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Abb. 12: SPIEGEL-Titel „Verbrechen der Wehrmacht“

SPIEGEL-Titel „Verbrechen der Wehrmacht“, 10.März 1997
© Spiegel-Verlag

Die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ wurde 1995 in Hamburg eröffnet. Anschließend wanderte sie durch Deutschland und Österreich. Sie sollte die These von der systematischen Verquickung der Wehrmachts-Kriegsführung mit antisemitischem bzw. antislawischem Rassismus und daraus resultierenden Verbrechen visuell untermauern. Als Quellen dienten dazu neben den Bildern der Propagandakompanien insbesondere Tatfotos, welche deutsche und österreichische Soldaten mit ihren eigenen Kameras aufgenommen hatten und die ihnen bei ihrer Gefangennahme oder Tötung abgenommen worden waren.[1] Zum vielleicht berühmtesten Bild der Ausstellung entwickelte sich ein Motiv, das ein Sonderberichterstatter der Propagandaillustrierten Signal erzeugt hatte. Gerhard Gronefeld hatte die Fotografie jedoch nicht abgegeben, sondern zu Hause versteckt: Die Erschießungsszene ist in der serbischen Stadt Pančevo entstanden. Ein Wehrmachtsoffizier zielt mit der Pistole auf eine Person, die gemeinsam mit anderen vor einer Mauer liegt. Neben ihm steht ein SS-Mann, im Hintergrund schauen Soldaten zu.[2] Am 10. März 1997 verwendete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel das Motiv als Vorlage für die Titelzeichnung zu den „Verbrechen der Wehrmacht“, die hier zu sehen ist. Durch seine öffentliche Verbreitung wurde das Bild „zu einer der Ikonen der neuen Sicht auf den deutschen Vernichtungskrieg im Osten“[3]. Die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung löste heftige Emotionen (und dabei keineswegs nur Zustimmung) aus: 1999 wurde sie in Saarbrücken sogar zum Ziel eines Sprengstoffanschlags. Zudem kritisierten Historiker wie etwa Bogdan Musial, dass einige Fotos fälschlich der Wehrmacht zugeordnet worden seien.[4] Die erste Ausstellung wurde schließlich zurückgezogen und von einer Kommission begutachtet, die Fehler und Mängel im Detail sowie unzulässige Auslassungen und Pauschalisierungen, aber letztlich doch korrekte „Kernaussagen“[5] feststellte. Eine deutlich veränderte Fassung der Ausstellung wurde dann von 2001 bis 2004 gezeigt.[6]

Benjamin Drechsel


[1] Reflexionen zur Funktion solcher Bilder bei Hoffmann-Curtius, Kathrin. 2002. „Trophäen in Brieftaschen – Fotografien von Wehrmachts-, SS- und Polizeiverbrechen.“ In Dinge. Medien der Aneignung – Grenzen der Verfügung, hg. v. Gisela Ecker, Claudia Breger und Susanne Scholz, S. 114–135. Königstein/Taunus: Helmer.

[2]Teilweise polemisch vorgetragene Informationen zum Bild und dessen Rezeption bei Manoschek, Walter. 1999. „Beweisaufnahmen. Pančevo, 22. April 1941.“ In Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, hg. v. Hamburger Institut für Sozialforschung, S. 184–197. Hamburg: Hamburger Edition..

[3] Paul, Gerhard. 2004. Bilder des Krieges – Krieg der Bilder. Die Visualisierung des modernen Krieges. Paderborn: Schöningh, S. 310.

[4] Musial, Bogdan. 1999. „Bilder einer Ausstellung. Kritische Anmerkungen zur Wanderausstellung ‚Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944‘.“ In Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 47: S. 563–591.

[5] Bartov, Omer et al. 2000. Bericht der Kommission zur Überprüfung der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, hg. v. Hamburger Institut für Sozialforschung, November, www.his-online.de/download/Kommissionsbericht.pdf (22. April 2009), S. 82.

[6] Kritik an den allgemein eher positiv aufgenommenen Änderungen aus Sicht des Leiters der ersten Ausstellung bei Heer, Hannes. 2004. Vom Verschwinden der Täter. Der Vernichtungskrieg fand statt, aber keiner war dabei. Berlin: Aufbau (2. Auflage).


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, SPIEGEL-Titel „Verbrechen der Wehrmacht“. Bildanalysetext zur Abbildung 12 der Ikone „Zweiter Weltkrieg“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/zweiter-weltkrieg/abb12-spiegel-titel-verbrechen-der-wehrmacht.html

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