Filmsequenz B: Nuit et brouillard

Nuit et brouillard (Frankreich 1955)
Drehbuch: Jean Cayrol, Anatole Dauman, Samy Halfon, Philippe Lifchitz, Musik: Hanns Eisler,
Kamera: Ghislain Cloquet, Sacha Vierny, Schnitt: Alain Resnais
Filmsequenz: 01:30-04:45

Zehn Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ist Alain Resnais’ Dokumentarfilm Nuit et brouillard (Nacht und Nebel) entstanden. Der Film aus dem Jahre 1955 ist eines der frühesten filmischen Zeugnisse über den Holocaust und sorgte für internationales Aufsehen, da durch diesen Film erstmals breite Bevölkerungsschichten mit authentischem Bildmaterial aus dem Holocaust konfrontiert wurden. Resnais’ Film thematisiert die „Nacht-und-Nebel-Aktionen“ des NS-Regimes, bei der des Widerstandes verdächtige Personen in die Konzentrationslager des Dritten Reichs deportiert wurden. Auf Initiative des Historikers Henri Michel wurde der Film im Jahr 1955 von Anatole Dauman produziert. Regie führte Alain Resnais und die Filmmusik schrieb Hanns Eisler.

Der Titel „Nacht und Nebel“ bezieht sich auf den „Führererlass“ vom 7. Dezember 1941, der die deutschen Behörden ermächtigte, mutmaßliche Saboteure, Partisanen oder Widerstandskämpfer unter fadenscheinigen Beschuldigungen „verschwinden“ zu lassen. Die Opfer dieser Aktion wurden entweder sofort zum Tod verurteilt und hingerichtet oder aus den besetzten Gebieten nach Deutschland verschleppt. Die gemäß diesem Erlass inhaftierten Betroffenen wurden in den Konzentrationslagern als „NN-Häftlinge“ bezeichnet.

Nuit et brouillard dauert 32 Minuten und verknüpft farbige Filmsequenzen, welche das verfallene Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von 1955 zeigen, mit dokumentarischem Archivmaterial in Schwarz-Weiß. Diese beiden Darstellungsebenen sind kontrapunktisch aufeinander bezogen. Die für das Projekt in Farbe aufgenommenen Filmsequenzen sind mit einem Kommentar des französischen Schriftstellers Jean Cayrol montiert, der sich im Jahr 1940 der französischen Widerstandsbewegung anschloss, 1943 inhaftiert und in das KZ Mauthausen deportiert wurde. Seine monologisch vorgetragenen Erörterungen beschreiben den Alltag im Konzentrationslager, der aus endlosen Demütigungen, Grausamkeiten und Tötungen bestand. Die deutsche Übersetzung dieses Kommentars wurde von Paul Celan verfertigt und weicht bisweilen aus poetischen Gründen vom Original ab.

Nuit et brouillard setzt sich aus drei filmischen Aussageordnungen zusammen. Zu Beginn des Films dominiert der Farbfilm, der in langen Kamerafahrten einsame Baracken, menschenleere Appellplätze und ungenutzte Schienen und Ruinen zeigt. Der Film versucht zu dokumentieren, dass auch ein Ort des Schreckens wie das KZ von der Natur zurückerobert wird: „Was für das Filmteam von Resnais und für diejenigen, die den Film damals sahen, noch eine Entdeckung war, ist fünfzig Jahre danach nicht nur zum Klischee erstarrt, sondern die bevorzugte Präsentationsweise der Vernichtungs- und Konzentrationslager. Das Überwucherte gilt als Symbol für das Ausradierte, so wie der Stacheldraht bereits vor dem Zweiten Weltkrieg das Leiden symbolisierte. Das Wort Stacheldraht fehlt übrigens im Kommentar von Nuit et brouillard, hingegen werden elektrische Drähte genannt.“[1]

In weiterer Folge wechselt der Film zu dem Schwarz-Weiß-Film, der nach Kriegsende vom britischen Militär zur historischen Dokumentation des Holocaust gedreht worden war. Schließlich setzt sich der Film mit der Medialisierung des Holocaust auseinander und bespricht Fotos und Filme, die zehn Jahre nach der Befreiung von Auschwitz zum Bilderkanon gehören.

Ramón Reichert


[1] van der Knaap, Ewout. 2008. Nacht und Nebel. Gedächtnis des Holocaust und internationale Wirkungsgeschichte. Göttingen: Wallstein Verlag, S. 45.

 


 

Zitierempfehlung: Reichert, Ramón, Nuit et brouillard. Filmanalysetext zur Filmsequenz B der Ikone „Stacheldraht“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/stacheldraht/filmsequenz-b-nuit-et-brouillard.html

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