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Individualisierung

Historische Ereignisse, die erinnerungskulturell verankert sind und damit Eingang in Geschichtsschulbücher gefunden haben, sind selten Aktionen, die vom Wirken einer einzelnen Person geprägt sind. Dies gilt besonders für den Zeitraum nach 1945, da in demokratischen Staaten politische Entscheidungen nicht mehr von einer einzigen Person getroffen werden. Zudem schaffen supranationale Zusammenschlüsse wie die Europäische Union strukturelle Rahmenbedingungen für politische Entscheidungen und der Einfluss der Massenmedien ermöglicht die öffentlichkeitswirksame Darstellung und Artikulation von Interessen vieler verschiedener politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher AkteurInnen.

Dennoch ist zu beobachten, dass mitunter auf visueller Ebene diese vielen verschiedenen Einflüsse und Akteure bewusst ausgeblendet und einzelne Personen stattdessen ins Zentrum gerückt werden. Dies ist einerseits eine gängige journalistische Darstellungsform, da die Komplexität gesellschaftlich relevanter Ereignisse weder in den Massenmedien noch in Schulbüchern (hier aufgrund der Seitenspiegel) möglich oder der Verständlichkeit zuträglich ist. Die Individualisierung reduziert Komplexität und Abstraktion, ermöglicht den LeserInnen Identifikation und macht ein Ereignis von großer Bedeutung anhand der subjektiven Perspektive einer Person nachvollziehbar. Gleichzeitig werden - gerade bei der Vermittlung historischer Ereignisse - mitunter Bilder transportiert, die durch Personalisierung die Vielschichtigkeit historischer Entwicklungen und Strukturen ausblenden.

Trends der historischen Wissenschaft folgend, wird zwar von Präsentation von Einzelportraits von PolitikerInnen, die Geschichte als das Werk einzelner „großer Männer und (weniger) Frauen“ versinnbildlichen, Abstand genommen. Dennoch ist es bemerkenswert, dass vor allem Fotos einzelne Personen als maßgebliche AkteurInnen für historische Entwicklungen und Ereignisse präsentieren. Da Fotos als monoperspektivische Momentaufnahme ein und dasselbe Ereignis aus verschiedensten Perspektiven festhalten können, ist eine bewusste Auswahl von Einzelbildern als ein Erzählmuster der Geschichtsdarstellung feststellbar. Dies ist anhand der Darstellung unbekannter wie bekannter Einzelpersonen zu beobachten:
Fotos mit einer aktiv handelnden unbekannten Person am Bild vermitteln nicht nur ein Abbild. Die Bedeutung dieser Fotos liegt im Verweis auf eine übergeordnete Symbolik, der/die Einzelne steht für eine historische Entwicklung, von der viele Menschen betroffen waren oder aber symbolisch für Mythen und Erzählmuster, die der gesamten Nation zugeordnet werden. Seine/ihre persönliche Geschichte, oft auch sein/ihr Name sind dabei nicht von Relevanz. Beispielhaft dafür soll an dieser Stelle das Titelbild eines französischen Schulbuchs erläutert werden, das eine unbekannte Frau mit erhobener Faust zeigt, die an einer Studentendemonstration im Mai 1968 in Paris teilnimmt (Originalfoto: Marc Riboud). Das Foto am Schulbuch ist dermaßen beschnitten, dass man die anderen Demonstranten kaum sieht. Es fokussiert auf das Portrait der Frau, welche kämpferisch ihren rechten Arm senkrecht erhebt und ihre Hand zur Faust ballt. Im linken Bildhintergrund befindet sich eine einfärbige Fahne, die von einem Demonstranten geschwenkt wird. Die Inszenierung des Fotos nimmt Anleihen an der ikonischen Bildtradition des Gemäldes "Die Freiheit führt das Volk" ("La Liberté guidant le peuple") von Eugene Delacroix. Auf Delacroix’ Gemälde wird eine Szene aus der Julirevolution 1830 skizziert. Eine Frauenfigur erhebt ihren rechten Arm gen Himmel, der Arm ist aber nicht ganz senkrecht durchgestreckt. In der erhobenen Hand hält sie die Fahnenstange mit einer französischen Flagge. Es handelt sich um eine Allegorie, die französische Nationalfigur Marianne, deren Ursprünge auf die Französische Revolution verweisen und die als Symbolfigur für den Kampf um Freiheit fixer Bestandteil der heutigen französischen Ikonografie ist. Daher weist das - wohl bewusst ausgewählte und bearbeitete - Coverfoto auf dem Schulbuch über den Abbildungscharakter einer Demonstrationsszene während des Mai 1968 hinaus, indem es diese traditionelle französische Darstellungsform des Kampfs um Freiheit in Erinnerung ruft.

Eine andere Strategie der Individualisierung historischer Ereignisse sieht man anhand der Darstellung des sogenannten Mauerspechts: Unmittelbar nach dem Fall der Berliner Mauer am 9.11.1989 haben viele BerlinerInnen Segmente der Mauer durchbrochen, es gibt davon Fotos, die viele Menschen bei der Demontage der Mauer zeigen. Auffällig ist, dass in estnischen und polnischen Schulbüchern vor allem Fotos zu finden sind, die diese Aktion visuell auf eine unbekannte Person reduzieren. Dieses Bildmotiv steht ganz im Gegensatz zu den bekannten Massenszenen, vor allem zum Motiv der Menschenmassen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Der Fall der Mauer wird damit zum Sieg des Einzelnen über das kommunistische System und ist als pars pro toto für die estnische und polnische Nation im Kampf gegen die Sowjetunion interpretierbar.

© Alexandra Avakian

Bildbeschreibung
Dieses Farbfoto entstand im November 1989 auf der Westberliner Seite. Es ist am Cover eines estnischen Schulbuchs in schwarz-weiß und im Buch in Farbe abgebildet und zeigt in Profilaufnahme von links einen Mann mittleren Alters, der einen Vorschlaghammer schwingt. Er ist bekleidet mit schwarzer Jacke, hellem Hemd und schwarzen Jeans. Den  Stiel des Werkzeuges umklammert er mit beiden Händen und ist im Begriff, auf einen mit Graffiti bedeckten Abschnitt der Berliner Mauer einzuschlagen. Die mit Metallverstrebungen versehene Mauer ist bereits beschädigt, ein Blick auf die andere Seite möglich. Der Akteur wird von einer hinter ihm stehenden passiven Gruppe von dunkel gekleideten, größtenteils männlichen Personen beobachtet. Kleine weiße Partikel auf der rechten Bildhälfte umgeben den Mann, eventuell Fragmente der Mauer. Diese erinnern an Funkensprühen und vermitteln Dynamik. Der entschlossene Gesichtsausdruck des Mannes, der als einzige der abgebildeten Figuren aktiv ist, legt den Willen zur Weiterarbeit bis zur Erreichung des (selbst gewählten) Ziels nahe.

Einzelne Personen, die durch eine Tätigkeit von weitreichender Bedeutung für viele Menschen Bekanntheit erlangt haben, werden ebenfalls in Schulbüchern gezeigt. Dies gilt weniger für Politikerbilder, deren abgebildete Aktionen zumeist für das Foto gestellt sind, wie es bei der öffentlichkeitswirksamen Unterzeichnung von Verträgen, Portrait- oder Gruppenbildern sichtbar wird. Beispiele dafür sind eher WissenschaftlerInnen, KünstlerInnen, SportlerInnen, die aufgrund ihrer herausragenden Leistrungen oder Aktionen symbolisch für die Wünsche und Ziele einer Gesellschaft stehen und diese verkörpern. Weitverbreitetes Beispiel dafür in Geschichtsschulbüchern sind die Fotos von Neil A. Armstrong und Edwin „Buzz“ Aldrin bei der ersten Mondlandung 1969.

Quelle: Wikimedia Commons/ NASA (public domain)

Bildbeschreibung
Das Farbfoto zeigt den zweiten Menschen am Mond, Edwin „Buzz“ Aldrin am 20.7.1969,
bekleidet mit dem Raumanzug der US-Astronauten. Die Flagge der USA ist im linken Schulterbereich angebracht. Schuhe und Handschuhe sind dunkel gehalten. Im vergoldeten Visier des Astronautenhelmes spiegeln sich der Schatten von Neil A. Armstrong, der das Foto macht, und die Mondlandefähre "Eagle". Aldrin scheint im Moment der Vorwärtsbewegung fotografiert worden zu sein, dies gibt dem Bild eine gewisse Dynamik. Auf den Astronauten fällt ein Lichtschein, der den hellen Vordergrund des Bildes deutlich vom dunklen Bildhintergrund abhebt. Die Lichtquelle ist unklar, über ihre Positionierung gibt Aldrins Schatten Auskunft. Die gesamte Szene wirkt ruhig, der Astronaut selbst vermittelt Gelassenheit und Selbstsicherheit, ein Eindruck, der durch die Körperhaltung ebenso unterstrichen wird wie durch den schützenden Raumanzug.

Die Relevanz, Armstrong oder Aldrin zu zeigen, liegt darin begründet, dass sie, wie auch das bekannte Zitat Armstrongs vermittelt, durch die erstmalige Landung auf festem Boden im Weltall, den Fortschritt aber auch die Sehnsucht der Menschen nach der Eroberung des Weltalls personalisieren. Zu beachten ist aber, dass gerade diese Fotos einer wissenschaftlich-technischen Sensation, eines „Weltereignisses“ im damaligen Kontext des Kalten Krieges auch einen Sieg der USA gegen die Sowjetunion im Wettlauf zum Mond darstellten.[1]

WEITER im Modul:
→ Kindliche Unschuld

Karin Liebhart / Petra Mayrhofer


[1] Heßler, Martina, „Der Mond ist ein Ami“. Bilder der Mondlandung und die Inszenierung der Wissenschaft, in: Paul, Gerhard (Hg.), Das Jahrhundert der Bilder. Band II: 1949 bis heute, Göttingen, 2008, 394-402.


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