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Pionierinnen in der Politik

In der Gallery Pionierinnen in der Politik werden Frauen portraitiert, die die "gläserne Decke" durchstoßen haben bzw. erstmals ein politisches Amt ausgeübt haben, das bis dato nur von Männern bekleidet worden war.

Jede Frau wird mit einer Kurzbiographie, einem Foto und weiteren Hintergrundinformationen vorgestellt. Zusammen ergeben die einzelnen Portraits, die in einer Gallery gesammelt werden, einen biografischen Einblick in die jüngere Frauengeschichte.

Anna Boschek, Emmy Freundlich, Adelheid Popp, Gabriele Proft, Therese Schlesinger, Amalie Seidel, Marie Tusch (und Hildegard Burjan)


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Bildquelle: VGA/AZ-Bildarchiv

Erste Parlamentarierinnen in der Konstituierenden Nationalversammlung

Die österreichischen Männer erhielten im Jahr 1907 das allgemeine und gleiche aktive und passive Wahlrecht. Die österreichischen Frauen erlangten es - nachdem die österreichische Frauenstimmrechtsbewegung seit Jahren darum gekämpft hatte - erst 1918 nach dem Ersten Weltkrieg.

In Folge zogen bei den Wahlen für die Konstituierende Nationalversammlung vom 16. Februar 1919 erstmals acht Frauen in das österreichische Parlament, bestehend aus 170 Abgeordneten, ein: die Sozialdemokratinnen Therese Schlesinger, Adelheid Popp, Emmy Freundlich, Gabriele Proft, Marie Tusch, Amalie Seidel und Anna Boschek sowie die Christlich-Soziale Hildegard Burjan.

Die erste von einer Frau gehaltenen Rede im Hohen Haus stammte von Adelheid Popp und beschäftigte sich mit der Abschaffung des Adels, das erste von Frauen vorbereitete und eingebrachte Gesetz war das Hausgehilfinnengesetz, das die alte Gesindeordnung ablöste. Manche noch heute gültigen sozialpolitischen Gesetze sind der Initiative dieser acht Frauen zu verdanken. Andere Initiativen wie jene zu einer Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs konnten erst Jahrzehnte später umgesetzt werden.

Zu den einzelnen Parlamentarierinnen:

Anna Boschek
geb. 14.5.1874, gest. 19.11.1957

Anna Boschek, die Pionierin der österreichischen Gewerkschaftsbewegung, stammte aus ärmlichen Verhältnissen und war als Arbeiterin in der Chemie- und Textilindustrie tätig. 1891 trat sie der Gewerkschaft bei und wurde Mitglied des sozialdemokratischen Arbeiterinnen-Bildungsvereins. Zwei Jahre später bekam sie eine Anstellung bei der Gewerkschaftskommission für die gewerkschaftliche Organisierung von Frauen - eine Funktion, die sie bei ihrem Kampf um die Gleichberechtigung der Frau nutzen konnte. 1890 wurde sie als erste Frau in den Parteivorstand der Sozialdemokraten gewählt. Nach dem Ersten Weltkrieg war sie von 1918 bis 1920 Mitglied des Wiener Gemeinderats. 1919 zog sie in die Konstituierende Nationalversammlung ein und blieb bis zur Auflösung des Parlaments 1934 Abgeordnete zum Nationalrat. Im austrofaschistischen "Ständestaat" wurde Anna Boschek verhaftet und nach ihrer Freilassung unter Polizeiaufsicht gestellt. Nach 1945 übernahm Anna Boschek keine politischen Funktionen mehr, der gewerkschaftlichen und sozialistischen Bewegung blieb sie bis an ihr Lebensende treu.

Emmy Freundlich
geb. 25.6.1878, gest. 16.3.1948

Emmy Freundlich, geborene Kögler, entstammte im Gegensatz zu anderen sozialistischen Mitstreiterinnen einer wohlhabenden böhmischen Familie. Durch die Beziehung zu ihrem späteren Mann, Leo Freundlich, ein Sozialdemokrat jüdischer Herkunft, von dem sie sich später wieder scheiden ließ, kam sie jedoch in Berührung mit sozialdemokratischen Ideen. Sie begann sich in der Arbeiterbewegung zu engagieren, publizierte in sozialdemokratischen Zeitungen und leitstete politische Basisarbeit bei der Organisierung von Textil-, Tabak- und Heimarbeiterinnen. Nach ihrer Übersiedlung nach Wien (auch in Folge der Scheidung) arbeitete Freundlich in der Genossenschaftsbewegung. 1919 wurde sie Abgeordnete im österreichischen Nationalrat, von 1919 bis 1922 war sie Direktorin des Ernährungsbeirats des Amtes für Volksernährung. 1918 bis 1923 gehörte sie dem Wiener Gemeinderat an. 1924 wurde sie als einzige Frau Mitglied der Vorbereitungskonferenz des Völkerbundes. 1934, nach der Ausschaltung des Parlaments, wurde sie verhaftet, 1939 emigrierte Emmy Freundlich, die auch als Schriftstellerin tätig war, nach England. 1947 übersiedelte sie nach New York, wo sie ein Jahr später starb.

Adelheid Popp
geb. 11.2.1869, gest. 7.3.1939

Adelheid Popp, geborene Dworak, gilt heute als eine der bedeutendsten österreichischen Frauenrechtlerinnen in den letzten Jahrzehnten der Monarchie und in der Ersten Republik. Sie entstammte einer kinderreichen Familie, wuchs in bitterarmen Verhältnisse auf und kam erst durch die Zeitungslektüre in Berührung mit sozialistischen Ideen. Durch ihre rhetorischen Fähigkeiten war sie bald eine gesuchte Versammlungsrednerin und erhielt eine besondere Förderung durch Emma Adler, die Frau von Viktor Adler. 1892 gehörte sie zu den BegründerInnen und RedakteurInnen der Arbeiterinnen-Zeitung. Im Zentrum ihrer politischen Forderungen standen v.a. die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und das Frauenwahlrecht. 1893, in dem Jahr, in dem sie mit Julius Popp einen der führenden Männer der Sozialdemokratie heiratete, gab sie die Fabriksarbeit auf und widmete sich ganz der Herausgabe der Arbeiterinnen-Zeitung. 1895 wurde sie wegen ihrer kritischen Haltung zur traditionellen Ehe zu einer Arreststrafe verurteilt, 1898 in das neu gegründete Frauenreichskomitee der Sozialdemokratischen Partei gewählt. 1902 gründete sie den "Verein sozialdemokratischer Frauen und Mädchen" und übernahm den Vorsitz des "Internationalen Frauenkomitees". Als 1918 das allgemeine Wahlrecht eingeführt wurde, zog Adelheid Popp in den Wiener Gemeinderat ein (bis 1923) und wirkte als Abgeordnete im Nationalrat (bis 1934), wo sie sich besonders für frauen- und familienpolitische Belange wie etwa die Eherechtsreform, die Einkommensgleichheit für Männer und Frauen und das Hausgehilfinnengesetz, das die Dienstbotenordnung ablösen sollte, einsetzte. Aus dem Parteivorstand, dem Adelheid Popp über mehrere Jahrzehnte angehört hatte, zog sie sich 1933 aus gesundheitlichen Gründen zurück. Im März 1939 starb Adelheid Popp an einem Schlaganfall in Wien.

Therese Schlesinger
geb. 6.6.1863, gest. 5.6.1940

Therese Schlesinger, geborene Eckstein, stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie, die eine Papierfabrik betrieb. Der Benachteiligung aufgrund des Geschlechts wurde sie sich bereits in frühen Jahren bewusst, da ihre Brüder studieren konnten, sie sich nach dem Besuch der Volks- und Bürgerschule aber selbst weiterbilden musste. Therese Schlesinger schloss sich 1894 dem "Allgemeinen Österreichischen Frauenverein" an und wurde bald in den Vorstand gewählt. Neben der Gleichberechtigung war ihr auch die Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiterinnen wichtig. Im Zuge einer Enquete "Zur Lage der Wiener Arbeiterinnen" lernte sie 1896 die Sozialistinnen Adelheid Popp und Anna Boschek kennen. Im folgenden Jahr trat sie der Sozialdemokratischen Partei bei. Die Anliegen der Frauen vertrat sie bei zahlreichen Veranstaltungen, trug zur Gründung des "Vereins sozialdemokratischer Frauen und Mädchen" bei und setzte sich vehement für das Frauenwahlrecht ein. Parteiintern war sie v.a. in der Bildungsarbeit tätig. Von 1919 bis 1923 war Therese Schlesinger Abgeordnete zum Nationalrat, anschließend bis 1930 Mitglied des Bundesrats. 1926 verfasste sie den die Frauenfragen betreffenden Teil des "Linzer Programmes", des neu formulierten Parteiprogramms der Sozialdemokraten. 1933 zog sie sich 70jährig ins Privatleben zurück; nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich musste sie wegen ihrer jüdischen Herkunft nach Frankreich fliehen, wo sie 1940 starb.

Amalie Seidel
geb. 21.2.1876, gest. 11.5.1952

Amalie Seidel, geborene Ryba, stammte aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie und musste früh - als Dienstmädchen und Heimarbeiterin, später in der Textilindustrie - arbeiten. 1893, mit erst 17 Jahren, setzte sie den 1. Mai als arbeitsfreien Tag an ihrer Arbeitsstelle durch, wurde darauf jedoch fristlos entlassen. Darauf organisierte Amalie Seidel den ersten Frauenstreik, bei dem rund 700 Frauen für ihre Rechte demonstrierten. Die Forderungen der Frauen, darunter der Zehnstunden-Arbeitstag und die Wiedereinstellung Amaliens, konnten umgesetzt werden. Führende Sozialdemokraten wie Victor Adler wurden durch den Frauenstreik auf Amalie Ryba aufmerksam und sorgten für ihre Weiterbildung. Amalie Ryba engagierte sich in der Frauenbildung und war Mitbegründerin einer Konsumgenossenschaft. 1895 heiratete sie den Sozialdemokraten und Gewerkschafter Richard Seidel, mit dem sie zwei Töchter hatte. Sie war Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung bzw. des Nationalrats von 1919 bis 1934 und von 1918 bis 1923 Abgeordnete zum Wiener Gemeinderat, wo sie als erste Frau das Wort ergriff. Ihre Arbeit war von der Armut ihrer Kindheit geprägt: So befürwortete sie die Konsumgenossenschaftsbewegung, engagierte sich in sozialpolitischen Fragen, war stellvertretende Vorsitzende des Wiener Jugendhilfswerks und widmete sich der Gleichstellung der Frau.1934 wurde Amalie Seidel verhaftet, in Folge zog sie sich offiziell aus der Politik zurück. Ihre Wohnung blieb aber auch in den Folgejahren ein fester Treffpunkt für mehrere Wiener Politikerinnen, wo ungestört gesprochen werden konnte. 1942 heiratete sie ihren langjährigen Freund, den jüdischen Wiener Gemeinderat Siegmund Rausnitz, um ihn vor der Verfolgung der Nazis zu schützen, was jedoch nicht gelang. 1952 starb Amalie Seidel, die nach 1945 kein politisches Amt mehr übernommen hatte, in Wien.

Marie Tusch
geb. 1.12.1868, gest. 25.07.1939

Marie Tusch, geborene Pirtsch, wurde als Kind einer ledigen Magd in Klagenfurt geboren. Schon mit zwölf Jahren musste sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und wurde Arbeiterin in der k. u. k. Tabakfabrik in Klagenfurt. Sie wurde Vertrauensfrau, später Betriebsrätin und übernahm schließlich die Leitung des Landesfrauenkommittes der SDAPÖ Kärnten. 1919 zog sie als eine der ersten acht Frauen und einzige Nicht-Wienerin in das österreichische Parlament ein und blieb bis 1934, dem Ende der demokratischen Ordnung, Abgeordnete zum österreichischen Nationalrat. Ihre politische Arbeit galt u. a. dem Schicksal der Kriegsversehrten des Ersten Weltkrieges und den Frauenrechten. Sie engagierte sich für die soziale Absicherung von Frauen und Müttern und setzte sich für die Straffreiheit von Abtreibungen ein. Durch ihre Arbeitserfahrungen fungierte sie als Expertin für wirtschaftliche Fragen des österreichischen Tabakmonopols. Mit den Worten "Frauen, Ihr müßt selbstbewußt werden!" beendete Marie Tusch fast jeden ihrer Vorträge. 1939 starb sie an einer Lungenentzündung in Klagenfurt.

Die Biographie von Hildegard Burjan finden Sie hier.

Quellen:
Feigl, Susanne (2000): Politikerinnen in Wien. Wien.
http://www.onb.ac.at/ariadne/vfb/bio_tusch.htm (27.10.2015)
http://www.onb.ac.at/ariadne/projekte/frauen_waehlet (27.10.2015)

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