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Frauen und Armut

Wohlstand in Europa

Österreich gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Laut dem Legatum Prosperity Index, der seit 2010 eine Wohlstandsrangliste auf der Grundlage einer Kombination aus Wirtschaftswachstum, persönlichem Wohlbefinden und Lebensqualität in 142 Ländern erstellt, rangiert Österreich 2014 auf dem 15. Platz (vgl. Legatum Prosperity Index).

Der Wohlstand in der Europäischen Union ist im globalen Vergleich insgesamt recht hoch, wenn auch regionale Unterschiede durch die Finanzkrise verstärkt und die hohe Lebensqualität und soziale Sicherheit teilweise gefährdet sind. 2010 wurde die Europäische Plattform gegen Armut und soziale Ausgrenzung gegründet, die eine der sieben Leitinitiativen der von der Europäischen Kommission eingesetzten Strategie Europa 2020 für intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum in Europa darstellt.

Quelle: pixelio.de

Armut in Europa

Zur Berechnung der Armutsgefährdung wurde in der EU ein einheitliches Verfahren entwickelt, (EU SILC – EU "Statistics on Income and Living Conditions"), das sich am mittleren Haushaltseinkommen orientiert. Als armutsgefährdet gilt hiernach, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, wobei diese Grenze von Land zu Land verschieden ist. Von manifester Armut spricht man, wenn neben der finanziellen Not noch andere Beeinträchtigungen bestehen, wie die Unmöglichkeit, die Wohnung angemessen zu beheizen, neue Kleidung zu kaufen, unerwartete Ausgaben zu tätigen, einmal im Monat nach Hause zum Essen einzuladen, usw. Ganz generell ist Armut durch gesellschaftliche Ausgrenzung gekennzeichnet: Arm ist, wer am gesellschaftlichen, sozialen und politischen Leben nicht oder nicht voll teilhaben kann.

Mehr als 120 Millionen Menschen galten 2013 in der EU von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, 17 Prozent der EU-Bevölkerung leben bereits heute unter der Armutsgrenze und leben von weniger als 60 Prozent des in ihrem Land durchschnittlichen Haushaltseinkommens  (vgl. Europäische Kommission). Dabei bestehen zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten teilweise eklatante Unterschiede: Die Tschechische Republik (14,6 %), die Niederlande (15,9 %), Finnland (16 %) und Schweden (16,4 %) verzeichneten 2013 die geringste Armutsgefährdung, während in Bulgarien (48 %), Rumänien (40,4 %), Griechenland (35,7 %), Lettland (35,1 %) und Ungarn (33,5 %) wesentlich mehr Menschen armutsgefährdet waren (vgl. Eurostat). In Österreich lag die Armutsgefährdungsquote 2013 bei 14,4 Prozent, 2014 bei 14,1 Prozent (vgl. Armutskonferenz). 

Frauen sind von Armut stärker betroffen

In der Europäischen Union leben 12 Millionen mehr Frauen in Armut als Männer (vgl. Europäische Kommission). Im EU-Durchschnitt lag im Jahr 2014 die Zahl von Frauen, die von Armut bedroht waren mit 25,4 Prozent um fast 2 Prozent höher als bei Männern (23,6 Prozent). In Österreich galten 2014 17,4 Prozent der Männer als armutsgefährdet, während Frauen mit 20,1 Prozent deutlich stärker betroffen waren (vgl. Eurostat). Die Finanzkrise betrifft durch die Kürzung öffentlicher Ausgaben Frauen überproportional, oft werden dabei Leistungen beeinträchtigt, die traditionell von Frauen ausgeglichen und übernommen werden (Pflege, Kinderbetreuung, Hausarbeit). Das verdeutlicht die Wichtigkeit einer geschlechtersensiblen Analyse von staatlichen Maßnahmen. Dabei rät die Europäische Kommission Österreich im Rahmen der Europa2020-Strategie in ihren länderspezifischen Empfehlungen daher vor allem die Erwerbsbeteiligung von älteren Menschen und von Frauen zu erhöhen, letzteres brauche gerade  verstärkte Kinderbetreuungs- und Pflegemaßnahmen (vgl. Europäische Kommission 2015).

Kritische BetrachterInnen merken zur Berechnung jedoch an, dass die tatsächliche Frauen- und Mädchenarmut vermutlich höher liegt. Verantwortlich hierfür ist, dass bei der Berechnung von Armutsgefährdung von einer gleichen Verteilung der Ressourcen in einem Haushalt ausgegangen wird, diese in der Realität aber nicht immer gegeben ist, sondern vielmehr eine Benachteiligung von Frauen und Mädchen auch bei der Verteilung von Ressourcen in einem Haushalt festzustellen ist (vgl. Heitzmann 2006).

Neben Frauen allgemein sind vor allem MigrantInnen, ältere Menschen und Minderheiten häufiger von Armut oder sozialer Ausgrenzung  betroffen. So waren EU-weit 2013 beispielsweise 20,5 Prozent der Frauen über 65 Jahre armutsgefährdet (Österreich: 18,6 %), während in der gleichen Altersstufe 15,3 Prozent der Männer durch Armut gefährdet waren (vgl. Eurostat).

In Österreich wird – bezogen auf die Gesamtbevölkerung – vor allem folgenden Bevölkerungsgruppen ein erhöhtes Risiko, von Armut betroffen zu sein, attestiert (vgl. Statistik Austria 2015: 83):

  • Haushalte mit Langzeitarbeitsosen (45 %)
  • Ausländische StaatsbürgerInnen (Drittstaatsangehörige) (41 %)
  • AlleinerzieherInnen (34 %)
  • Alleinlebende Frauen ohne Pension (28 %)
  • Familien mit mehr als drei Kindern (27 %)
  • Personen, die maximal über einen Pflichtschulabschluss verfügen (21 %)
  • Pensionistinnen (16 %)
Quellen: pixelio.de

Gründe für die Armutsgefährdung von Frauen

Entscheidend dafür, ob Menschen von Armut bedroht sind, ist v.a. ob sie einer ausreichend bezahlten Beschäftigung nachgehen oder nachgehen können. Die stärkere Armutsgefährdung von Frauen hängt somit wesentlich mit der Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt zusammen. Was das Geschlechterverhältnis betrifft, ist hierbei zusätzlich eine deutliche Einkommensschere feststellbar.

Die "Gender-pay-Gap-Quote", die Einkommensunterschiede anhand des durchschnittlichen Bruttoverdienstes von Frauen und Männern misst, zeigt, dass Frauen deutlich weniger verdienen als Männer. In Österreich lag der Einkommensunterschied 2012 bei 23,4 Prozent, womit  Österreich nach Estland zu jenen Ländern zählt, in denen es die deutlichsten Geschlechterunterschiede in EU-Europa gibt. Maßgeblich für den Gender gap im Einkommen sind folgende Faktoren:

  • Frauen verdienen für dieselbe Arbeit noch immer weniger als Männer.
  • Frauen wählen Berufsfelder, die schlecht bezahlt sind – vielleicht auch deswegen, weil sie vorrangig von Frauen ausgeübt werden.   
  • Frauen sind in ihrem beruflichen Aufstieg gegenüber Männern benachteiligt und stoßen im Gegensatz zu diesen an eine "gläserne Decke."
  • Frauen arbeiten häufiger Teilzeit als Männer und sind überdurchschnittlich oft in atypischen oder prekären Beschäftigungsverhältnissen zu finden.
  • Frauen sind stärker unter den "Working poor" zu finden. Das sind jene Personen zwischen 20 und 64 Jahren, die trotz Erwerbstätigkeit kein gewichtetes Haushaltseinkommen über der Armutsgefährdungsschwelle erreichen: 2014 waren insgesamt 266.000 Personen in Österreich "Working poor", davon rund 162.000 Männer und 104.000 Frauen. Das sind 8 % aller erwerbstätigen Männer und 6 % aller erwerbstätigen Frauen (vgl. Statistik Austria 2015: 84).
  • Die Frauenerwerbsarbeit muss mit Haushalt und Betreuungsarbeit vereinbart werden. Etwa zwei Drittel der unentgeltlichen Arbeit wird von Frauen erbracht. Männer zeigen sich immer noch deutlich weniger für Haushalt und Familie zuständig (vgl. Statistik Austria 2009: 33f).

Wege aus der Frauenarmut

Nicht zuletzt deshalb, da auch Sozialleistungen primär an ein Erwerbseinkommen angebunden sind, haben Wege aus der Frauenarmut v.a. bei einer Verbesserung der Situation der Frau am Arbeitsmarkt anzusetzen. Ein Weg hierzu bieten Gleichbehandlungsgesetze und aktive Frauenförderungsmaßnahmen, das Gender-Mainstreaming, wonach die geschlechtsspezifischen Auswirkungen bei allem staatlichen Handeln zu überprüfen ist und das Gender-Budgeting bzw. die Berücksichtigung der Gender-Perspektive bei allen Phasen der Budgeterstellung. Erforderlich ist v.a. aber auch eine Verbesserung der Betreuungseinrichtungen für Kinder, da Frauen auch durch ihre Doppelbelastung in Beruf und Familie in ihrem Berufsleben benachteiligt sind.

Bekämpfung von (Frauen-)armut nützt auch der Wirtschaft

Armut ist – wie verschiedene WirtschaftswissenschafterInnen betonen – nicht nur ein soziales Problem, sondern hat ihrerseits auch wiederum negative Auswirkungen auf die Wirtschaft: Wer nicht am Konsum teilhaben kann, trägt auch nicht zu einer Ankurbelung der Wirtschaft bei. Auch aus ökonomischer Sicht macht die Bekämpfung von Armut somit Sinn. Dass besonders die Wirtschaft von einer Gleichstellung profitieren würde, wird regelmäßig auch durch politische AkteurInnen betont.

So stellt der aktuelle Gender Inequality Report zum wiederholten Male fest: „Gender inequalities in work hamper the potential for smart, sustainable and inclusive growth in the EU“ (EIGE 2015: 145). Und auch der Rat der Europäischen Union betont, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter essentiell für das Wirtschaftswachstum, den Wohlstand und die Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union ist (vgl. Rat der Europäischen Union 2014). Die OECD schätzt, dass im OECD-Durschnitt bereits ein Rückgang der Genderlücke in der Erwerbsbeteiligung von 50 Prozent die jahresdurchschnittliche Pro-Kopf-Wachstumsrate des BIP um 0,3 Prozent erhöhen würde (vgl. OECD 2013: 30).


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Verwendete Literatur:

EIGE – European Institute for Gender Equality (2015): Gender Equality Index 2015. Measuring Gender Equality in the European Union 2005–2012. Report. In: eige.europa.eu/sites/default/files/documents/mh0415169enn.pdf (19.8.2015)
Europäische Kommission 2015: Empfehlung des Rates. In: ec.europa.eu/europe2020/pdf/csr2015/csr2015_austria_de.pdf (18.8.2015)
Heitzmann, Karin (2006): Ist Armut weiblich? In: Forum Politische Bildung (Hg.): Geschlechtergeschichte – Gleichstellungspolitik – Gender Mainstreaming. Informationen zur Politischen Bildung, Band 26. Innsbruck/Bozen/Wien. S 41–48. In: www.demokratiezentrum.org/fileadmin/media/pdf/heitzmann_armut.pdf (18.8.2015)
OECD (2013): Gleichstellung der Geschlechter: Zeit zu handeln. Paris. In: www.oecd-ilibrary.org/social-issues-migration-health/gleichstellung-der-geschlechter_9789264190344-de (19.8.2015)
Rat der Europäischen Union (2014): Council conclusions on Women and the economy: Economic independence from the perspective of part-time work and self-employment. Luxembourg. In: www.consilium.europa.eu/uedocs/cms_data/docs/pressdata/en/lsa/143269.pdf (19.8.2015)
Statistik Austria (2015): Lebensbedingungen in Österreich – ein Blick auf Erwachsene, Kinder und Jugendliche sowie (Mehrfach-)Ausgrenzungsgefährdete. Wien. In: www.statistik.at/wcm/idc/idcplg (18.8.2015)
Statistik Austria (2009): Zeitverwendung 2008/2009. Ein Überblick über geschlechtsspezifische Unterschiede. Wien. In: www.statistik.at/wcm/idc/idcplg (18.8.2015)

© Demokratiezentrum Wien

Literatur

Goldberg, Gertrude S. (2010) (Hg.): Poor women in rich countries. The feminization of poverty over the life, New York, NY u.a.

Schenk, Martin/Moser, Michaela (2010): Es reicht! Für alle! Wege aus der Armut. Wien.

Knapp, Gerald (2008) (Hg.): Armut, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Perspektiven gegen Armut und soziale Ausgrenzung in Österreich. Klagenfurt/Wien u.a.

Helga Hieden-Somme (2007): Sozialstaat, neoliberales Wirtschaften und die Existenzsicherung von Frauen. Wien.

Breiter, Marion (2006): Un-equal pay und Armutsgefährdung von Frauen in Österreich. Innsbruck.
 
Heitzmann, Karin (2004) (Hg.): Wege aus der Frauenarmut. Frankfurt am Main/Wien u.a.

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