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Filmsequenz A: Im Westen Nichts Neues

Aus kostenrechtlichen Gründen können wir diesen Film nicht online anbieten, einen Ausschnitt des Films finden Sie hier.

Lewis Milestones Adaption des Erfolgsromans Im Westen nichts Neues (1929) von Erich Maria Remarque gilt als der erste Anti-Kriegs-Film der Tonfilmgeschichte. Sein Film hat nicht nur wegen seiner pazifistischen Literaturverfilmung breite Anerkennung erfahren, sondern hat auch als eine erfolgreiche Hollywoodproduktion das Kinopublikum überzeugen können.

Die ersten Aufführungen des Filmes in Deutschland wurden von einer Demonstration von mehr als 6.000 Nationalsozialisten begleitet, von einer flammenden Rede von Goebbels gegen den Film und dem Antrag der Regierungen von Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Bayern und Württemberg, den Film zu verbieten, was schließlich mit folgender Verbotsbegründung am 11.12.1930 vollzogen wurde: „Eine so ausgesprochen einseitige Darstellung, die die ganze Krassheit des Krieges und seine menschlichen Schwächen nur und ausschließlich auf deutscher Seite sucht und findet und jedes ethische Moment auf deutscher Seite bewusst vermissen lässt, wird von weitesten Volkskreisen, die Kriegsteilnehmer gewesen sind, ohne Rücksicht auf ihre Parteizugehörigkeit als Verhöhnung empfunden. Eine solche Darstellung wird dem Gemütsleben einer Generation des deutschen Volkes, die in diesem Krieg gelitten und ihr Leben gelassen hat, so wenig gerecht, dass es verständlich erscheint, wenn sie laute Proteste auslöst. Insoweit befindet sich die Oberprüfstelle in Übereinstimmung mit dem Gutachten des Sachverständigen des Reichswehrministeriums […], dass der vorliegende Bildstreifen nicht der Film des Krieges, sondern der Film der deutschen Niederlage ist.“[1]

Schützengräben und Stacheldraht sind die düsteren Symbole der Materialschlachten des Ersten Weltkriegs. Jahrelang hockten Millionen junger Männer in erbärmlichen Schlammlöchern, um sich als Kanonenfutter abschlachten zu lassen. Neben der wegweisenden Erzählperspektive des Films können vor allem die handwerklich herausragenden Kampfszenen überzeugen, die damals Maßstäbe gesetzt haben und auch heute noch sehr eindrucksvoll anzusehen sind. Die geschickt eingebauten Szenen aus der subjektiven Kameraperspektive versetzen den/die ZuschauerIn mitten ins Geschehen. Man sieht die Masse der feindlichen Soldaten erst fern und unscheinbar, dann immer bedrohlicher auf den eigenen Schützengraben zufluten. Das mechanische Massenmorden der Maschinengewehre setzt ein, zu Hunderten sterben die Soldaten: „Die Grabenkampfsequenz mit den berühmten MG-Salven ist für Im Westen nichts Neues als Antikriegsfilm ein Schlüsselereignis, das auch filmästhetische Einsichten zulässt, insbesondere im Hinblick auf das Zusammenwirken von Bildschnitt, Ton und Bedeutung. Die Kamera fährt mit dem Kran im Tempo der Herauseilenden den Graben entlang, in dem sich die Soldaten verteilen. Dabei geht die Bewegung von links nach rechts und die Soldaten rennen in voller Größe, in Draufsicht gesehen, diagonal von links oben nach rechts unten durch das Bild. Die zweite Kranfahrt, diesmal von links nach rechts, fährt ruhig über die Wartenden hinweg, wobei sich wieder der Graben als dynamische Diagonale durch das Bild zieht. Damit ist der Gesamtrhythmus der Sequenz etabliert, der Wechsel zwischen statischen Einstellungen und Kranfahrten eingeführt. Spätestens in der zeitlichen Mitte der Sequenz beginnt ihr Höhepunkt, der wegen seiner Ästhetik und Wirkung in die Filmgeschichte einging. Aus der Grabensicht der Deutschen beginnt eine Kamerafahrt von links nach rechts, während die Franzosen auf die Kamera (d. h. auf die Deutschen) zurennen und angeschossen niederfallen. Unterschnitten wird diese Fahrt mit den Einstellungen eines MG-Schützen, der in leichter Draufsicht von vorne (d. h. etwa aus der Sicht der Franzosen) gezeigt wird. […] Insgesamt, mit der Unterbrechung, sind diese zwei Fahrten zwar nur 35 Sekunden lang (bei einer Gesamtlänge der Sequenz von insgesamt 6 Min. 28 Sek., vergl. Protokoll im Anhang), aber durch die kurzen 35 Einstellungen, die durchschnittlich eine Sekunde lang sind (die MGs nur 6–7 Felder, d. h. eine Drittelsekunde), dauert dieses Töten eine Ewigkeit: Durch seine unerbittliche Wiederholung wird subjektiv die Zeit so gedehnt, dass damit das maschinelle Töten grausam und gnadenlos erscheint.“[2] Im Westen nichts Neues ist bis heute für das Genre stilbildend, da der Regisseur die neuen technischen Möglichkeiten des Films zu nutzen verstand: Kamerafahrten über Schützengräben und Schlachtfelder oder das beeindruckende Tonsampling der Granaten und Bomben ermöglichten eine neuartige Medialisierung des Krieges.

Ramón Reichert


[1] Zit. n. www.remarque.uni-osnabrueck.de (3.6.2009)

[2] Beller, Hans. 1991. „Gegen den Krieg: Im Westen nichts Neues (All Quiet in the Western Front, 1929).“ In Fischer Filmgeschichte. Bd. 2: Der Film als gesellschaftliche Kraft 1925-1944, hg. v. Werner Faulstich und Helmut Korte, S. 110–129. Frankfurt/Main: Fischer.


Zitierempfehlung: Reichert, Ramón, Im Westen Nichts Neues. Filmanalysetext zur Filmsequenz A der Ikone „Stacheldraht“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/stacheldraht/filmsequenz-a-im-westen-nichts-neues.html

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