Title: Gewalt gegen Frauen
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Gewalt gegen Frauen

Foto: CC 2.0 Urban Explorer Hamburg (Flickr)

Auch heute noch hat in Österreich jede fünfte Frau (20 Prozent) körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt – europaweit sogar jede Dritte (33 Prozent) (vgl. European Union Agency for Fundamental Rights 2014). Die Täter sind fast immer Männer und meist aus dem nahen sozialen Umfeld – Partner, Ehemänner, Väter, Brüder. Das ist mit ein Grund, dass es in diesem Bereich einen eklatanten Mangel an verlässlichen Zahlen und eine hohe Dunkelziffer gibt – oft schweigen Frauen und Mädchen aus Scham und Schuldgefühlen, um die Täter, ihre Kinder und sich selbst zu schützen. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass europaweit nur 14 Prozent ihre schlimmste Gewalterfahrung gemeldet haben (ebd.). Ein zentrales Thema der zweiten Frauenbewegung war die Forderung der Selbstbestimmung von Frauen über ihren Körper und ihre Sexualität. Dabei wurde auch aufgedeckt, dass Gewalt gegen Frauen ein gesellschaftliches Problem darstellt, das in hohem Ausmaß stattfindet und dem Recht auf Leben in Freiheit, Würde, Sicherheit und Unversehrtheit widerspricht. Da die Problematik nicht mehr ignoriert werden konnte, wurde Gewalt gegen Frauen 1993 bei der zweiten UN Menschenrechtskonvention in Wien als Menschenrechtsverletzung anerkannt. Damit wurde der Schutz vor Gewalt auch im Privaten als Aufgabe des Staates rechtlich verankert. Gewalt gegen Frauen wurde dabei definiert als 

„jede gegen eine Frau auf Grund ihrer Geschlechtszugehörigkeit gerichtete Gewalthandlung, durch die Frauen körperlicher, sexueller oder psychologischer Schaden oder Leid zugefügt wird oder zugefügt werden kann, einschließlich der Androhung derartiger Handlungen, der Nötigung und der willkürlichen Freiheitsberaubung, gleichviel ob im öffentlichen oder im privaten Bereich“ (UN 1993).

Staaten sind damit aufgefordert, dieses Phänomen ernst zu nehmen, zu erfassen und zu bekämpfen, wodurch es seit den 1990er Jahren zu einer Zunahme an nationalen und internationalen Maßnahmen und Vereinbarungen gekommen ist. Eine aktuelle Errungenschaft ist das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, das 2011 in Istanbul unterzeichnet wurde und deswegen auch als Istanbul-Konvention bezeichnet wird.

Formen der Gewalt

Gewalt gegen Frauen kann auf körperlicher, sexueller, psychischer, ökonomischer oder sozialer Ebene stattfinden und kommt in allen Schichten und Gesellschaftsgruppen, unabhängig von Bildung, Einkommen und Herkunft vor. Man kann zwischen personaler Gewalt, die direkt durch einen Täter ausgeübt wird, und struktureller Gewalt, die sich in ungleichen Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten äußert, unterscheiden. Personale Gewalt gegen Frauen findet dabei immer im Rahmen struktureller Ungleichheit statt – Frauen sind durch gesellschaftliche Strukturen tendenziell verletzungsgefährdeter (vgl. Sauer in Ludwig/Sauer/Wöhl 2009: 63). „Dimensionen solcher geschlechtsspezifischer Verletzungsverhältnisse sind ökonomische Unsicherheit (…), soziale Unsicherheit und Diskriminierung (…), reproduktive Unsicherheit (…) sowie politische Unsicherheit durch Ausschluss und Marginalisierung (…)“ (ebd.).

Prinzipiell findet Gewalt nicht nur gegen Frauen statt, jedoch wurde diese als besonderes gesellschaftliches Problem erkannt, das spezieller Schutz- und Gegenmaßnahmen bedarf. Opferschutzmaßnahmen stehen zumeist allen Betroffenen unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Alter zur Verfügung. Um jedoch nicht zu verschleiern, dass nach wie vor in den allermeisten Fällen die Täter Männer und die Opfer Frauen und Mädchen sind, wird auch in der Istanbul-Konvention mehrheitlich kein geschlechtsneutraler Begriff verwendet, sondern von Frauen gesprochen (vgl. Council of Europe (COE) 2011). Besonders schutzbedürftig und gefährdet sind prinzipiell alle Menschen, die besonders häufig betroffen und/oder deren Fähigkeit, sich zu wehren beeinträchtigt sind – etwa in Abhängigkeitsverhältnissen oder bei körperlichen und/oder geistigen Behinderungen. Darunter fallen z.B. Kinder, alte Menschen, Menschen mit Behinderungen, MigrantInnen und Flüchtlinge, Drogenabhängige und Prostituierte (vgl. COE 2011). Diese Gruppen gilt es besonders zu schützen; Menschen, die mehreren dieser sozialen Kategorien angehören sind dabei noch stärker zu beachten (etwa Migrantinnen oder Frauen mit Behinderung). 

Gewalt gegen Frauen findet zumeist im sozialen Nahraum, in Familien und (Ex-)Partnerschaften statt, womit besondere Vertrauensbrüche und Abhängigkeiten einhergehen. Gewalt äußert sich dabei nicht nur körperlich, sondern findet in Form von Drohungen, Beschimpfungen, Einsperren, dem Missbrauch ökonomischer Abhängigkeit, der Verweigerung von Unterhaltszahlungen und ähnlichem statt. Gerade häusliche Gewalt geht oft mit psychischem Terror über längere Zeit einher – wenn Kinder involviert sind, schafft die Notwendigkeit, diese zu schützen oft zusätzlichen Druck. Lange Zeit waren Betroffene nicht einmal bei Behörden, Vertrauten und sozialen Einrichtungen vor Schikanen sicher, und viele Vorurteile herrschen bis heute vor. Dabei kann es etwa zur Täter-Opfer-Umkehr kommen, beispielsweise indem Frauen, die Opfer einer Gewaltanwendung wurden, die Schuld an dem Erlebten gegeben wird, was gerade bei Traumatisierungen schwerwiegende Folgen haben kann. Auch die sogenannte doppelte Viktimisierung findet immer wieder statt, indem Betroffene erneut zu Opfern gemacht werden, wenn ihnen etwa Handlungs- oder Entscheidungsfähigkeit abgesprochen wird. Dies passiert, wenn etwa PolizistInnen, ÄrztInnen oder RichterInnen nicht für traumatisierende Erfahrungen und speziell für Erlebnisse häuslicher Gewalt sensibilisiert sind und bei Befragungen retraumatisierende Äußerungen machen, das Erlebte bezweifeln oder als lächerlich abwerten. Daher enthalten Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen und gegen häusliche Gewalt zumeist auch Sensibilisierungsmaßnahmen und Bewusstseinsarbeit; in Österreich gibt es etwa Schulungen für bestimmte Berufsgruppen.

"Traditionsbedingte" Gewalt

In den letzten 15 Jahren wurde vermehrt erkannt, dass Frauen und Mädchen aus migrantischen und minorisierten Gruppen von speziellen Gewaltformen betroffen sein können und dabei unterschiedlichen Barrieren gegenüber stehen, wenn sie Hilfe suchen. Es handelt sich dabei um „Formen geschlechtsspezifischer Gewalt, durch die Frauen auf Grund bestimmter Moral- und Wertvorstellungen zu Opfern werden“ (BMBF 2014b: 7), wie etwa Genitalverstümmelung, Zwangsheirat und Verbrechen im Namen der Ehre, wie fallweise auch Ehrenmorde. Ehre, so Nina Scholz, ist in traditionell-konservativen MigrantInnen-Milieus „ein kollektiver, aber stets gefährdeter ‚Besitz‘ der Familie, der durch ‚unehrenhaftes‘ Verhalten jederzeit verloren gehen kann. Im Kern geht es dabei stets um die Sexualität der Frau. Als unehrenhaft gilt jedes selbstbestimmte, nicht durch die Gemeinschaft abgesegnete sexuelle Verhalten. Ein Ehrverlust trifft die gesamte Familie in Form von Ächtung durch die Community. Die Angst vor dieser Schmach führt zu entsprechenden Kontroll- und Unterdrückungsmechanismen, rechtfertigt einen autoritären antiemanzipatorischen Erziehungsstil und die Benachteiligung von Mädchen und Frauen“ (Scholz 2014: 13f). Nicht unbedingt Religion, sondern archaische Traditionen sind demnach zumeist die Hintergründe derartiger Gewaltpraxen (vgl. BMBF 2014b: 7). Gemeinsam ist ihnen, dass sie „in der Familie oder Gemeinschaft praktiziert werden, weitgehend sozial legitimiert sind, sowie auf patriarchalischen Normen und Werten aufbauen“ (ebd.: 8). Den betroffenen Frauen, die meist in diesen patriarchalen Systemen gefangen sind, wird ein selbstbestimmtes Leben weitgehend abgesprochen.

Es ist wichtig, einerseits geeignete Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen anzubieten und durch öffentliche Kampagnen zu informieren und zu sensibilisieren. Jedoch sind innerhalb des familiären Bereichs Maßnahmen zum Schutz der Frauen oftmals schwer zu gewährleisten, weshalb der Ort der Schule eine wesentliche Rolle spielt (vgl. Heinisch/Scholz 2012: 192). Andererseits ist aber darauf zu achten, nicht in die Falle einer rassistischen und/oder paternalistischen „Kulturalisierung von Gewalt“ (vgl. Sauer 2011: 48ff) zu tappen, indem Gewalt gegen Frauen nur als ein Problem der Anderen (anderer Kulturen etwa) konstruiert wird. Gewalt gegen Frauen und Mädchen findet unabhängig von sozialen Schichten und Kulturen, allerdings in unterschiedlicher Ausprägung, statt. Bestimmte Gruppen von Migrantinnen stehen oft erschwerten Bedingungen gegenüber: sprachliche und kulturelle Barrieren, erhöhte ökonomische und aufenthaltsrechtliche Abhängigkeit von Ehemännern und ArbeitgeberInnen, negative Assoziationen mit staatlicher Gewalt (Polizei) und eingeschränkter Zugang zu Informationen können schwer überwindbare Hürden darstellen (vgl. BMBF 2014b: 7f). Vorurteile und vereinfachende Gleichsetzungen (zB.: Kopftuch tragen = Unterdrückung) werden jedoch weder der Komplexität sozialer Realitäten gerecht, noch tragen sie zu einer Unterstützung betroffener Frauen und Mädchen bei – im Gegenteil wird migrantischen Frauen in dieser Debatte oft die Fähigkeit für sich selbst zu sprechen und zur Selbstbestimmung abgesprochen.

Es gibt in Österreich spezialisierte Hilfseinrichtungen und eine opferorientierte Gesetzgebung, um von diesen Gewaltformen betroffene Frauen dabei zu unterstützen, Hilfe zu suchen (siehe Links in der rechten Spalte).

Frauenhandel/Zwangsprostitution

Eine besonders gravierende Form der Menschenrechtsverletzung von internationalem Ausmaß sind Menschenhandel und Zwangsprostitution, wovon vorwiegend Frauen und Mädchen betroffen sind. Die Opfer kommen zumeist aus verarmten Verhältnissen, haben oft keinen legalen Aufenthalt und werden in totale Abhängigkeitsverhältnisse gebracht. Um hier Maßnahmen zu treffen, sind internationale Zusammenarbeit und besondere Unterstützungsmaßnahmen auf nationaler Ebene erforderlich, damit Betroffenen die Flucht bzw. der Ausstieg ermöglicht werden kann. Österreich ist sowohl Transit- als auch Zielland von Menschenhandel; sexuelle Ausbeutung ist hierbei die am häufigsten stattfindende Form. Die Dunkelziffer ist in diesem Bereich besonders hoch, und während davon ausgegangen wird, dass hier hohe Profite gemacht werden, kommt es nur selten zu Verurteilungen (vgl. Taskforce Menschenhandel 2015–2017: 2). Dennoch wurden, um dem Menschenhandel entgegenzuwirken, auf EU- und internationaler Ebene rechtliche Regelungen zur Bekämpfung des Menschenhandels erarbeitet – so beispielsweise die Council of Europe Convention on Action against Trafficking in Human Beings, die 2006 von Österreich ratifiziert wurde, sowie die EU-Richtlinie zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels und zum Schutz seiner Opfer vom April 2011. Österreich ist sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene aktiv und nimmt dabei teilweise sogar eine Vorreiterrolle ein. 2004 wurde eine eigene Task Force Menschenhandel unter Leitung des Außenministeriums eingerichtet, um möglichst koordiniert und nachhaltig an der Bekämpfung dieser Verbrechen und der Hilfe für Opfer zu arbeiten – unter anderem ist die Task Force für die Erarbeitung Nationaler Aktionspläne zur Bekämpfung des Menschenhandels verantwortlich (vgl. BMEIA). LEFÖ ist eine zentrale NRO in diesem Bereich – nachdem sie jahrelang federführend aktiv war, ist sie nun mit der Betreuung weiblicher Opfer beauftragt.

Gewalt in Kriegen und Konflikten

Ein eigenes Thema, das auf globaler Ebene eine große Rolle spielt, ist das Phänomen gesteigerter, teilweise systematischer Gewalt gegen Frauen in Konflikten und Kriegen. Sowohl während Kriegshandlungen als auch in Postkonfliktsituationen und etwa in Flüchtlingslagern gehört sexuelle Gewalt gegen Frauen zur Alltagsrealität. Sie findet sowohl als Strategie im Kampf, als auch im Rahmen verwahrloster sozialer Strukturen und – besonders erschütternd – auch durch Soldaten der UN und anderer zum Schutz eingesetzter Truppen statt. Ein weiteres Phänomen in diesem Kontext ist die Entstehung oder Steigerung von Prostitution in Gebieten, in denen Soldaten im Zuge internationaler Operationen stationiert werden (vgl. UN Security Council 2014). Mittels internationaler Abkommen und Sensibilisierungsmaßnahmen im Bereich Friedensförderung wird versucht, gegenzusteuern. 2000 hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einstimmig eine Resolution zu diesem Thema beschlossen; Österreich hat seit 2007 einen Nationalen Aktionsplan (seit 2012 überarbeitete Version), dessen Umsetzung jährlich geprüft wird (für weitere Informationen siehe UN; BMEIA).

Ursachen geschlechtsspezifischer Gewalt

Gewalt gegen Frauen ist ein gesellschaftliches Problem, sie dient der Ausübung von Macht und Kontrolle und hängt eng mit traditionellen Vorstellungen männlicher Vorherrschaft zusammen. Diese Erkenntnis ist eine wichtige Grundlage für Gegenmaßnahmen. Konsequenterweise wird in der Istanbul -Konvention von den unterzeichnenden Staaten anerkannt (vgl. COE 2011),

„dass Gewalt gegen Frauen der Ausdruck historisch gewachsener ungleicher Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern ist, die zur Beherrschung und Diskriminierung der Frau durch den Mann und zur Verhinderung der vollständigen Gleichstellung der Frau geführt haben“.

und „dass Gewalt gegen Frauen als geschlechtsspezifische Gewalt strukturellen Charakter hat (…)“und „einer der der entscheidenden sozialen Mechanismen ist, durch den Frauen in eine untergeordnete Position gegenüber Männern gezwungen werden“.

Geschlechtsspezifische Gewalt ist dabei definiert als „Gewalt, die gegen eine Frau gerichtet ist, weil sie eine Frau ist, oder die Frauen unverhältnismäßig stark trifft“.

Um diese gesellschaftlich tief verwurzelten Ursachen von Gewalt gegen Frauen zu überwinden, müssen Prävention und Bekämpfung auch am Bewusstsein der BürgerInnen ansetzen. Durch öffentliche Kampagnen, geschlechtersensible Buben- und Mädchenarbeit in Schulen, Anti-Gewalttrainings für Täter und Sensibilisierungsmaßnahmen für bestimmte Berufsgruppen werden langfristige und nachhaltige Veränderungen angestrebt. Österreich ist zwar im Bereich des Gewaltschutzes europäischer Vorreiter, in Bezug auf traditionelle Rollenbilder besteht jedoch deutlicher Handlungsbedarf, um Gleichberechtigung hinsichtlich Sicherheit und Selbstbestimmung zu erreichen.

Gewaltbekämpfung: Früher Privatsache ...

Gewaltsame Handlungen gegen Frauen (und Kinder) wurden lange Zeit als private Angelegenheiten betrachtet, in welche sich der Staat nicht einzumischen habe. Es fehlte sowohl das Problembewusstsein als auch der rechtliche Rahmen, um Frauen vor Gewalthandlungen zu schützen, ihnen Hilfe zu bieten und Täter zu bestrafen. Bei dem Kampfruf der zweiten Frauenbewegung „Das Private ist Politisch“ ging es genau darum, die strukturellen Ursachen und Machtverhältnisse, die hinter individuellen, privaten Erlebnissen stecken, aufzudecken. Wenn quer durch die Gesellschaft Frauen Gewalt erfahren und aus Schuld oder Scham schweigen, dann ist das kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem.

... nun öffentliche Aufgabe

Da geschlechtsspezifische Ungleichheiten in vielfältiger Weise tief in den gesellschaftlichen Strukturen, im politischen System, im Rechtssystem und im Bewusstsein und Verhalten der BürgerInnen verankert sind, müssen Gegenmaßnahmen politisch gesteuert werden. Dem Staat kommt eine zentrale Rolle in Sachen Gewaltbekämpfung zu, da er die gesellschaftlichen Ungleichheiten und damit ebenso den Kreislauf zwischen struktureller und personaler Gewalt gegen Frauen auszugleichen vermag. Durch die Unterbindung gewaltsamer Handlungen gegenüber Frauen mittels Gesetzen wird die Gewalt gegen Frauen aus der Nische der Privatheit in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Dies lässt sich anhand der Gesetzgebung in Österreich beobachten: Die Initialzündung war die Familienrechtsreform 1975, welche durch die rechtliche Gleichstellung der Eheleute die Egalisierung der Geschlechterverhältnisse in der Ehe festsetzte. Diese Modifizierung des Rechtsverständnisses steht ganz im Sinne der gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung der 1970er Jahre: Nicht zuletzt die Frauenbewegung erzeugte den öffentlichen Druck, gleiche Chancen, Gleichberechtigung und Demokratisierung auf allen Ebenen herbeizuführen. Zum Schutz bedrohter Frauen eröffnete 1972 die Frauenhausbewegung das erste Frauenhaus in London. Damit wurde die Problematik im öffentlichen Raum sichtbar. Heute gibt es weltweit Frauenhäuser.

Bis zum heutigen Zeitpunkt werden in Österreich Gesetze und Maßnahmen zum Schutz der Frauen weiter ausgebaut und Formen der Gewalt gegen Frauen sukzessive unter Strafe gestellt. Als bahnbrechend gilt in diesem Zusammenhang das 1997 in Kraft getretene Bundesgesetz zum Schutz vor Gewalt in der Familie ("Gewaltschutzgesetz"): Dieses Gesetz beinhaltet das so genannte Wegweiserecht, das die Polizei ermächtigt, (potentielle) Gewalttäter aus der Wohnung wegzuweisen und mit einem Betretungsverbot zu belegen. Bei einer anhaltenden Bedrohung durch den Aggressor kann diesem per einstweiliger Verfügung für maximal drei Monate verboten werden, sich der gemeinsamen Wohnung zu nähern. Die einstweilige Verfügung ist auch zentraler Bestandteil des 2006 in Kraft getretenen Anti-Stalking-Gesetzes, das erstmals psychische Gewalt mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr belegt und einer ungewollten Kontaktaufnahme entgegenwirkt. Abgesehen von der rechtlichen Ebene äußert sich das politische Bemühen in der öffentlichen Förderung von Einrichtungen wie dem Frauennotruf, den autonomen Frauenhäusern bzw. bewusstseinsbildenden Maßnahmen in Schulen und in der Öffentlichkeit.

Die Istanbul-Konvention ist der aktuellste Eckpfeiler einer Entwicklung, deren Ziel es ist, Frauen ein gleichberechtigtes Maß an Sicherheit, Unversehrtheit und Würde zu gewähren und damit geschlechtsspezifische Ungleichheiten nachhaltig und langfristig zu bekämpfen. Ein dabei von den Mitgliedstaaten geforderter Mechanismus ist die Erstellung von Nationalen Aktionsplänen, durch die Planung, Koordination und Evaluation von Maßnahmen systematisiert werden sollen. In Österreich wurde 2013 eine interministerielle Arbeitsgruppe eingerichtet, die im August 2014 – zeitgleich mit dem In-Kraft-treten der Konvention – einen Nationalen Aktionsplan zum Schutz von Frauen vor Gewalt 2014–2016 vorgelegt hat (siehe BMBF 2014d). Dieser ist zwar im internationalen Vergleich etwas dürftig, in der Praxis kann Österreich jedoch ein vorbildliches Gewaltschutzgesetz und ein zumindest in Wien gutes Angebot an Beratungseinrichtungen sowie einige gute Projekte für verbesserte Schutzmaßnahmen aufweisen. Dennoch gibt es auch in Österreich noch klaren Handlungsbedarf, insbesondere die hartnäckig vorherrschenden traditionellen Geschlechterstereotype und -rollen, der Zugang zu Beratungseinrichtungen im ländlichen Bereich - insbesondere für Migrantinnen und Flüchtlinge - und die notwendige Finanzierungssicherheit für nachhaltige Projekte werden diesbezüglich vom Komitee für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau angesprochen (UN 2013).  

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Verwendete Literatur:

BMBF (2014a): Frauen und Männer in Österreich: Gender Index 2014. Geschlechterspezifische Statistiken. Wien. In: https://www.bmbf.gv.at/frauen/gender/gender_index_2014.pdf?4prcf5 (20.7.2015)
BMBF (2014b): Tradition und Gewalt an Frauen. Wien. In: https://www.bmbf.gv.at/frauen/gewalt/fin_Tradition_und_Gewalt_an_Frauen.pdf?4jj2r1 (20.7.2015)
BMBF (2014c): Frauen haben Recht(e). Rechtliche Informationen, praktische Hinweise und Unterstützungsangebote für gewaltbetroffene Frauen. Wien. In: https://www.bmbf.gv.at/frauen/publikationen/frauenhabenrechte_5a_2014.pdf?4f2fe2 (20.7.2015)
BMBF (2014d): NAP zum Schutz von Frauen vor Gewalt. Maßnahmen der österreichischen Bundesregierung 2014 bis 2016. Wien. In: https://www.bmbf.gv.at/ministerium/vp/2014/20140826.pdf?4ja8p5 (20.7.2015)
Council of Europe (COE/Europarat) (2011): Council of Europe Convention on preventing and combating violence against women and domestic violence. In: https://rm.coe.int/CoERMPublicCommonSearchServices/DisplayDCTMContent?documentId=090000168046031c (20.7.2015)
Europäische Union (2010): Feasability study to assess the possibilities, opportunities and needs to standardise national legislation on violence against women, violence against children and sexual orientation violence. In: ec.europa.eu/justice/funding/daphne3/daphne_feasibility_study_2010_en.pdf (20.7.2015)
European Union Agency for Fundamental Rights (2014): Violence against women: an EU-wide survey. Main results report. Wien. In: fra.europa.eu/sites/default/files/fra-2014-vaw-survey-main-results-apr14_en.pdf (11.8.2015)
Heinisch, Heiko/Scholz, Nina (2012): Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf? Wien.
Ludwig, Gundula/Sauer, Birgit/Wöhl, Stefanie (Hg.) (2009): Staat und Geschlecht. Grundlagen und aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie. Baden-Baden.
Sauer, Birgit (2011): Migration, Geschlecht, Gewalt. Überlegungen zu einem intersektionellen Gewaltbegriff. In: Gender: Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft. Vol. 3(2). S. 44–60.  
Scholz, Nina (2014): Gewalt im Namen der Ehre. Wien.
Taskforce Menschenhandel (2015–2017): Nationaler Aktionsplan zur Bekämpfung des Menschenhandels. Österreichische Bundesregierung. Wien. In: www.bmeia.gv.at/fileadmin/user_upload/Zentrale/Aussenpolitik/Menschenrechte/Nationaler_Aktionsplan_2015-2017.pdf (19.8.2015)
United Nations (1993): Erklärung über die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Resolution 48/104. In: www.un.org/Depts/german/uebereinkommen/ar48104.pdf (11.8.2015)
United Nations (2013): Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW): Abschließende Bemerkungen des Komitees für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau. Österreich. Offizielle Übersetzung zur Verfügung gestellt von der Bundesministerin für Frauen und Öffentlichen Dienst. In: https://www.bmbf.gv.at/frauen/euint/cedaw_ber_7_8_ab_26089.pdf?4dz8a1 (11.8.2015)
UN Security Council (2014): Report on the Secretary-General on women and peace and security. S/2014/693. In: www.un.org/ga/search/view_doc.asp (19.8.2015)
Vlachova, Marie/Biason, Lea (2005) (Hg.): Women in an Insecure World. Violence against Women. Facts, Figures and Analysis, Geneva.


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