Title: Was sagen ExpertInnen und AktivistInnen dazu?
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Was sagen ExpertInnen und AktivistInnen dazu?

Im Folgenden sollen einige Betroffene und AktivistInnen vorgestellt werden, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Hamed Abdel-Samad

Der ägyptisch-deutsche Autor wurde 2013 aufgrund seiner Kritik gegenüber der Muslimbruderschaft mit einer „Fatwa“ belegt, die seine Tötung forderte. Auch er lebt und arbeitet unter Polizeischutz. Er erläutert die Umstände in seinem Buch „Der islamische Faschismus“ (Abdel-Samad 2015) selbst so: „Anlass für diesen Mordaufruf war ein Vortrag, den ich am 4. Juni 2013 in Kairo gehalten hatte. Das Thema: Religiöser Faschismus in Ägypten. Ich vertrat darin die These, das faschistoides Gedankengut nicht erst mit dem Aufstieg der Muslimbrüder Eingang in den Islam gefunden habe, sondern bereits mit der Urgeschichte des Islam begründet sei. Ich argumentierte, dass der Islam die religiöse Vielfalt auf der arabischen Halbinsel beendet habe, von seinen Anhängern unbedingten Gehorsam verlange, keine abweichenden Meinungen dulde und nach der Weltherrschaft strebe. Da diese Geisteshaltung im Islam dominanter sei als andere Aspekte dieser Religion, könne man daher von »Islamofaschismus« sprechen.“ (ebd.: 11)

Abdel-Samad versteht dieses Buch als Durchhalten gegenüber diesen von ihm bekämpften ideologischen Kreisen und meint: „Doch je heftiger die Reaktionen ausfallen werden, umso mehr wird die Maske des vermeintlich moderaten Islam, der sich angeblich mit Demokratie vereinbaren lasse, verrutschen.“ (ebd.: 15)

Auch er geht sehr deutlich auf die Geschlechterapartheid und den Jungfräulichkeitsfetischismus in den islamischen Ländern ein. „Die außereheliche Sexualität wird im Islam kriminalisiert, um die Blutlinie der Familie zu bewahren, denn wenn die Frau mehrere sexuelle Beziehungen gleichzeitig hat, weiß sie danach nicht, wer der Vater ihres Kindes ist.“ Und: „Deshalb wird die Frau in den islamischen Gesellschaften isoliert und überwacht. Der Schleier ist nicht nur Zeichen des Misstrauens, das die Frau der Außenwelt gegenüber an den Tag zu legen hat, sondern auch Zeichen des Misstrauens des Mannes gegenüber seiner Frau.“ (ebd.: 136)

„Alles, was jenseits der staatlichen Kontrolle geschieht oder sich ihr entzieht, wird hart bestraft. Säureattacken auf unverschleierte Frauen, Genitalverstümmelung bis hin zu Ehrenmorden und Steinigungen sind weitere Formen von Frauenfeindlichkeit in muslimisch geprägten Gesellschaften. Es sind Ausdrucksformen der Angst vor der weiblichen Emotion und Unabhängigkeit.“ (ebd.: 138)

„In den Ländern, wo die Tabuisierung der Sexualität am strengsten ist, wie in Afghanistan, im Irak und in Ägypten, erreicht die sexuelle Belästigung von Frauen auf offener Straße inzwischen unerträgliche Dimensionen.“ (ebd.)

Ahmad Mansour

Der in Berlin lebende Psychologe ist inzwischen im deutschen Sprachraum durch das Gleichstellungsprojekt „HEROES – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre und für Gleichberechtigung“, seine Vortragstätigkeit und Auftritte vor allem in deutschen Fernsehprogrammen bekannt geworden. Er definiert die Angelegenheit auch aus seiner praktischen Tätigkeit heraus: „Unterdrückung im Namen der Ehre liegt vor, wenn die Männer einer Familie die Unterordnung der weiblichen Familienmitglieder fordern und ihnen ihre Regeln (Bekleidungsstil, Partnersuche, Verhalten, keinen Kontakt zum anderen Geschlecht oder traditionelle und religiöse Vorschriften) aufzwingen.“ Und weiter: „Gewalt im Namen der Ehre liegt vor, wenn Straftaten damit begründet werden, es müsse die sogenannte Ehre der Familie geschützt beziehungsweise wiederhergestellt werden.“ (Mansour 2015: 48)

Mansour diagnostiziert die Zustände in Deutschland folgendermaßen: „Viele Mädchen und Frauen genießen nicht die Menschenrechte, die in einer Demokratie als selbstverständlich gelten, sondern leben in einem anderen Deutschland als die Mehrheitsgesellschaft.“ (ebd.: 51)

Für ihn ist die Pädagogik vor große Herausforderungen gestellt, da dieses Thema bislang in den Ausbildungen kaum behandelt wird und wissenschaftliche Methoden für den Umgang mit dem Phänomen im Berufsleben kaum diskutiert werden. Die PädagogInnen und SozialarbeiterInnen sind nach Mansour mit einem zusätzlichen Problem bei SchülerInnen und KlientInnen, die aus kollektivistischen Kulturen mit starken Hierarchien und auf Angst und Gehorsam beruhender Erziehung in die Institutionen kommen, konfrontiert: „In solchen Familien wird Gewalt zum Kommunikationsmittel. Dem gegenüber werden die demokratischen Erziehungsmethoden in der Schule oder den Familien von Schulfreunden häufig als weich und inkonsequent verachtet.“ (ebd.: 53) Auch Mansour kommt zu dem Schluss, dass die Trennung der Lebenswelten von Mann und Frau in der Gesellschaft einen kaum zu überwindenden Graben schafft.

In einem Interview argumentiert Mansour ebenfalls gegen einen Kulturrelativismus, den er in einem präzisen Zusammenhang als Rassismus einstuft: „Was mich total stört, ist der Kulturrelativismus derer, die glauben, dass sie die Strukturen der Kirche, des Rechtsextremismus, der AfD usw. zu Recht kritisieren und menschen- bzw. frauenfeindliche Inhalte thematisieren, aber wenn es um Muslime geht unter dem Motto ‚Toleranz‘ die Probleme tabuisieren. Das ist aber keine Toleranz, sondern eine Art von Rassismus. Wer in Kauf nimmt, dass ein muslimisches Mädchen in der Schule weniger lernt als ein nichtmuslimisches, weil es nicht schwimmen darf, ist ein Rassist, der mit der Zukunft dieses Mädchens spielt. Wer meint, die patriarchalen Strukturen in der muslimischen Community dürfen nicht angesprochen werden, weil das Muslime "verletzen" könnte, nimmt sie nicht ernst als gleichberechtigt.“ (Der Standard, 09.10.2016)

In seinem Buch „Generation Allah – Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“ (Mansour 2016) wirft er der Politik „Versagen auf der ganzen Linie“ (ebd.: 189ff.) vor. „Kurzsichtig setzen Politiker auf traditionelle, autoritär strukturierte muslimische Verbände als Partner. Doch nicht nur die individuelle ‚Bombe‘ ist gefährlich, sondern auch die antidemokratischen Auffassungen in vielen muslimischen Milieus, die demokratische Werte unterspülen.“ (ebd.: 201) So beschreibt er in vielen Beispielen den fatalen Zusammenhang der abwiegelnden Haltung und der Politik des Wegschauens: „Am Beispiel der Geschlechtervorstellungen und der sexuellen Tabuisierung wird das besonders deutlich. Wer sich gegen Ehrenmord und Terror verwahrt, der gilt als potentieller Partner in der Arbeit gegen Extremismus. Aber auch alle Salafisten sprechen sich gegen Ehrenmorde aus. Wesentlich ist, dass das Thema Ehrenmord nur die Spitze eines Eisberges ist, wenn man sich mit Vorstellungen und Überzeugungen von vielen beschäftigt. An der Spitze finden sich die extremen Positionen, nach unten, in der Breite, werden die Vorstellungen dann zwar immer gemäßigter, haben aber ihren Ursprung in derselben Vorstellungswelt.“ (ebd.: 203) Und weiter unten: „Vor allem Mädchen betrifft die umfassende Fremdbestimmtheit von Körper und Sexualität, Kleidervorschriften, ein ganzer Katalog von Normen, dem sich Kinder zu fügen haben.

Viele fromme Muslime werden die drastischen Formen der Gewalt ablehnen. Gräbt man aber etwas tiefer, stößt man bei einigen auf zustimmende Positionen gegenüber Inhalten, die nicht demokratiekonform sind, etwa dem Verhaltenskodex, der Frauen auferlegt wird.“ (ebd.)

Mansour fordert mit Heiko Heinisch, die Grenzen zu den religiösen Forderungen dort zu schließen, wo die Menschenrechte greifen: „Muslimische Mädchen müssten selbstverständlich am Schwimmunterricht teilnehmen. Sexuelle Selbstbestimmung gelte als "Grundrecht in dieser Gesellschaft" für alle – "egal, ob das Mädchen oder der Junge Moslem, Christ oder Atheist ist". Das Kopftuch hält Mansour für ein "politisches Symbol", das für "Geschlechtertrennung und Tabuisierung der Sexualität" stehe. Die "frauenverachtende" Burka müsse "unbedingt verboten werden" (Der Standard, 09.10.2016).

„Auch wenn sie sich nicht Islamisten anschließen und mit Gewalt gegen diese Gesellschaft kämpfen, ist es gefährlich, wenn Jugendliche unauffällig leben, aber trotzdem ihren Schwestern nicht erlauben, selbstbestimmt zu leben, wenn sie antisemitische Einstellungen in sich tragen oder behaupten, ‚die Medien bekämpfen unsere Religion‘. Wir müssen diese Generation Allah für unsere Gesellschaft und die Demokratie gewinnen und aufhören, bestimmte Sachen zu verharmlosen, zu relativieren, kleinzuschreiben.“ (ebd.)

Und: „Nehmen wir den Handschlag. Auf einmal kommen viele Artikel, die sagen, dass das ja gar nicht so schlimm ist. Diese Leute haben nicht verstanden, dass der Grund dahinter nicht Hygiene ist oder irgendeine kulturelle Begrüßungsnorm, sondern dass diese Menschen die Frau als Sexobjekt wahrnehmen und nicht als Mensch. Wenn wir das akzeptieren, dann entstehen Unsicherheiten auf beiden Seiten, die zu Polarisierung führen.“ (ebd.)

Seine düstere Diagnose ist: „Es wird ungenügend geforscht. Es fehlt eine offizielle Datenbasis. Es mangelt an politischem Willen, die Wahrheit zu sehen. Fazit: Es gibt einen blinden Fleck in der Gesellschaft.“ (Mansour 2016: 259)

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Verwendete Literatur:

Abdel-Samad, Hamed (2015): Der Islamische Faschismus - Eine Analyse. München.
Mansour, Ahmad (2015): Unterdrückung im Namen der Ehre: Definition, Ursache und Präventionsansätze. In: Scholz, Nina (Hg.): Gewalt im Namen der Ehre. 2. Aufl. Wien. S. 47–68.
Mansour, Ahmad (2016): Generation Allah – Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen, Frankfurt am Main.


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