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Abb. 7: Entdeckung einer Kollaborateurin

Entdeckung einer Kollaborateurin, Dessau (Deutschland) April 1945
© Magnum Photos / Henri Carter-Bresson

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Wenn Kriegsbilder Menschen zeigen, dann handelt es sich meist um Männer. Auch die Ikonographie des Zweiten Weltkriegs wird von ihnen dominiert. Als Opfer sowie beim Übergang in die Nachkriegszeit tauchen allerdings auch Frauen auf ikonischen Motiven jener Zeit auf. Ein wichtiges Beispiel dafür sind die Trümmerfrauen, die sich am Wiederaufbau der zerstörten Städte beteiligten (Abb. 6). Auch auf der hier gezeigten Fotografie fungieren zwei Frauen als Protagonistinnen, während die männlichen Figuren eher passive Rollen einnehmen. Der Schnappschuss soll 1945 kurz nach Kriegsende in einem Dessauer Durchgangslager entstanden sein und eine junge Frau (halbrechts) zeigen, die eine ehemalige belgische Gestapo-Informantin (halblinks, mit gesenktem Kopf) wiedererkennt.[1] Die Aufnahme stammt von dem französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson, der dann 1947 gemeinsam mit Robert Capa (Abb. 8) und anderen die legendäre Agentur Magnum gründete.[2] Unsere Abbildung zeigt geradezu idealtypisch, warum Cartier-Bresson ein Vorbild für ungezählte FotografInnen geworden ist – nämlich aufgrund seiner meisterhaften fotografischen Erfassung besonderer Augenblicke. Das Motiv taucht deshalb immer wieder in Fotografie-Handbüchern auf. [3] Alle Personen sind wie auf einer Bühne versammelt, der entscheidende Moment des Wiedererkennens spiegelt sich im verzerrten Gesicht der Protagonistin wider, die von ihren Emotionen überwältigt zu werden scheint. Sie packt die Beschuldigte beim Arm. Diese wiederum hat ihre rechte Hand zur Faust geballt, verharrt aber untätig. Der linke Bildrand wird von einer männlichen Figur eingenommen: Der junge Mann in gestreifter Häftlingskleidung hat einen Stock in der Hand und verweist damit nicht nur auf die Umkehrung früherer Machtverhältnisse, sondern auch auf die latente Gewaltsamkeit der gesamten Szene – der Krieg ist hier zwar faktisch schon Vergangenheit, doch für die abgebildeten Menschen scheint das Geschehene noch sehr lebendig. [4] Unterschiedlichste Emotionen spiegeln sich in ihren Gesten und Gesichtern. Gänzlich unbewegt wirkt nur der Mann am rechten Bildrand mit dem akkuraten Seitenscheitel und der Sonnenbrille, die ihn ebenso wie der Stift in seiner Hand, seine Sitzposition und die Platte des vor ihm aufgebauten Tischs von den anderen Personen distanziert. Es handelt sich um den Kommandanten des Lagers, Wilhelm Henry van der Velden, der hier die Rolle des unparteiischen Richters einnimmt. Eine eingeschüchterte Täterin, ein wütendes Opfer, ein um Distanz bemühter Beobachter: „Die drei Protagonisten des Bildes zeigen deutlich das Trauma der Vergangenheit, die Wut der Gegenwart und die Bewältigungsarbeit der Zukunft.“[5] Der Mann, der diesen Schnappschuss so meisterhaft komponiert hat, Henri Cartier-Bresson, war übrigens selbst jahrelang in deutscher Gefangenschaft gewesen. Seine Fotos im Dessauer Lager entstanden im Auftrag der Alliierten.

Benjamin Drechsel


[1] Koetzle, Hans-Michael. 2005. Photo Icons. Die Geschichte hinter den Bildern. 1827–1991. Köln: Taschen (Original von 1996), S. 206–215.

[2] Kurze Anmerkungen dazu bei Sontag, Susan. 2003. Das Leiden anderer betrachten. München: Hanser (engl. Original ebenfalls 2003), S. 43.

[3] Beispielsweise in Marien, Mary W. 2006. Photography. A Cultural History. London: King (2. Auflage), S. 301.

[4] Koetzle, Hans-Michael. 2005. Photo Icons. Die Geschichte hinter den Bildern. 1827–1991. Köln: Taschen (Original von 1996), S. 213f verweist auf einen Filmmitschnitt des Geschehens, der zeigt, wie die rechte Frau der Beschuldigten ins Gesicht schlägt, sodass diese aus der Nase blutet.

[5] Gülland, Philipp. 2007b. „Ein Bild und seine Geschichte: Meister des Einzelbildes.“ In Stern.de, 11. April, www.stern.de/unterhaltung/fotografie/:Ein-Bild-Geschichte-Meister-Einzelbildes/586647.html (21. April 2009).


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Entdeckung einer Kollaborateurin. Bildanalysetext zur Abbildung 7 der Ikone „Zweiter Weltkrieg“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/zweiter-weltkrieg/abb7-entdeckung-einer-kollaborateurin.html

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