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Fimsequenz A: Ungarnaufstand (A 1956)

Ungarn 1956 (Österreich 1956)
Produktion: Österreichischer Rundfunk (ORF)
Quelle: Archivmaterial ORF
Sequenz: 00:17:18:00–00:21:05:00, stumm

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Infolge des Ungarn-Aufstandes flüchteten 1956 UngarInnen nach Österreich. Bereits im Sommer 1956 kamen die ersten Flüchtlinge über die ungarisch-burgenländische Grenze. In den folgenden Monaten flüchteten mehr als 200.000 Ungarn und Ungarinnen vor politischer Repression und militärischer Gewalt. In der Nähe des burgenländischen Dorfes Andau, wo der Einser-Kanal die Grenze zwischen Österreich und Ungarn bildet, flüchteten rund 70.000 UngarInnen über Österreich ins westliche Ausland. Während der ungarischen Revolution wurden mehr als 25.000 Ungarn und Ungarinnen bei den Kämpfen getötet, 2.000 RevolutionärInnen zum Tode und etwa 20.000 am Protest Beteiligte zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Ungarnaufstand stellt eine entscheidende Etappe in der Geschichte der Ostblockstaaten dar und gilt als Vorbote des „Prager Frühlings“ von 1968 und der Solidarność-Bewegung (1980–81) in Polen.

Am 4. November 1956 schickte die Fernsehredaktion des Österreichischen Rundfunks mehrere Kameraleute an die ungarisch-burgenländische Grenze bei Andau (Seewinkel), um den massiven Andrang von Flüchtlingen (zwischen 70.000 und 80.000) zu dokumentieren. Das erhaltene Ausgangsmaterial des ORF ist ein seltenes historisches Dokument, das ohne Kommentar, mit verwackelter Handkamera und improvisierten Kameraschwenks die Ankunft der Flüchtlinge zeigt. Mehrmals verliert die Kamera den Überblick, sie zeigt rätselhafte Explosionen im Bildhintergrund, die nicht aufgeklärt werden, und wird oft von der Dynamik der Fluchtbewegungen selbst überrascht. Dieser passiv-rezipierende Kamerastil, der den Ereignissen mehr oder weniger ausgeliefert ist, emotionalisiert weniger durch inszenatorische Intervention, sondern vielmehr mit dem „spontanen“ Dokumentarismus der Momentaufnahme und seines Filmstils der bewegten und mobilen Handkamera, der verwackelten Bilder, der Unschärfen, der scheinbar „unkomponierten“ Totalen und sporadischen Reißschwenks. In den Nahaufnahmen der Gesichter versucht die Kamera wieder zu einer Erzählform zurückzufinden, die an die Wahrnehmungskonventionen des Spielfilms anknüpft.

Der Flüchtlingsstrom über die ungarisch-österreichische Grenze nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution von 1956 und die kollektive Hilfe Österreichs für 200.000 Flüchtlinge ist bis heute der Hintergrund historischer Erzählkultur und Gedächtnispolitik in Österreich.[1] Das nationale Hilfsprojekt von 1956 fungiert in den gegenwärtigen Debatten als Referenzereignis für die politische Haltung zu Flüchtlingsfragen und kreist um die Frage: Warum war – im Gegensatz zur gegenwärtigen „Duldung“ von Flüchtlingen – damals die Bevölkerung zu weitgehenden Hilfeleistungen bereit?

Ramòn Reichert

 


[1] Vgl. die jüngste Publikationslandschaft, Schmidl, Erwin A., Hg. 2003. Die Ungarnkrise 1956 und Österreich. Wien u.a.: Böhlau; Murber, Ibolya, Hg. 2006. Die ungarische Revolution und Österreich 1956. Wien: Czernin; Deák, Ernő, Hg. 2006. Revolution – Flucht – Integration. Ungarn–Österreich 1956. Katalog zur Ausstellung im Palais Porcia, 6. November–1. Dezember 2006. Wien: Zentralverband Ungarischer Vereine und Organisationen in Österreich.


Zitierempfehlung: Reichert, Ramón, Ungarnaufstand. Filmanalysetext zur Filmsequenz A der Ikone „Zwangsmigration und Flucht“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,

URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/zwangsmigration-und-flucht/fimsequenz-a-ungarnaufstand.html

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