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Masse

Welche Akteure sind bei der Darstellung von Zeitgeschichte seit 1945 im Bild zu sehen, wer prägt visuell historische Ereignisse? Zum einen werden einzelne bekannte wie unbekannte Personen gezeigt. Zum anderen ist zu beobachten, dass Menschenmassen immer stärker in die Bilderwelten nach 1945 Eingang finden.

Die Darstellung der Masse steht einerseits in Verbindung mit dem seit 1945 beobachtbaren Erstarken der Zivilgesellschaft in Europa. Zivilgesellschaftlicher Protest entstand in Westeuropa im Kontext des Wandels sozialer Strukturen und Kulturen. Bilder der StudentInnenproteste im Jahr 1968, der Demonstrationen der Emanzipationsbewegung, der Umweltschutzbewegung bis hin zu massenwirksamen Protesten gegen Sozialabbau und gegen Globalisierung stehen als visuelle Zeugnisse der politischen Beteiligung und zeigen eine politisch aktive Masse. Dies gilt genauso für die Massenproteste, die sich bis 1989 in den damalig kommunistischen Staaten Osteuropas zugetragen haben. Diesbezügliche Darstellungen rund um die Revolution 1956 in Ungarn, den „Prager Frühling“ 1968 und vor allem rund um den Systemwechsel des Jahres 1989 – von Massendemonstrationen am Wenzelsplatz in Prag bis hin zu zum estnischen Sängerfest und der Baltischen Kette von Tallinn über Riga nach Vilnius - werden als Großereignisse visualisiert. Eindrucksvolle Bildmotive dazu sind beispielhaft die Fotos der Menschenmassen bei den Montagsdemonstrationen 1989 in Leipzig, aber auch das bekannte Foto der Menschen auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor 1989 (siehe nachfolgende Bildbeschreibung), die unter anderem auch prominent auf Schulbuch-Cover abgebildet sind.

© Bundesregierung / Klaus Lehnartz

Bildbeschreibung
Das Farbfoto des Fotografen Klaus Lehnartz entstand am 10.11.1989 im damaligen West-Berlin. Man sieht im Bildvordergrund Köpfe einer nicht strukturierten Menge an Menschen, die teils direkt den/die BetrachterIn anblicken, teils ihm/ihr den Rücken zuwenden. Die Menschen stehen vor der graffitibeschmierten Berliner Mauer, die vertikal durch das Bild verläuft. Aufgrund der Bildkomposition entsteht der Eindruck, dass sich die Mauer über die Köpfe erhebt. Auf der Mauerkrone steht wiederum eine nicht näher erkennbare Menschenmasse. Vereinzelt knien und sitzen auch Menschen auf der Mauerkrone, beziehungsweise erklimmt gerade eine Person die Mauer. Die Menschenmasse auf der Mauer wiederum befindet sich vor dem Brandenburger Tor, das sie zu gut einem Drittel verdeckt. Das Tor erhebt sich scheinbar aus der Menschenmenge, die Quadriga mit der schwarz-rot-goldenen Flagge (allerdings mit der DDR-Flagge, dies ist jedoch auf dem Foto kaum erkennbar) ragt in den Himmel. Dieses Foto ist in einigen Schulbüchern zu finden, es ist allerdings an allen Seiten beschnitten. Damit fokussiert es auf das Brandenburger Tor. Die Bildaussage legt nahe, dass die Menschenmasse aus dem damaligen Ost- und West-Berlin aktiv die Mauer überwunden hat, auch durch das Symbol Brandenburger Tor wirkt das Foto bereits als Appell an die deutsche Einheit.[1]

Die Vergegenwärtigung einer aktiven Masse, die als Souverän für politische Rechte und für Veränderung kämpft, ist nicht nur auf Fotos zu betrachten, sondern findet auch Eingang in Karikaturen. All diesen Darstellungen gemeinsam ist, dass die Masse als aktiver eigenständiger Akteur im Bild zu sehen ist und nicht visuell eine einzelne Person, beispielsweise ein/eine PolitikerIn, der Masse gegenübersteht oder mit der Masse interagiert. Die Darstellung der aktiven Menschenmasse inkludiert in der Regel auch keine bekannten ProtagonistInnen oder AnführerInnen, sondern präsentiert eine Vielzahl unbekannter Menschen. Zumeist ist - wenn überhaupt - nur die erste Reihe der DemonstrantInnen erkennbar, oft ragen Transparente und Schilder aus der Masse heraus. Obwohl also so viele Menschen gezeigt werden, verschwimmen diese einzelnen Personen zu einem Massenkörper, der wiederum homogen für ein gemeinsames Ziel kämpft.

Neben der aktiven Masse sind als gemeinsames Charakteristikum visueller Erinnerungskulturen in Europa die Fotos von Kolonnen und Massenbewegungen vieler Menschen zu finden, die in Reaktion auf Kriege, Naturkatastrophen und Konflikte flüchten müssen.[2] Im Bildbeispiel ist zu sehen, wie schwer bepackte Flüchtlinge aus Ruanda 1994 ins benachbarte Tansania fliehen mussten.

© UNHCR

Bildbeschreibung
Das Farbfoto zeigt einen Ausschnitt einer langen Kolonne von Flüchtlingen - unter ihnen auch kleine Kinder - aus Ruanda, die, bepackt mit ihren Habseligkeiten, auf dem Weg in den Nachbarstaat Tansania sind. Sie sind zu Fuß unterwegs und tragen ihre Lasten auch auf dem Kopf. Das Foto zeigt eine nicht strukturierte, bunte Masse, einige Farben wie etwa orange, weiß und unterschiedliche Brauntöne sind aber besonders gut erkennbar. Geschlechtsspezifische Merkmale der Flüchtenden sind nur schwer auszumachen. Prinzipiell werden die Flüchtlinge in dieser Abbildung nicht als Individuen dargestellt, sondern als Teil einer riesigen und ungeordneten Menge. Das Foto zeigt ein Konglomerat, bestehend zwar aus Einzelpersonen, die in ihrer Individualität aber nicht wahrgenommen werden.


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→ Ohnmacht

 

Karin Liebhart / Petra Mayrhofer


[1]Vgl. Janzing, Godehard, Der Fall der Mauer. Bilder von Freiheit und/oder Einheit 1990-1999, in: Paul, Gerhard (Hg.), Das Jahrhundert der Bilder. Band II: 1949 bis heute, Göttingen, 2008, 574-582.

[2]Vgl. Schlögel, Karl, Wie europäische Erinnerung an Umsiedlung und Vertreibungen aussehen könnte, in: Kruke, Anja (Hg.), Zwangsmigration und Vertreibung. Europa im 20. Jahrhundert, Bonn 2006, 49–69. Beispielhaft für Erinnerungskultur an Flucht und Vertreibung in Deutschland und Polen siehe Roger, Maren, Flucht, Vertreibung und Umsiedlung. Mediale Erinnerungen und Debatten in Deutschland und Polen seit 1989 (Studien zur Ostmitteleuropaforschung 23), Marburg 2011.


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