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Abb. 6: Flüchtlingstreck über das vereiste Haff aus Ostpreußen

Flüchtlingstreck über das vereiste „Frische Haff“ aus Ostpreußen (heutiges Polen), Jänner/Februar 1945

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Bilder von Menschenkolonnen, sogenannte Flüchtlingstrecks, stellen einen zentralen Bestandteil der Bildmotive von Zwangsmigration im Europäischen politischen Bildgedächtnis dar. Diese Momentaufnahmen von Zwangsmigration vergegenwärtigen ein „bestimmendes Kennzeichen der Geschichte Europas im 20. Jahrhundert “[1]. Dieses Bildgenre bildet individuelle Leidenserfahrung der zivilen Bevölkerung ab und wirkt damit emotionalisierender als andere Gattungen von Bildern des politischen Bildgedächtnisses (z.B. Bilder von Vertragsunterzeichnungen) enthistorisiert, also die Vorgeschichte und der Kontext der Zwangsmigration treten bei Betrachtung des Bildes in den Hintergrund. Damit ist dieses Bildgenre offen für Rehistorisierungen verschiedener Art.

Dies kann man beispielsweise anhand des Motivs Flüchtlingstreck über das vereiste Haff beobachten, das nicht zuletzt 2002 auf dem Titelblatt des deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zu finden war.[2]. Die massenmediale Präsenz dieses und anderer Bilder von „Flucht und Vertreibung“ Anfang der 2000er Jahre in Deutschland steht im Kontext einer „Rückkehr der Erinnerung“, wobei die Vertreibungserfahrungen die Tendenz erhalten, als eine Art „deutsche Normalerfahrung“ hin zu einem deutschen „Opfer-Kollektiv“ erinnert zu werden.[3] Dieses konkrete Bildmotiv des Frischen Haffs bei Danzig (heutiges Polen, damaliges Ostpreußen) Ende des Zweiten Weltkriegs vom Jänner/Februar 1945 charakterisiert Karl Schlögel daher als „Bestandteil des traumatisierten nationalen Gedächtnisses“[4] für Deutschland. Wesentliche Elemente dieses Fotos – wie auf vielen Abbildungen von Zwangsmigration – sind der Pferdewagen, alte Menschen, Kinder und Frauen sowie die Kameraperspektive, welche die Dynamik der Bewegung der Marschkolonne vergegenwärtigt.

Petra Mayhofer

 


[1] Ohliger, Rainer. 2006. „Flucht und Vertreibung als Migrationsgeschichte: Möglichkeiten und Grenzen einerneuen Deutung und Erinnerung“ In Definitionsmacht, Utopie, Vergeltung. „Ehtnische Säuberungen“ im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts, hg. v. Ulf Brunnbauer, Michael G. Esch und Holm Sundhaussen, S. 213–240. Berlin: LIT Verlag, hier: S. 219.

[2] Vgl. Der Spiegel, Cover der Ausgabe 13/2002

[3] Uhl, Heidemarie. 2008. „Der gegenwärtige Ort von ‚Flucht und Vertreibung‘ im deutschen und österreichischen Gedächtnisdiskurs.“ In Diskurse über Zwangsmigrationen in Zentraleuropa. Geschichtspolitik, Fachdebatten, literarisches und lokales Erinnern seit 1989, hg. v. Peter Haslinger, K. Erik Franzen und Martin Schulze Wessel, S. 157–175. München: R. Oldenburg Verlag (= Veröffentlichungen des Collegium Carolinum Band 108), hier: S. 173.

[4] Zit. Schlögel, Karl. 2003. „Europa ist nicht nur ein Wort. Zur Debatte um ein Zentrum gegen Vertreibungen.“ In Flucht und Vertreibung in europäischer Perspektive, hg. v. Jürgen Danyel und Philipp Ther, S. 5–13. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 51. Jg, Heft 1. Berlin: Metropol Verlag, hier: S. 10.


Zitierempfehlung: Mayrhofer, Petra, Flüchtlingstreck über das vereiste Haff aus Ostpreußen. Bildanalysetext zur Abbildung 6 der Ikone "Zwangsmigration und Flucht“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,

URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/zwangsmigration-und-flucht/abb6-fluechtlingstreck-ueber-das-vereiste-haff-aus-ostpreussen.html

 

 

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