiierte Untersuchungskommission zu den Scharia-Räten lud die Schweizerin als Expertin ein, doch Manea sagte in Absprache mit verschiedenen Frauenorganisationen ab. ‚Untersucht werden sollte nicht, ob es Scharia-Räte überhaupt braucht, davon ging man einfach aus. Es ging nur um die Frage, welche Kompetenzen sie haben sollen und ob sie ihre Macht missbrauchen.‘ Auch die Zusammensetzung der Kommission kritisiert sie: ‚Da waren auch Imame dabei. Dabei sind sie selbst Teil des Systems, das sie untersuchen sollten.‘“ (ebd.)

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Verwendete Literatur:

Schwarzer, Alice (Hrsg.) (2010): Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus, Köln.

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