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Geahndete "Delikte" im "Namen der Ehre"

Definition von Ehrkultur nach Ahmad Mansour (2014: 48ff.):

„Im Zentrum der Ehrvorstellung steht die Frau. Männer beziehungsweise Familien fühlen sich in ihrer Ehre verletzt, wenn eine Frau oder ein weibliches Familienmitglied ihre ‚Männlichkeit bedroht‘. Unterdrückung im Namen der Ehre liegt vor, wenn die Männer einer Familie die Unterordnung der weiblichen Familienmitglieder fordern und ihnen ihre Regeln (Bekleidungsstil, Partnersuche, Verhalten, keinen Kontakt zum anderen Geschlecht oder traditionelle und religiöse Vorschriften) aufzwingen. Gewalt im Namen der Ehre liegt vor, wenn Straftaten damit begründet werden, es müsse die sogenannte Ehre der Familie geschützt beziehungsweise wiederhergestellt werden. Diese Gewalt reicht von psychischen Angriffen (z.B. Nötigung, Bedrohung, Erpressung, Einsperrung oder Verschleppung in das Herkunftsland der Familie) bis hin zu massiver körperlicher und/oder sexueller Gewalt. Dazu gehören auch Zwangsverheiratungen oder, als extremste Ausprägung, sogenannte Ehrenmorde. Gewalt im Namen der Ehre tritt in traditionellen, von Männern dominierten Gesellschaften und Familienverbänden auf und wird mitunter religiös begründet. Sie richtet sich überwiegend gegen weibliche Familienangehörige. (…) Das wichtigste Gebot für die Frau ist die Bewahrung der Jungfräulichkeit bis zur Ehe. Ihre Ehre besteht de facto in ihrer unterdrückten Sexualität. Frauen sind in diesen gesellschaftlichen Strukturen die Trägerinnen der Ehre der Familie, aber sie sind nicht zugleich auch deren Hüterinnen, denn dies ist die Aufgabe der Männer. Die Ehre ist für viele patriarchalische Familien ein höherer Wert als zum Beispiel Wissen oder Talent.

Ehre kann eine Frau nicht erwerben. Sie hat sie und kann sie durch vor- und außerehelichen sexuellen Kontakt verlieren. Auch dann, wenn sie nicht wissentlich beziehungsweise ohne eigenes Zutun in eine Situation gerät, die ihre Ehre befleckt – etwa wenn sie zu sexuellen Handlungen gezwungen oder vergewaltigt wird - , ist sie (beziehungsweise die Familie) diejenige, die ihre Ehre verliert, und nicht der Täter. Entscheidend für einen Ehrverlust ist, ob die ihm zugrunde liegenden Handlungen öffentlich werden, wobei bereits ‚Gerüchte‘ zur unwiderruflichen Entehrung der Frau führen können. Die betroffene Frau ist nicht mehr ‚rehabilitierbar‘, und die Community erwartet nun von den ‚ehrenvollen‘ Männern, die Wiederherstellung der Ehre der Familie in die Hand zu nehmen, wollen sie nicht den Ausschluss aus der Community riskieren. Einen solchen ‚ehrenvollen‘ Mann zeichnen Fähigkeiten wie Stärke, Selbstbewusstsein und das Beschützen seiner Familie und der Frau aus. Wenn sich Männer begegnen und sich die Hand geben, dann tun sie das als Repräsentanten der jeweiligen Familien, die sich für den Erhalt der Ehre ihrer Töchter, Söhne und Frauen, ja der ganzen Familie verantwortlich fühlen. Im Gegensatz dazu werden die Frauen nicht als Individuen wahrgenommen.“

Ehrenmorde

Morde im Namen der Ehre stellen in europäischer Staaten bzw. Gesellschaften eine besondere Herausforderung dar, da diese Morde offenbar von den Communities, in denen sie begangen werden, einen Teil ihres Wertekanons darstellen. Es erinnert an die Schwierigkeiten bei der Bekämpfung der Mafia. Selbst wenn die Tat nur von einer Person begangen wird, steht dahinter eine ethische Duldung bzw. sogar Forderung.

Die Zusammenhänge von Gewalttaten und religiösen und kulturellen Ideologien wurden in dem Buch „Gewalt im Namen der Ehre“ pointiert dargestellt (vgl. Scholz 2016). Die Autorin geht in ihrem Artikel „Der Zwang zur Jungfräulichkeit und seine Auswirkungen auf die Entwicklung und Rechte von Mädchen und Frauen“ davon aus, dass Jungfräulichkeit „ein Schlüsselbegriff im Ehrverständnis traditioneller muslimischer Familien“ ist (ebd.: 69). Sie schlüsselt die verheerenden Folgen für die Mädchen und Frauen an dem Leitgedanken auf, was es bedeutet, wenn die Ehre der Männer als Familienoberhaupt in dieser Form derart eng an die weibliche Sexualität gebunden wird. Zugrunde liegt ihren Analysen das geschichtliche Verständnis des Zusammenhangs von Religion als konstituierendem Teil von Kultur.

„Über diese allgemeine Erkenntnis hinaus hat Religion, anders als in offenen, pluralistischen Gesellschaften, in den meisten islamischen Gesellschaften und Communities nichts von ihrer gewaltigen normativen Kraft verloren und bestimmt das Leben vieler Menschen, bis hinein in intime Bereiche.“ (ebd.: 70)

Vorehelicher Geschlechtsverkehr

Scholz entgeht der sonst oft üblichen Relativierung und nennt die Dinge, da wo sie symptomatisch sind, beim Namen: „Sie werden heute in Deutschland, Österreich oder anderen westeuropäischen Ländern kaum einen Imam, Religionslehrer oder -lehrerin finden, der/die einen Ehrenmord guthieße, aber dennoch werden die meisten sagen, dass Mädchen oder Frauen gegen ein Gebot Gottes verstoßen und die Ehre ihrer Familie beschmutzen, wenn sie Sex vor der Ehe haben. So gut wie alle Strömungen und Auslegungen des Islams bestärken bis heute die traditionelle Bindung von Ehre an Sexualität.“ (ebd.: 70f.)

Somit werden in diesen von den eigenen Verbänden in der Selbstbeschreibung „wertekonservativen“ Gruppierungen die Rollenbilder von heranwachsenden minderjährigen weiblichen Menschen nach wie vor von dem geprägt, was in aufgeklärten Gesellschaften „schwarze Pädagogik“ genannt wird. „Voreheliche Sexualität stellt nach allgemeiner theologischer Auffassung als Unzucht (Zina) einen Verstoß gegen die ‚Rechte Gottes‘ dar – eine religiös verpönte und unbedingt strafwürdige Tat.“ (ebd.: 71)

Zwang zur Jungfräulichkeit – frühe Sexualisierung der Geschlechter

Folgenden problematischen Umständen muss aus Sicht der Geschlechtergerechtigkeit Einhalt geboten werden:

„Aber wie auch immer diese Ehrvorstellungen und der Zwang zur Jungfräulichkeit begründet werden, sie rechtfertigen allzu oft eine autoritäre, antiemanzipatorische, zutiefst sexual- und körperfeindliche Erziehung, die auf Geschlechtertrennung ausgelegt ist. Insbesondere der Körper von Mädchen ist dabei sowohl Tabu- als auch Gefahrenzone. Diese problematische, sehr weitreichende und auch überaus frühe Sexualisierung der Geschlechter zeitigt schwerwiegende psychische und gesellschaftliche Folgen.“ (ebd.: 73f.)

Fernhalten der Mädchen von Unterrichtsfächern in den Schulen

Scholz spricht auch die Probleme an, die für die Schulverwaltungen in den europäischen Ländern eine Herausforderung darstellen: „Im Kontext überkommener Sexual- und Ehrvorstellungen sind auch die Bestrebungen mancher Eltern zu sehen, ihre Kinder, insbesondere die Töchter, von sexueller Aufklärung fernzuhalten und vom Sexualkundeunterricht abzumelden. Die Lerninhalte dieses Unterrichtsfaches lassen manchen muslimischen Eltern die Haare zu Berge stehen, geht es doch darum, junge Menschen zum selbstbewussten Umgang mit Sexualität und zu einem ungezwungenen Umgang mit dem anderen Geschlecht zu erziehen.“ (ebd.: 76) Die Neigung muslimischer Eltern, ihre Töchter nicht am Schwimmunterricht oder nicht an mehrtägigen schulischen Ausflügen teilnehmen zu lassen sind weitere Anhaltspunkte, wie weit hier die Forderung nach Geschlechtertrennung vorliegt.

Die Geschlechtertrennung zieht sich durch mehrere Problemkreise: „Die in konservativen islamischen Kreisen nach wie vor angestrebte mehr oder weniger weitgehende Trennung der Geschlechter verhindert den unbefangenen Umgang von Mädchen und Jungen miteinander.“ (ebd.: 77)

Zur Einführung des koedukativen Unterrichts in Österreich

Das Prinzip des koedukativen Schulsystems stellt gerade in Hinblick auf die Dekonstruktion hierarchischer Geschlechterrollen einen wichtigen Rahmen dar. Die Koedukation ist seit 1975 in Österreich für alle Schulen verpflichtend, lediglich rund ein Prozent aller Schulen in Österreich wird eingeschlechtlich geführt. Die koedukative Praxis wurde damals vor ihrer Durchsetzung auch kontrovers diskutiert, die rechtliche Verankerung folgte jedoch der wissenschaftlichen Expertise (vgl. § 4 SchUG; zur Entwicklung des koedukativen Schulsystems in Österreich siehe z.B. Gartner-Winkler 2008: 43ff). Wenngleich das koedukative System nicht immer die erhofften Effekte erzielte, was beispielsweise die spätere Berufswahl von Schülern und Schülerinnen betrifft, ist klar, dass es nicht wieder zugunsten der Geschlechtertrennung aufgegeben wird – zur Stärkung und verbesserten Umsetzung dient nicht zuletzt der seit 1994/1995 bestehende Grundsatzerlass „Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern“. Auch auf die Notwendigkeit der Arbeit mit männlichen Jugendlichen, was das Hinterfragen männlicher Rollenbilder betrifft, wird explizit hingewiesen, die "bewusste Koedukation“ ist in den Lehrplänen verankert.

Zwangsverheiratung

Zwangsverheiratung von Minderjährigen macht die Fixierung auf die Jungfräulichkeit wiederum sichtbar. „Das Problem dabei ist nicht allein, dass ein Mädchen oder eine junge Frau sich ihren Ehemann oft nicht selbst aussuchen darf; auch die frühe Heirat an sich ist ein Problem, weil sie Mädchen oft von Bildung abschneidet und die Verfolgung eines selbstbestimmten Lebensplans verhindert. Nicht zu heiraten ist in diesen Familien keine verfügbare Option. Einige dieser Ehen sind, auch hier in Europa, illegale Trauungen durch einen Imam (weil das gesetzlich vorgeschriebene Mindestalter der Braut noch nicht erreicht ist) und werden später standesamtlich legalisiert.“ (Scholz 2016: 78)

Diese Beispiele zeigen, wie religiöse Normvorstellungen, die hierarchisch patriarchal strukturiert sind, mit den Norm- und Rechtsvorstellungen kollidieren, wie sie in Österreich und in vielen demokratischen Ländern der Welt vorherrschen. Diese Normvorstellungen, die auf den Allgemeinen und gleichen Menschenrechten beruhen, sind von den Menschen  mühsam erkämpft worden.

Der Vorwurf an die Politik, hier zu lange weggeschaut zu haben, keine klare Grenzen gesetzt zu haben und die entsprechenden Milieus als „die Anderen“ sich selbst überlassen zu haben, hat daher die doppelte Stoßrichtung: Einerseits ist im Sinne der Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit, zu der sich die europäischen Staaten verpflichtet haben, die Verpflichtung inkludiert, den Zugang zu allen Teilen der Gesellschaft für Migrantinnen und Migranten zu öffnen (Integration), andererseits ist es aber auch die Verpflichtung, religiöse Vorstellungen und Rituale abzuwehren, die Frauen diskriminieren.

 

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Verwendete Literatur:

Mansour, Ahmad (2014): Unterdrückung im Namen der Ehre: Definition, Ursache und Präventionsansätze. In: Scholz, Nina (Hg.): Gewalt im Namen der Ehre. Wien: Passagen Verlag. S. 47–68.

Scholz, Nina (Hg.) (2016): Gewalt im Namen der Ehre, Wien: Passagen Verlag.

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