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Kindliche Unschuld

Ein vergleichender Blick in die visuellen Geschichtsdarstellungen, die in Schulbüchern angeboten werden, zeigt die weit verbreitete Darstellung von nicht näher bekannten Kindern im Kontext historisch bedeutsamer Ereignisse: Zwar sind Kinder als Teil der Gesellschaft von historischen Entwicklungen und Geschehnissen natürlich gleichermaßen betroffen, dennoch verweist die Aufnahme solcher Fotos auf eine bewusste Auswahl. Eine Erklärung dafür findet sich in der Tatsache, dass sich die Schulbücher an Jugendliche richten und auf diese Weise eine niederschwellige Vermittlung historischer Inhalte durch Bilder intendiert sein könnte.

Weitaus gewichtiger fällt allerdings auf, dass für den Zeitraum nach 1945 Kinder vor allem im Kontext mit Kriegen und Konflikten auf Fotos zu sehen sind. Ausnahme davon sind die Bilder aus den kommunistischen Staaten Europas bis 1989, da diese - von den kommunistischen Parteiführungen bewusst inszenierten - Bilder zeigen, dass alle Generationen vom Kommunismus durchdrungen und auch die Kinder Träger des politischen Systems sind. Letzterer Aspekt ist allerdings auch in Bildern, die politische Ereignisse in demokratischen Staaten visualisieren, zu finden, so schwenken beispielsweise Kinder EU-Fahnen. In diesem Kontext ist die Rolle der Darstellung von Kindern freilich anders gewichtet, sie verweist darauf, dass die politischen Entscheidungen der Gegenwart mit besten Absichten für die zukünftige Generation getroffen werden.

Neben dieser Legitimierungsfunktion zielt die Strategie, Kinder vor allem im Rahmen von Kriegen abzubilden, auf das Erzählmuster von Unschuld und Unbeteiligung ab, da Kinder zwar als Betroffene visualisiert werden, aber natürlich keine Verantwortung für die Geschehnisse der Vergangenheit haben.

Quelle: Wikimedia Commons/USAF (public domain)

Bildbeschreibung
Im Bildbeispiel sieht man den Anflug einer US-amerikanischen Transportmaschine C-54, auch „Rosinenbomber“ genannt, auf den Flughafen Berlin/Tempelhof im Jahre 1948, der von Kindern und Jugendlichen beobachtet wird. Das in jedem Ländersample der Studie sowie im binationalen Schulbuch und im „Europäischen Geschichtsbuch“ abgebildete schwarz-weiß Foto (mitunter wird auch eine kolorierte Version davon verwendet) zeigt eine viermotorige Propellermaschine, die mit ausgeklapptem Fahrwerk in geringer Höhe über eine Ansammlung von Menschen fliegt. Die C-54 befindet sich auf dem Landeanflug nach Berlin/Tempelhof. Die auf einem Erd- bzw. Schutthügel versammelte Menge besteht hauptsächlich aus Kindern aller Altersstufen und Jugendlichen. Am rechten Bildrand ist ein erwachsener Mann zu sehen, der mit einem Uniformhemd und dunkler Hose bekleidet ist und als Einziger aus dem Bild blickt. Die Blickrichtung aller anderen Personen ist dem Flugzeug zugewandt. Die meisten unter ihnen sind auch durch ihre Kleidung (kurze Hosen) als Kinder erkennbar. Zwei der Mädchen, möglicherweise Zwillinge, tragen idente Kleidchen. Einige der Kinder winken dem Flugzeug zu. Im Hintergrund der Aufnahme ist am linken Bildrand ein Gebäude zu sehen, es dürfte ein Mehrfamilienwohnhaus sein. Der Himmel ist mit grauen Wolken bedeckt. Die gezeigte Szene wirkt dennoch keineswegs bedrohlich, trotz des ungünstigen Wetters und der geringen Höhe, in der das Flugzeug die Menschenmenge überfliegt. Die Haltung der Wartenden, die nahezu ausschließlich von hinten zu sehen sind, vermittelt vielmehr erwartungsvolles Staunen. Die Kinder stehen quasi auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs, doch ihr Blick weist bereits in die Zukunft und auf den Fortschritt, symbolisiert durch das Flugzeug, hin.[1]

Es fällt auf, dass Kinder entweder ganz ohne Erwachsene am Bild zu sehen sind oder aber in Kombination mit einer Frau, meist vermutlich der Mutter. Auf diese Weise werden gerade in Kriegen die unschuldigen und leidenden Zivilisten gezeigt, die Akteure der Kriegshandlungen aber nicht. Christoph Hamann charakterisiert die Funktion der Kinderabbildung in Zusammenhang mit politischen Konflikten und/oder Kriegen als einen „moralischen und emotionalen Appell“, da Kinder als die unschuldigen Schwächeren keine Täter sein können.[2] Falls sie als Täter am Bild fungieren, wie es beispielsweise bei Fotos von bewaffneten Kindersoldaten der Fall ist, werden sie nicht als solche wahrgenommen, sondern eher als von Erwachsenen manipulierte und zu deren Zwecken instrumentalisierte Opfer. Daher ist die Kinddarstellung für eine visuelle Opferkonstruktion funktional, zumal die Taten der Erwachsenen auf diese Weise ausgeblendet bleiben.

WEITER im Modul:
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Karin Liebhart / Petra Mayrhofer


[1] Vgl. Hamann, Christoph, „Rosinenbomber“ Zur Bildrhetorik der Berlin-Blockade, in: Paul, Gerhard (Hg.), Das Jahrhundert der Bilder. Band I: 1900 bis 1949, Göttingen, 2009, 762-768, 765.
[2] Vgl. Hamann, Christoph, „Rosinenbomber“ Zur Bildrhetorik der Berlin-Blockade, in: Paul, Gerhard (Hg.), Das Jahrhundert der Bilder. Band I: 1900 bis 1949, Göttingen, 2009, 762-768, 766.


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