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"David gegen Goliath"

Visualisierungen von Zeitgeschichte verweisen oft auf im kollektiven Gedächtnis verankerte Mythen und Erzählungen, da diese den BetrachterInnen bereits bekannt sind. Es werden die visualisierten historischen Ereignisse in Zusammenhang mit einer übergeordneten narrativen Struktur gebracht, die einen Rahmen für die Interpretation der dargestellten Ereignisse und ihrer Bedeutung für die Gegenwart anbietet.

Ein Beispiel dafür sind Bilder, die den Kampf ungleicher Gegner zeigen, beispielsweise als Ausdruck politischer Systemkämpfe nach 1945. Vor allem Fotos, die Aufstände in den damals kommunistischen Staaten präsentieren, unterliegen diesem Narrativ: Diese Bilder können im Kontext der biblischen Erzählung des Kampfes des jungen David gegen den übermächtigen Krieger Goliath betrachtet werden: In der Erzählung gewinnt David trotz seiner augenscheinlichen körperlichen Unterlegenheit gegen Goliath. Diese David-gegen-Goliath-Erzählungen müssen allerdings nicht unbedingt mit dem tatsächlichen Sieg Davids enden beziehungsweise taten sie das im Falle der Revolution in Ungarn 1956 oder des "Prager Frühlings" 1968 auch nicht. Dennoch werden in den Schulbüchern oft Bilder gezeigt, die eine Momentaufnahme der Überlegenheit Davids in einem letztlich gescheiterten Kampf überliefern. Auf diese Weise wird Davids Kampf als Akt des Widerstands und vor allem als moralischer Sieg visuell vermittelt.

Dies zeigt sich vor allem anhand zweier Bildtypen: Zum einen werden Symbole wie Denkmäler, Gebäude oder der kommunistische Stern beschädigt oder demontiert. Auf diese Weise kommt es zu einem Bildersturm (Ikonoklasmus), der der eigenen Nation wie dem Ausland vor Augen hält, dass der bis dahin gültigen Herrschaftsform eine Absage erteilt wird.[1] Da Denkmäler auch Leitideen einer Gesellschaft und damit Machtverhältnisse widerspiegeln[2], kommt ihr Sturz einer Kampfansage gegen ein bestehendes System gleich. Bildstürmerische Akte sind zudem aufgrund ihrer Sichtbarkeit für die Öffentlichkeit politisch besonders wirksam.[3]

Quelle: Wikimedia Commons / The American Hungarian Federation

Bildbeschreibung
Stellvertretend für diesen Kampf auf der visuellen Ebene präsentiert folgendes Bildbeispiel einen Teil der überlebensgroßen Statue Stalins, die in Budapest im Zuge der Ereignisse am 24. Oktober 1956 von ihrem Sockel gestürzt und die bis vor das Nationaltheater geschleift worden war. Das Bildmotiv, das eine Menschenmenge neben der horizontal liegenden Statue Stalins zeigt, verweist zugleich auf einen kurzzeitigen Sieg der ungarischen Revolutionäre anhand der quasi erfolgten Hinrichtung des symbolischen Körpers Stalins.[4]

Die schwarz-weiß-Fotografie aus den 1950er Jahren zeigt auf der rechten Seite der mittleren Horizontalachse den am Straßenboden stehenden, abgeschlagenen Kopfteil einer Stalin-Statue. Eisenbahnschienen, die vom linken unteren Eck des Bildes nach Mitte rechts verlaufen, unterstreichen die dynamische Anmutung des Fotos. Diese wird durch sich bewegende Passanten im Hintergrund der Fotografie noch verstärkt. Ebenso ist das Hinterrad eines Fahrrads zu sehen. Die auf dem Foto gezeigten Gebäude sind nicht identifizierbar. Die Bedeutung, die dem Würfel zukommt, der in etwa äquidistant zum Kopf der Statue einerseits, zum Protagonisten dieser Szene andererseits auf der Straße liegt, zukommt, bleibt unklar. Der Mann im Bild-Vordergrund trägt eine weiße Jacke mit Gürtel, eine dunkle Hose, helle Schuhe und eine Mütze auf dem Kopf. In der linken Hand hält er eine Aktentasche. Er blickt aus einigem Abstand auf den Kopf der gestürzten Statue, diese scheint den Blick zu erwidern, was dem Foto eine ironische Komponente verleiht.
Da die Erzählung vom Kampf Davids gegen Goliath symbolisch für den Kampf zweier ungleicher Gegner steht, werden Fotos, die dieses Muster visualisieren, oftmals beschnitten, um den Blick ganz auf den Kampf und die Übermacht des Goliath zuzuspitzen, wie es auch in diesem Bildbeispiel der Fall ist.

Weiters wird das Erzählmuster "David gegen Goliath" augenscheinlich durch den Kampf eines unbewaffneten Menschen gegen einen Panzer zum Ausdruck gebracht, wobei in entsprechenden Aufnahmen zwar der Moment der Konfrontation aber keine Kampfhandlung sichtbar wird. Fotos, die einen Menschen in direkter Konfrontation mit dem Panzerrohr zeigen, wurden zu weitverbreiteten Medienikonen. Dies gilt unter anderem beispielhaft für das Bild "tank man", das einen unbekannten Chinesen 1989 vor einer Kolonne von Panzern zeigt, die er scheinbar durch seine bloße Präsenz auf der Straße aufzuhalten scheint.[5] Estnische Schulbücher zeigen hingegen den Kampf eines Menschen, der sich – aus seitlicher Perspektive aufgenommen – im Zuge von Gewalttätigkeiten während des Systemwechsels in Litauen 1991 gegen einen Panzer stemmt. Ebenso bekannt und in deutschsprachigen Schulbüchern tradiert ist das Bild zweier Männer, die während des Aufstands in der DDR am 17.6.1953 Steine auf sowjetische Panzer am Leipziger Platz in Ost-Berlin werfen. Eine zweite Spielart, die eine - wenngleich nur kurzzeitige - Überlegenheit Davids versinnbildlicht, findet sich in einem Bildmotiv, das Aufständische auf den Panzern der Invasoren zeigt, sei es im Zuge der Revolution in Ungarn 1956, des „Prager Frühlings“ 1968 oder aber des Augustputsches 1991 in Moskau, als Boris Jelzin mit Getreuen und der russischen Flagge auf einem Panzer stand. Im Kontext dieses Narrativs werden auch Bilder gezeigt, die vermitteln, dass Goliath verloren hat. Dies gilt vor allem für die wiederkehrenden Bildmotive der Kolonnen von sowjetischen Panzern, die nach den Systemwechseln aus Ostmitteleuropa abgezogen werden. Diese Fotos stellen einen fixen Bestandteil der Bilderwelten estnischer Schulbücher dar.


WEITER im Modul:
→  Individualisierung

Karin Liebhart / Petra Mayrhofer


[1] Diers, Michael. 1997. Schlagbilder. Zur politischen Ikonografie der Gegenwart, Frankfurt am Main, 1997, 106f.
[2] Binder, Eva, Gestürzt. Zur Ikonografie des Denkmalsturzes in Osteuropa, In: Paul, Gerhard (Hg.), Das Jahrhundert der Bilder. Band II: 1949 bis heute, Göttingen, 2008, 614–621.
[3] Gamboni, Dario, Bildersturm, in: Fleckner, Uwe/Warnke, Martin /Ziegler, Hendrik (Hg.), Handbuch der politischen Ikonographie, Band 1: Von Abdankung bis Huldigung, München, 2011, 144-151.
[4] Mayrhofer, Petra, Protestbewegungen im Osten. Bildaufsatz der Ikone „Proetstbewegungen im Osten", in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/protestbewegungen-im-osten.html
[5] Ausführliche Bildbeschreibung siehe Drechsel, Benjamin, Der Tank Man. Wie die Niederlage der chinesischen Protestbewegung von 1989 visuell in einen Sieg umgedeutet wurde, in: Paul, Gerhard (Hg.), Das Jahrhundert der Bilder. Band II: 1949 bis heute, Göttingen, 2008, 566-574.


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