Abb. 2: Deutsches Werbeplakat für Kriegsanleihe

Deutsches Werbeplakat für Kriegsanleihe, 1917
© akg-images/Fritz Erler

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Der Stacheldraht übernahm im Stellungskampf des Ersten Weltkrieges (1914–1918) eine wichtige Rolle: „Er hindert die feindlichen Soldaten am wirkungsvollsten daran, schnell vorwärtszukommen, ohne von weither sichtbar zu sein, hält dem Artilleriefeuer stand und ist preiswert und einfach zu bauen.“[1] Er wurde als Vorfeldsicherung vor Schützengräben eingesetzt. Er diente dazu, feindliche Angriffe aufzufangen und dabei zu verlangsamen. So wurden sie den Waffen der Verteidiger leichter zugänglich. Der Stacheldraht half mithin dabei, zwischen den feindlichen Parteien einen Raum höchster Grausamkeit zu schaffen, für den die Effizienz des wechselseitigen Tötens das entscheidende Herrschaftskriterium war. Die Verteidigenden erreichten ihren Zeitvorteil, indem sie Pfosten in versetzten Reihen aufstellten und dann per Draht vom Fuß eines Pfostens zur Spitze eines anderen miteinander verbanden.[2] Durch minimalen Aufwand (verglichen etwa mit dem Bau einer Mauer) wurde so ein abgegrenzter Raum für menschliche Körper nicht bzw. sehr schwer passierbar: ein entscheidender Vorteil in der Materialschlacht, in der erbittert um jeden noch so kleinen Gebietsgewinn gerungen wurde. Sowohl die Errichtung als auch die Zerstörung einer Stacheldrahtsperre im Frontgebiet war ein lebensgefährliches Geschäft, weil man dabei sehr nah an die feindlichen Stellungen gelangte. Darauf verweist das Leitmotiv des im Stacheldraht verfangenen menschlichen Körpers, das in Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ auf zwei Hände verdichtet ist, die abgeschossen im Draht hängen.[3] Fritz Erlers äußerst erfolgreiches Werbeplakat für die sechste deutsche Kriegsanleihe „Helft uns siegen! Zeichnet die Kriegsanleihe“ von 1917 zeigt dagegen einen Soldaten, der sich an einen Pfosten mit zertrenntem Stacheldraht lehnt und seine Augen auf ein mystisches Ziel in der Ferne richtet.[4] Das Pathos der hier gezeigten Bildpropaganda liegt insbesondere im Blick des Mannes. Die Augen im Schatten des darüber lastenden Stahlhelms scheinen beinahe zu glühen. Der trotzige Gesichtsausdruck und die fest zupackende Hand stehen für die Unerschütterlichkeit des Kämpfers. Die Überwindung des Stacheldrahtverhaus wird hier mit propagandistischen Mitteln zum Pars pro Toto des Sieges im Stellungskampf stilisiert.

Benjamin Drechsel


[1] Razac, Olivier. 2003. Politische Geschichte des Stacheldrahts. Prärie, Schützengraben, Lager. Berlin: diaphanes, S. 29.

[2] Vgl. Razac, Olivier. 2003. Politische Geschichte des Stacheldrahts. Prärie, Schützengraben, Lager. Berlin: diaphanes, S. 30.

[3] Vgl. Remarque, Erich Maria. 2002. Im Westen nichts Neues. Köln: Kiepenheuer & Witsch (16. Auflage), S. 83; das Motiv des im Stacheldraht verfangenen Menschen findet sich allerdings nicht nur in Literatur oder Bildwerken, die auf den Ersten Weltkrieg bezogen sind; es taucht auch in der Erinnerungskultur zu den NS-Konzentrationslagern auf, so in Nandor Glids Dachauer Mahnmal aus dem Jahr 1968.

[4] Vgl. Clark, Toby. 1997. Kunst und Propaganda. Das politische Bild im 20. Jahrhundert. Köln: DuMont, S. 106f.


 

Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Deutsches Werbeplakat für Kriegsanleihe. Bildanalysetext zur Abbildung 2 der Ikone „Stacheldraht“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
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