Abb.4: Plakat mit Fragezeichen aus Stacheldraht

Plakat mit Fragezeichen aus Stacheldraht, 1950
©Stankowski-Stiftung / Anton Stankowski

Plakat mit Fragezeichen aus Stacheldraht, 1950
©Stankowski-Stiftung / Anton Stankowski

Bücher zum Thema der nationalsozialistischen Konzentrationslager haben auf ihren Einbänden immer wieder Stacheldraht gezeigt. Er ist ja nicht nur als Instrument der Raumteilung sehr einfach zu handhaben, sondern auch als visuelles Symbol: Wenige Striche genügen, um grauenhafte Assoziationen hervorzurufen. Bereits 1933 erschien der Taschenroman zum NS-Terror von Heinz Liepmann im Exil unter dem Titel „Das Vaterland“: Es zeigte u.a. ein aus Stacheldraht geformtes Hakenkreuz auf dem Umschlag.[1] Solche Beispiele waren in den folgenden Jahren und Jahrzehnten Legion. Sie funktionierten aber auch in umgekehrter politischer Richtung: Die NS-Propaganda wendete das Stacheldrahtmotiv gegen Großbritannien. So zeigte der von Horst R. Stage gestaltete Umschlag einer Broschüre des Auswärtigen Amtes von 1940 unter dem Titel „Deutsche als Freiwild. Britischer Terror gegen Kolonialdeutsche im Weltkrieg“ Stacheldraht vor einer Afrikakarte. Nach dem Weltkrieg tradierten dann die ehemaligen Gefangenen der verschiedenen kriegsführenden Nationen den verhassten Stacheldraht als identitätsstiftendes Symbol: Beispielsweise hieß eine erstmals 1945 erschienene Vereinszeitschrift ehemaliger französischer Kriegsgefangener „Le front de barbelé“ (Die Stacheldrahtfront). Der deutsche „Verband der Heimkehrer“ (VdH) wiederum warb 1950 mit dem hier gezeigten Plakat von Anton Stankowski, dem zur Visualisierung der Frage „Wann kommen sie wieder?“ ein Fragezeichen aus Stacheldraht dient. Wie ein Damoklesschwert hängt das Geflecht über einer Doppelszene: In der linken Mitte laufen zwei müde Kofferträger ins Bild. Rechts unten, beinahe an den gigantischen Schatten des Stacheldraht-Fragezeichens stoßend, ist die Hoffnung auf ihre glückliche Heimkehr ins Bild gesetzt: Der hier mit den beiden Kindern gezeigte Mann ist wohl als Vater zu verstehen, der seine Tochter und seinen Sohn zum ersten Mal seit seiner Kriegsgefangenschaft wiedersieht. Der Blumenstrauß in seiner Hand, aber auch der glücklich genießende Gesichtsausdruck des Mannes mit seinen geschlossenen Augen verweisen auf die Außergewöhnlichkeit dieses Moments.

Benjamin Drechsel


[1] Dieses und die folgenden Beispiele bei Körner, Klaus. 2001. „Front – Lager – Grenze. Zur politischen Ikonographie des Stacheldrahts im 20. Jahrhundert.“ Auskunft 21: S. 113–140, hier S. 118–122.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Plakat mit Fragezeichen aus Stacheldraht. Bildanalysetext zur Abbildung 4 der Ikone „Stacheldraht“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/stacheldraht/abb4-plakat-mit-fragezeichen-aus-stacheldraht.html

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