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Ohnmacht

Geschichtsschulbücher, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts präsentieren, sind in Wort und Bild vom Thema Krieg und Konflikt geprägt. Allerdings ist zu bedenken, dass Informationen von Kriegsberichterstattern und deren Kriegsfotografien ein "bestimmtes, politisch gewünschtes Bild des Krieges produzieren."[1]  Auf den jeweils spezifischen Entstehungskontext wird allerdings bei der Publikation dieser Fotos in den Schulbüchern kaum hingewiesen. Da Geschichtserzählungen in Schulbüchern aus der Perspektive derjenigen gestaltet sind, die bereits den Verlauf der Geschichte kennen, Fotos als monoperspektivische Momentaufnahmen allerdings stets eine zeitgenössische Gegenwart abbilden, steht die Auswahl von Bildern zu Kriegen und Konflikten vor allem in Einklang mit der erinnerungskulturellen Verankerung historischer Ereignisse. Dies erklärt auch, dass nationale Perspektiven und Deutungsweisen die Auswahl der visuellen Darstellungen dominieren und gleichzeitig bedeutsame visuelle Leerstellen der Kriegshandlungen zu konstatieren sind. Speziell für das Ende des Zweiten Weltkriegs und den darauf folgenden Wiederaufbau kann dennoch ein länderübergreifendes narratives Erzählmuster beobachtet werden, dass Ohnmacht visualisiert.

Der Aufbau dieses visuellen Erzählmusters beinhaltet die Abbildung einer vom Krieg zerstörten Landschaft, aus der vereinzelt Ruinen zerstörter Gebäude ragen. Ein Zivilist/eine Zivilistin (mit Kind), manchmal auch mehrere, sind zu sehen, wie sie statisch in den Ruinen verharren und die Zerstörung passiv betrachten. Das Erzählmuster der Ohnmacht zeigt keine Täter, auch keine Opfer und Toten, sondern kontrastiert am Bild die vernichteten Objekte mit Menschen, die aufgrund der Proportionen am Foto klein und ohnmächtig angesichts der Wucht der Zerstörung, die übermächtig das Bild dominiert, wirken. Oft wendet die Person den BetrachterInnen den Rücken zu und lässt diese dadurch als teilnehmend in die Szenerie eintauchen, wie es anhand des folgenden Bildbeispiels augenscheinlich wird:

© ddp images /AP / Stanley Troutman

Bildbeschreibung
Das beschnittene Foto zeigt einen Mann, mit dem Rücken halb den BetrachterInnen zugewandt, der inmitten des Schutts komplett zerstörter Gebäude regungslos verharrt. Sein Blick ist auf ein zerstörtes, ausgebranntes Gebäude gerichtet, dessen Strukturen inklusive einer Stützkonstruktion des Kuppeldachs noch teilweise erhalten sind. Das Foto ist perspektivisch aufgenommen, das Gebäude scheint sich aus den Schuttbergen zu erheben. Es entstand in Hiroshima am 8.September 1945, gut einen Monat nach dem Abwurf der Atombombe. In einem österreichischen Schulbuch fälschlicherweise als ein Überlebender betitelt, handelt es sich bei dem Mann um einen alliierten Korrespondenten, der vor einem ehemaligen Ausstellungsgebäude für Industriegüter steht. Die Ruinen sind heute als Friedensdenkmal ("Atombombenkuppel") immer noch Teil des wiederaufgebauten Hiroshima. Der einzelne Mann steht hier nicht nur ohnmächtig gegenüber der durch die Atombombe verursachten Zerstörung, das Bild visualisiert auch die Unkontrollierbarkeit der nuklearen Energie und entsprechender Technologie, denen die Menschheit durch die beiden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki erstmals ausgesetzt war.

Solche Bilder symbolisieren die Übermacht der Zerstörung und die Ohnmacht des Einzelnen. Zugleich entsteht allerdings auch der Eindruck, dass der/die Einzelne ohnmächtig ist angesichts der Entwicklung, die der Zerstörung vorangegangen ist. Die Ambivalenz von Bildern dieser Kategorie besteht darin, dass Ruinen ebenso wie Personen zugleich auch das Überleben nach dem Krieg visualisieren (können), da sie sich der Zerstörung widersetzt haben.


WEITER im Modul:
→ "Vorbilder"

Karin Liebhart / Petra Mayrhofer


[1] Paul, Gerhard, Die Geschichte der fotografischen Kriegsberichterstattung, Zugriff unter www.bpb.de/gesellschaft/medien/bilder-in-geschichte-und-politik/73169/kriegsberichterstattung (5.12.2012)


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