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Abb. 5: Blick vom Rathausturm auf das zerstörte Dresden

Blick vom Rathausturm auf das zerstörte Dresden (Deutschland) September 1945
© Sächsische Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) /Deutsche Fotothek / Richard Peter sen.

Blick vom Rathausturm auf das zerstörte Dresden (Deutschland) September 1945
© Sächsische Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) /Deutsche Fotothek / Richard Peter sen.

Im Februar 2002 erschien die Novelle Im Krebsgang[1] von Günter Grass. Der Text über die Flucht der deutschen Bevölkerung aus Ostpreußen löste eine lebhafte öffentliche Debatte um das Leid von Deutschen im Zweiten Weltkrieg aus, das zuvor nach Ansicht einiger KritikerInnen erinnerungskulturell tabuisiert worden war.[2] Auch die Bombardierung Deutschlands durch die Alliierten wurde in diesem Zusammenhang diskutiert; besonders umstritten war die ebenfalls 2002 erschienene Publikation Der Brand von Jörg Friedrich.[3] Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel machte die alliierten Bombardements Anfang 2003 zum Thema der Serie „Als Feuer vom Himmel fiel. Der Bombenkrieg gegen Deutschland.“ Auf dem Titel der Spiegel-Ausgabe vom 6. Januar 2003 war eine Fotografie der zerstörten Stadt Dresden abgebildet. Das Motiv ähnelte dem hier gezeigten in hohem Maße, wurde allerdings von einem anderen Fotografen (Walter Hahn) aufgenommen. Der Angriff auf die Dresdner Innenstadt vom 13. bis zum 15. Februar 1945 durch britische und US-amerikanische Bomber zählt zu den zentralen deutschen Erinnerungsorten des Zweiten Weltkriegs.[4] Zur „Ikone der sogenannten Trümmerfotografie“[5] ist dabei die hier zu sehende Fotografie von Richard Peter geworden. Die wohl im September 1945 entstandene Aufnahme zeigt den Blick vom Rathausturm auf das zerstörte Dresden. Eine steinerne Skulptur ist als Repoussoirfigur gezeigt, d.h. sie steht kompositorisch im Vordergrund, um so den Blick auf die zerstörte Stadtlandschaft unter ihr mit mehr räumlicher Tiefe auszustatten – bei Landschaftsgemälden werden beispielsweise Bäume häufig in dieser Funktion gezeigt. Die Personifikation der Güte (häufig auch als Engel interpretiert) scheint wehklagend, je nach Interpretation vielleicht aber auch richtend, von der Galeriebrüstung des Turms auf die Verwüstung zu ihren Füßen herabzublicken. Nicht umsonst besteht die Vordergrundfigur aus Stein: Menschliches Leben fehlt auf dem Bild, die Ruinenlandschaft wirkt wie ein ausgebranntes Gerippe. Richard Peters druckte die Fotografie bereits 1950 in seiner Publikation Dresden – eine Kamera klagt an[6] ab. Seither taucht das ikonische Motiv in unterschiedlichsten Kontexten immer wieder auf, wenn es darum geht, die Folgen des Luftkriegs zu visualisieren.

Benjamin Drechsel


[1] Grass, Günter. 2002. Im Krebsgang. Eine Novelle. Göttingen: Steidl.

[2] Zur Novelle und der anschließenden Debatte vgl. Prinz, Kirsten. 2004. „‚Mochte doch keiner was davon hören‘ – Günter Grass’ ,Im Krebsgang‘ und das Feuilleton im Kontext aktueller Erinnerungsverhandlungen.“ In Medien des kollektiven Gedächtnisses. Konstruktivität – Historizität – Kulturspezifität, hg. v. Astrid Erll und Ansgar Nünning, S. 179–194. Berlin: de Gruyter.

[3] Friedrich, Jörg. 2002. Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945. Berlin: Propyläen; ebenfalls häufig in der Diskussion um die Tabuisierung erwähnt wurde Sebald, Winfried G. 1999. Luftkrieg und Literatur. München: Hanser (erstmals 1997). Kritisch zu These der Tabuisierung etwa Beyersdorf, Herman. 2007. „Das kleine Dorf und der große Krieg. Arno Surminskis Roman Vaterland ohne Väter.“ In Ostpreußen – Westpreußen – Danzig. Eine historische Literaturlandschaft, hg. v. Jens Stüben, S. 589–603. München: Oldenbourg,  S. 593.

[4] Als zentralen nationalen Mythos untersucht Münkler, Herfried. 2009. Die Deutschen und ihre Mythen. Berlin: Rowohlt, S. 362–387 die Geschehnisse von Dresden und zeigt dabei auch das einschlägige Bildmotiv (ebd., S. 362).

[5] Hesse, Wolfgang. 2009. „Der ‚Engel‘ von Dresden. Trümmerfotografie und visuelles Narrativ der Hoffnung.“ In Das Jahrhundert der Bilder. Band I: 1900 bis 1949, hg. v. Gerhard Paul, S. 730–737. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 730. Ebd., S. 734 auch der erwähnte Spiegel-Titel.

[6] Peter, Richard. 1950. Dresden – eine Kamera klagt an. Dresden: Dresdener Verlagsgesellschaft.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Blick vom Rathausturm auf das zerstörte Dresden. Bildanalysetext zur Abbildung 5 der Ikone „Zweiter Weltkrieg“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/zweiter-weltkrieg/abb5-blick-vom-rathausturm-auf-das-zerstoerte-dresden.html

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