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Filmsequenz B: Prager Frühling 1968

Prager Frühling (Österreich 1968)
Sendeformat: Zeit im Bild, 27. 08. 1968
Quelle: Archivmaterial ORF
Sequenz: 00:13:13:04–00:17:40:00

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Der als „Prager Frühling“ bezeichnete Demokratisierungsprozess wollte die Machtstrukturen der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei aufbrechen, erfasste breite Bevölkerungsschichten und wurde wesentlich von den Medien mitgetragen. Am 21. August 1968 okkupierten die Armeen von fünf Warschauer-Pakt-Staaten das Territorium der Tschechoslowakei und beendeten damit den Prager Frühling auf gewaltsame Weise. Nach der blutigen Niederschlagung der Reformbewegung in der Tschechoslowakei flohen 1968 mehr als 150.000 Menschen nach Österreich. Nach dem militärischen Einmarsch wurde Österreich eines der wichtigsten Erstzielländer für tschechoslowakische Flüchtlinge, wobei der Hauptstadt Wien eine zentrale Rolle zukam. Neben Meldungen über die politische Lage brachte der ORF auch Informationen über die aktuelle Lage der Flüchtlinge in Österreich.

Am 27. August 1968 berichtet die Nachrichtensendung Zeit im Bild über die Flüchtlingshilfe der österreichischen Bundesregierung. „In der Eishalle am Wiener Donaupark wurden Tausende Notbetten aufgestellt“, berichtet der Kommentar, der die Flüchtlinge in der darauf folgenden Szene als „tschechoslowakische Urlauber“ bezeichnet, „die vorübergehend in Österreich bleiben wollen“. Mit dieser Stellungnahme beschwichtigt der Nachrichtenkommentar mögliche Befürchtungen des Fernsehpublikums, dass sich die Flüchtlinge gegebenenfalls „länger“ im Land aufhalten könnten. Die Bildebene verstärkt die Distanzierung zu den Flüchtlingen, indem mit langsamen Kameraschwenks hauptsächlich Einstellungen aus der totalen Perspektive gezeigt werden. Nach der Abgrenzung („Touristen auf der Durchreise“) und Vereinnahmung der Flüchtlinge („Eine Welle der Hilfsbereitschaft“) zeigt der Bericht offenkundiges Interesse am persönlichen Schicksal der Flüchtlinge, die in Interviewszenen präsentiert werden. Somit erhalten die tschechoslowakischen Flüchtlinge die Möglichkeit, über sich selbst zu erzählen, und der gesamte Bericht erhält eine emotionalisierende und authentifizierende Evidenz. Mit der Sequenz der biografischen Erlebnisberichte nimmt der Fernsehbericht über die Lage der Flüchtlinge in Österreich eine individualisierende Perspektive aus der Sichtweise der Flüchtenden ein. Zwischen den Flüchtlingen und den im Beitrag erwähnten „hilfsbereiten Österreichern“ wird jedoch keine Interaktion sichtbar gemacht; die Flüchtlinge bleiben in den Interviewszenen isoliert. Die einzelnen „Fallbeispiele“ sind mit Bildfolgen montiert, die den geordneten Ablauf der Flüchtlingshilfe signalisieren sollen. Die in formaler Strenge postierten Notbetten und die systematische Ordnung der Wäschestücke sollen eine gut funktionierende Planung und reibungslose Organisation veranschaulichen. In diesem Zusammenhang nimmt die Kamera das Flüchtlingslager in Lokalaugenschein: Für den oder die BetrachterIn soll – mithilfe der Dokumentation – sowohl ein beruhigtes Bild der Ordnung (reibungslose Bewältigung der „Flüchtlingsströme“) als auch die Möglichkeit zur Identifikation (persönliche Interviews) entstehen.

Ramón Reichert


Zitierempfehlung: Reichert, Ramón, Prager Frühling 1968. Filmanalysetext zur Filmsequenz B der Ikone „Zwangsmigration und Flucht“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,

http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/zwangsmigration-und-flucht/filmsequenz-b-prager-fruehling.html

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