zur normalen Ansicht

Themen > Europa > Visuelle Erzählmuster > "Vorbilder" 

"Vorbilder"

Die Präsentation historischer Ereignisse unterliegt in Geschichtsschulbüchern einer Zeitachse: Das Vergangene steht in Zusammenhang mit historischen Entwicklungen und Ereignissen, die noch weiter zeitlich zurückreichen, wird aber gleichzeitig aus einer gegenwärtigen Perspektive dargestellt und interpretiert.

Doch nicht nur durch den Aufbau des Schulbuches ergibt sich damit ein zeitlicher Rahmen der Geschichtsdarstellung, auch in einzelnen Bildern selbst sind diese Zeitachsen visuell vorhanden: Diese Kontextualisierung wurde und wird gezielt von politischen AkteurInnen wie PolitikerInnen oder aber DemonstrantInnen sowie in Kunst und Kultur nach 1945 aufgegriffen. Als visuelle Darstellungsstrategien können daher in ein und demselben Foto oder Bild neben den gegenwärtigen AkteurInnen historische Persönlichkeiten und erinnerungskulturell verankerte Symbolik gezeigt werden. Auf diese Weise wird eine historische Kontinuität von politischen Ideen unterstrichen und es können politische Entwicklungen der Gegenwart und Zukunft legitimiert werden, da diese schon in der Vergangenheit Gültigkeit hatten.

Dies ist nach 1945 beispielsweise bei Fotos von Demonstrationen, vor allem im Zuge der Ereignisse des Mai 1968 und der Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, zu sehen, die auf Spruchbändern und Transparenten Portraits, also "Vorbilder" in die Höhe hielten. Die entsprechenden Bilder zeigen beispielsweise Rosa Luxemburg oder Karl Marx, die "...persönlich für das Gesagte oder Geschriebene einzustehen" scheinen.[1] Der öffentliche Raum wird auf diese Weise "visuell besetzt."

Diese Vorgangsweise wurde nach 1945 besonders auch in der Bild- und Denkmalkultur in den bis Ende der 1980erJahre kommunistischen Staaten Europas praktiziert und sticht in visuellen Darstellungen in den Schulbüchern zu diesem Thema ins Auge. Dies gilt im Besonderen für die Settings politischer offizieller Akte, deren Bilder in den Schulbüchern sich wiederfinden, wie beispielsweise jenes der Proklamation des Staates Israel durch David Ben-Gurion 1948, das Ben-Gurion unter einem großen Bild von Theodor Herzl zeigt. Gut nachvollziehbar wird dies auch anhand von Fotos, die politische Ereignisse zeigen, die an bestimmten Orten von historischer Bedeutung veranstaltet werden um historische Kontinuität zu versinnbildlichen.

Quelle: Axel Thünker (Foto), Haus der Geschichte, Bonn

Als beispielhaftes Foto der genealogischen Darstellung in deutschen Schulbüchern soll an dieser Stelle ein T-Shirt mit historischen Portraits analysiert werden.

Bildbeschreibung
Dieses T-Shirt des Künstlers Paul Kalkbrenner findet sich in Schulbüchern im Zusammenhang mit der Währungsunion zwischen der damaligen BRD und der DDR, die im Juli 1990 eingeführt wurde. Das Farbfoto zeigt ein weißes T-Shirt an einer Kleiderpuppe. Die Parole "Wir sind das Volk", ist einer der zentralen Losungen, die 1989 von den MontagsdemonstrantInnen in der damaligen DDR skandiert wurden. Über diesem in schwarzer Schrift gehaltenen Slogan ist eine Dreierserie von relativ bekannten Porträts abgebildet, die Farbgebung folgt den Farben ehemaliger Geldscheine zu Zeiten der D-Mark, die Ende der 1980er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland in Umlauf waren. Von links nach rechts sind dies das Porträt des Kosmographen Sebastian Münster (ehemals auf dem 100-DM- Schein zu sehen), ein Porträt nach dem Gemälde "Bildnis eines bartlosen Mannes" von Hans Maler zu Schwaz (ehemals auf den 500-DM-Schein abgebildet) und vermutlich ein Porträt des Domherrn zu Magdeburg und Halberstadt, Dr. Johannes Scheyring, nach einem Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren, möglicherweise aber auch des Dr. Johann Schöner, Astronom und Geograph (ehemals auf dem 1000-DM-Schein abgebildet).[2] Der Hintergrund des Fotos ist weiß. Die Gesichter der abgebildeten Persönlichkeiten, allesamt Männer, sind über den alltagskulturellen Bezug zur ehemaligen Währung im kulturellen Gedächtnis der Bundesrepublik Deutschland verankert. Ob ihre jeweiligen Namen und Biographien ebenso bekannt sind, spielt in diesem Zusammenhang eine geringere Rolle: Hauptsache ist, dass sie sich zur Visualisierung eines chronologischen Narrativs eignen. Die abgebildeten Männer sind bekannt als wahrscheinlich wichtige Akteure der deutschen Geschichte, da sie sonst nicht auf den alten Geldscheinen abgebildet worden wären. Dies macht sie für die Konstruktion einer nationalen Genealogie besonders gut einsetzbar.

Karin Liebhart / Petra Mayrhofer


[1] Hagenow, Elisabeth von, Bildniseinsatz, in: Fleckner, Uwe/Warnke, Martin /Ziegler, Hendrik (Hg.), Handbuch der politischen Ikonographie, Band 1: Von Abdankung bis Huldigung, München, 2011, 170- 177.

[2] www.wdr.de/Fotostrecken/planet-wissen/politik_geschichte/dmark.jsp (15.11.2012)


Für das verwendete Bildmaterial wurden die Nutzungerechte ausschließlich für dieses Projekt erworben. Wir haben uns bemüht, alle Inhaber von Bildrechten ausfindig zu machen. Sollten dennoch Urheberrechte verletzt worden sein, werden wir nach Anmeldung berechtigter Ansprüche diese entgelten.

© Demokratiezentrum Wien

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org